Groß Stresow

Groß Stresow auf Rügen bedeutete für Kinder die große Freiheit

Karl-Walter Böttcher wurde auf dem Dreiseitenhof geboren, auf dem er noch heute lebt.

Karl-Walter Böttcher wurde auf dem Dreiseitenhof geboren, auf dem er noch heute lebt.

Groß Stresow. „Unser Dorf ist ein Platz an der Sonne, an dem es sich gut leben lässt“, sagt Karl-Walter Böttcher. Dabei sitzt er auf der schmucken Terrasse seines Dreiseitenhofs, auf dem er auch geboren wurde und blinzelte in eben jene Sonne. „Ich bin Jahrgang 1950 und damit der älteste hier geborene Einwohner.“ Der Hof sei einst eine Bauernwirtschaft von 40 Hektar gewesen. Die Areale mit den schlechteren Böden hätten die Bauern bekommen, die besseren habe der Putbusser Fürst an die Gutsdörfer vergeben. Um 1900 war Groß Stresow noch ein Weilerdorf mit drei Bauern und drei Fischern. Später habe der Fürst weitere Häuser, darunter eine Gastwirtschaft, erbaut. 1872 hätten 130 Einwohner in lediglich sechs Häusern gelebt.

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Den Hof hatte sein aus dem nahen Lonvitz stammender Vater 1933 übernommen. Als der gerade einmal zwölf Jahre alt war, starb dessen Vater, Karl-Walter Böttchers Großvater, zwei Wochen nach Beginn des Ersten Weltkriegs in Polen an Typhus. „Unser Familienbetrieb ging 1958 in die LPG über“, sagt Böttcher. Groß Stresow war einmal eigenständig und gehörte später zur Gemeinde Lancken-Granitz, das somit Schulort war. „Jeden Morgen um Dreiviertel sieben fuhr ich mit meinem Fahrrad die vier Kilometer zur Schule“, erzählt Karl-Walter Böttcher. „Wenn viel Schnee lag, spannte einer der Bauern ein Pferd vor seinen Schlitten und brachte die Kinder des Dorfes zur Schule.“ Als er später auf die Erweiterte Oberschule nach Bergen wechselte, fuhr er von Seelvitz aus mit der Kleinbahn. „Es war für uns die große Freiheit“, fasst er seine Kindheit zusammen, die ihn zum einzigen Berufswunsch führte. „Ich wollte immer Landwirt werden.“

Am Spaten wachsen Zweige

Nach der Armeezeit heiratete Karl-Walter Böttcher 1972 seine aus Putbus stammende Frau Sieglinde, mit der er drei Kinder aufzog. Andrea, die beim Finanzamt in Greifswald arbeitet, Christoph, der in Groß Stresow ein eigenes Haus baute und Ulrike, die heute den elterlichen Betrieb von etwa tausend Hektar führt. Neben der Haltung von Mutterkühen zählt dazu der Anbau von Weizen und Gerste, aber auch Raps und Mais, die als Tierfutter und in der Bergener Biogasanlage Verwendung finden. Wo es geht und gefördert wird, sät die Familie auch Blühwiesen aus. „Das muss man einfach machen in der heutigen Zeit, in der es keinen vielfältigen Anbau mehr gibt. Sonst würden sich unsere Vorfahren im Grab umdrehen“, meint Böttcher. Früher sei es üblich gewesen, mindesten sechs Arten in einer Fruchtfolge zu ernten. „Aber Kartoffeln will heute keiner mehr sehen und Rüben müssten wir zur Zuckerfabrik bis nach Greifswald bringen. Für den Boden ist das nicht lustig, aber wir können schließlich nicht gegen den Markt anproduzieren.“

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Optimal sei das hügelige, aus Sand und Lehm bestehende Land um Groß Stresow noch nie gewesen. „Wo die Landschaft schön ist, ist die Landwirtschaft nicht schön“, habe sein Vater zu sagen gepflegt. Anders als beispielsweise auf Wittow. „Wenn du da am Abend einen Spaten in den Boden stichst, hat der morgens Zweige.“ Auch ungewöhnlich trocken bleibe es hier. „Der Regen macht in Putbus Halt“, hat Karl-Walter Böttcher gelernt. Ein Platz an der Sonne eben.

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Uwe Driest

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