Drigge/Wardow

Schäfer schimpft: „Raben sind schlimmer als Wölfe“

Schäfer Reinhard Martin aus Drigge auf der Insel Rügen hat Probleme mit Kolkraben, die häufig Lämmer, aber auch Mutterschafe angreifen.

Schäfer Reinhard Martin aus Drigge auf der Insel Rügen hat Probleme mit Kolkraben, die häufig Lämmer, aber auch Mutterschafe angreifen.

Drigge/Wardow. Es ist nicht nur der Wolf, der Schäfern und Rinderhaltern zunehmend Sorgen macht. Auch Kolkraben greifen vor allem in der Lammzeit die Herden an. Dann bieten sich den Schäfern grausige Bilder: Ausgehackte Augen, blutige Schwänzchen, sogar Löcher klaffen im Bauch.  „Die Vögel picken vor allem auf die Weichteile“, hat Reinhard Martin in Drigge auf Rügen beobachtet. Er macht die unter Naturschutz stehenden Raben dafür verantwortlich, dass er  innerhalb eines Jahres mehr als 60 Lämmer verlor. Auf Gut Wardow im Landkreis Rostock starben in diesem Jahr sogar mehr als 100 Lämmer und 20 Mutterschafe durch Attacken von Kolkraben. Der Bauernverband kennt zudem Fälle, in denen Kälbern kurz nach der Geburt die Augen ausgehackt wurden.

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Bei Wolfsattacken starben 60 Weidetiere, durch Raben viel mehr

Dass er sich damit an die Öffentlichkeit wendet, hat einen Grund: „Es wird so viel über den Wolf geredet, dabei machen Raben größere Schäden“, meint der Öko-Schäfer. „Raben sind noch schlimmer als Wölfe.“ Nach Wolfsattacken könnten Tierhalter eine Entschädigung erhalten, bei Verlusten durch Rabenvögel jedoch nicht. Laut Schweriner Agrarministerium haben Wölfe seit Januar bei 24 Übergriffen 60 Tiere getötet und 22 verletzt.

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Bei Kolkraben dürften es deutlich mehr sein, wie schon wenige Beispiele zeigen: Schäfer Ingo Stoll in Langsdorf bei Tribsees (Vorpommern-Rügen) zum Beispiel verlor dieses Jahr zehn, in schlimmeren Jahren aber auch 25 bis 30 Lämmer durch die schwarzen Vögel. Auf dem Öko-Gut Wardow im Landkreis Rostock wurden von Dezember bis Mai über 100 Lämmer und 20 Mutterschafe Opfer der Raben. Schadenshöhe allein in diesem Betrieb: 12.000 Euro.

Manfred Büssa, Landwirt in Baumgarten bei Bützow, weiß aus eigener Erfahrung, dass Kolkraben auch Kälber auf der Wiese angreifen. Andere Landwirte haben Raben-Attacken auf Rehkitze, Feldhasen, Rebhühner und Gänse beobachtet. Diese Angriffe werden – anders als beim Wolf – von den Behörden bisher nicht erfasst.

Ornithologen zweifeln hohe Zahl der Verluste an

Ornithologen ist bekannt,  dass Kolkraben Weidetiere attackieren. Allerdings bezweifeln sie die hohe Zahl der Verluste. „Normalerweise können sich gesunde Tiere gegen die Vögel wehren“, meint Klaus-Dieter Feige von der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft MV. Seiner Meinung nach handelt es sich um schwache Lämmer, die möglicherweise ohnehin nicht überleben würden.

Jutta von Kuick, Chefin auf Gut Wardow, bestreitet das. „Unsere Lämmer waren kräftig.“ Dass die Lage in Wardow besonders prekär ist, hängt damit zusammen, dass sich im Nachbardorf regelmäßig etwa 700 „halbstarke“, noch nicht geschlechtsreife Kolkraben sammeln. „Das ist eine der größten Kolkrabenkolonien Deutschlands“, weiß die Öko-Bäuerin, die sich intensiv mit der unter Naturschutz stehenden größten Art der Rabenvögel beschäftigt hat. Sie nahm auch Kontakt zu einem der bekanntesten Rabenforscher Deutschlands auf. Der Wissenschaftler von der Uni Hamburg kam nach Wardow, um sich die Lage vor Ort anzusehen. Aus der erhofften Kooperation wurde aber nichts, bedauert Jutta von Kuick.

Bauernverband: Schonzeit für Kolkraben aufheben

Um die Schäden für die Landwirte zu reduzieren, verlangt der Landes-Bauernverband, „die Schonzeit des Kolkraben aufzuheben“ und die Vögel wieder regelmäßig zu bejagen. Nach jüngsten Zahlen des Landes-Umweltamtes brüten in MV bereits wieder 2800 bis 3000 Kolkrabenpaare. „Damit muss der Bestand nicht mehr als gefährdet eingestuft werden“, heißt es beim Bauernverband. Gut Wardow hatte im Frühjahr bereits die Erlaubnis erwirkt, zur Abschreckung fünf Tiere schießen zu dürfen. „Gebracht hat das aber nichts“, sagt Jutta v. Kuick. „Kurz danach waren die Raben wieder da.“ Manfred Büssa in Baumgarten dagegen hatte Erfolg damit, als in seinem Betrieb – ebenfalls mit Ausnahmegenehmigung – einige Kolkraben geschossen wurden. Bei drei kräftigen, neugeborenen Kälbern hatten die Raben dort Augen und Ohren angehackt. „Die Schüsse brachten Unruhe, der Rabentrupp verschwand.“

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Jutta v. Kuick ist unschlüssig: „Erst rotten wir eine Art fast aus, dann sprechen wir sie heilig. Wir sollten lieber in friedlicher Koexistenz mit den Tieren leben“, meint die Landwirtin. Wie das machbar ist? Für praktikable Vorschläge wäre sie dankbar, ebenso wie ihr Rügener Schäfer-Kollege Reinhard Martin. Langsdorfs Schäfer Ingo Stoll versucht, seine Mutterschafe zur Lammzeit möglichst in den Stall zu holen. „Das reduziert die Verluste.“

Bauern sollen melden, wo es gehäuft Rabenangriffe gibt

Bio-Schäfer, die ihre Tiere lieber auf der Weide halten, hoffen auf andere Lösungen. Immerhin: Ornithologe Klaus-Dieter Feige bietet an: „Wenn in der nächsten Lammzeit gehäuft Rabenangriffe auftreten, sollten die Bauern uns verständigen. Dann schicken wir jemanden, der sich das anschaut. Vielleicht fällt uns gemeinsam etwas ein.“

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    Elke Ehlers

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