Tragödie

Seebrückeneinsturz vor 110 Jahren auf Rügen mit 17 Toten: „Ich musste Ertrinkende abschütteln“

Am 28. Juli 1912 brach ein Teil der Seebrücke von Binz auf Rügen ein. 17 Menschen ertranken. Das Unglück war der Auslöser für die Gründung der DLRG 1913.

Am 28. Juli 1912 brach ein Teil der Seebrücke von Binz auf Rügen ein. 17 Menschen ertranken. Das Unglück war der Auslöser für die Gründung der DLRG 1913.

Binz. 110 Jahre nach dem dramatischen Seebrücken-Unglück in Binz präsentiert eine neue Ausstellung die Identität der Opfer. 16 der 17 Menschen, die infolge des Einsturzes der Seebrücke am 28. Juli 1912 starben, habe man anhand historischer Zeitungsberichte identifizieren können, sagte Initiator Arndt Schmitz. Er brachte vor einem Jahr den Stein ins Rollen, nachdem er Aufzeichnungen seines Großvaters auf dem Dachboden entdeckt hatte.

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Bis zu 1000 Menschen standen vor 110 Jahren auf der mehr als 500 Meter langen Seebrücke, als der Brückenkopf unter der Last zusammenbrach und fast 100 Menschen in die Ostsee stürzten. Viele ertranken, andere starben später. Viel ist über das Ereignis an diesem Sonntag im Sommer 1912 nicht bekannt. Betroffene behielten ihre Erinnerungen für sich, vertrauten sich nur wenigen Personen an. So beruht das Unglück von der Binzer Seebrücke bis heute auf Fakten und einer Handvoll Augenzeugenberichten.

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„Erlebnisse drei Jahrzehnte später aufgeschrieben“

Schmitz’ Großvater Karl Saß war ein Überlebender des Unglücks. Als er als 22-Jähriger auf der Seebrücke auf den Dampfer für die Rückfahrt wartete, passierte das Unglück. Das Erlebte brachte er drei Jahrzehnte später zu Papier. Als er 1976 mit 86 Jahren starb, landete sein Nachlass auf dem Dachboden seines Kindes. Lange lagen die Aufzeichnungen dort – bis die Corona-Pandemie kam und er 2020 den Dachboden entrümpelte. „Dabei stieß mein Vater auf die Tagebucheintragungen meines Opas“, sagt Arndt Schmitz (53).

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Am 28. Juli 1912 brach ein Teil der Seebrücke von Binz auf Rügen ein. 17 Menschen ertranken. Das Unglück war der Auslöser für die Gründung der DLRG 1913.

Am 28. Juli 1912 brach ein Teil der Seebrücke von Binz auf Rügen ein. 17 Menschen ertranken. Das Unglück war der Auslöser für die Gründung der DLRG 1913.

Er beschrieb detailliert, wie er und unzählige weitere Menschen gerettet werden und das sichere Ufer wieder erreichen konnten. „Ich musste Ertrinkende abschütteln, die sich an mich klammerten. Ich tauchte auf und schöpfte Luft, sank wieder runter und kam wieder hoch“, stand dort etwa geschrieben. Oder: „Da ich schwimmen konnte, gab ich meinen Rettungsring an einen Schwächeren ab, kam mit ein paar Stößen aus dem inneren Gewimmel heraus und schwamm an ein Segelboot heran, in das ich mich hineinziehen ließ.“

16 Opfer identifiziert

Die Idee des Enkels: Anhand dieser Beschreibungen eine Dauerausstellung ins Ostseebad zu bringen, die auf dieses Ereignis aufmerksam macht. Als Partner hatte er dafür die Mitglieder des Fördervereins Museum Ostseebad Binz gewinnen können. Mithilfe der Landesbibliothek MV sowie des Vereins Pommerscher Greif, der sich auf Familien- und Ortsgeschichtsforschung spezialisiert hat, konnte er neue Fakten für eine Ausstellung gewinnen. Er hatte zum Beispiel sämtliche Ausgaben der Stettiner Neueste Nachrichten sowie der Greifswalder Zeitung vorliegen.

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Marikke Behrens von der Kurverwaltung (v.l.) sowie Arndt und Anna Schmitz legten im Juli 2021 Blumen am Gedenkstein an der Seebrücke nieder.

Marikke Behrens von der Kurverwaltung (v.l.) sowie Arndt und Anna Schmitz legten im Juli 2021 Blumen am Gedenkstein an der Seebrücke nieder.

Nur ein Opfer des Unglücks tauchte bisher immer namentlich auf: Gemeindediener und Schutzmann Päper aus Binz. „Das war die Aufsichtsperson, stand am Brückenkopf und sollte den Passagierverkehr beim Anlegen regeln. Er ist bei der Ausübung seines Dienstes gestorben“, so Arndt Schmitz. Mehr war lange über die anderen Toten nicht bekannt. Bis er kürzlich einen Zeitungsartikel fand, in dem elf der 17 Toten aufgelistet waren – damals fand in der Berichterstattung Datenschutz noch keine Rolle. „In den darauffolgenden Tagen tauchten weitere Artikel von Personen auf, die damals ins Wasser stürzten und Tage danach an Lungenentzündungen gestorben sind. Somit konnten wir 16 der 17 Opfer ihre Identität wiedergeben“, sagt er.

„Nummer 17 bleibt ein Mysterium“

Ein Großteil kam aus Greifswald. Diese Leute standen am Brückenkopf, wollten mit dem Dampfer zurück in ihre Heimatstadt fahren. Andere kamen unter anderem aus Bergen, Radeberg oder Steglitz. „Doch aller Bemühungen zum Trotz konnten wir Nummer 17 nicht ausfindig machen. Nummer 17 bleibt ein Mysterium.“ Er fand in den Artikeln auch ein Interview seines Großonkels Otto Saß, der mit seinem Opa damals in Binz war und einer Zeitung danach ein Interview gab. Auch, dass nach der Tragödie lange nach einem Schuldigen gesucht wurde. „Der Prozess verlief im Sande, ein Schuldiger wurde nicht gefunden.“ Die Aufzeichnungen hatte die Mutter von Arndt Schmitz auf Band gesprochen. Mithilfe eines QR-Codes kann man demnächst die Schilderungen von Karl Saß auch in digitaler Form hören. Alle Ergebnisse seiner Forschungsarbeit sind im Museum in Binz (Bahnhofstraße 56) ausgestellt.

Touristen laufen auf der Seebrücke des Seebades Binz. Vor genau 110 Jahren – am 28. Juli 1912 – brach der Landungssteg der Binzer Seebrücke zusammen und riss bis zu 100 Menschen ins Meer, 17 starben.

Touristen laufen auf der Seebrücke des Seebades Binz. Vor genau 110 Jahren – am 28. Juli 1912 – brach der Landungssteg der Binzer Seebrücke zusammen und riss bis zu 100 Menschen ins Meer, 17 starben.

Dieses Unglück war ausschlaggebend dafür, die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) zu gründen. Seit 1913 existiert sie. Robert Beinert, Vizepräsident der DLRG MV, kam zur Ausstellungseröffnung und betonte, dass heutzutage immer noch zu viele Menschen nicht schwimmen können. Kein Wunder: „In den vergangenen 17 Jahren haben 80 Schwimmbäder zugemacht. Es ist dauerhaft also gar nicht sichergestellt, dass jedes Kind schwimmen lernt“, sagt er. Es gebe zwar immer mal wieder Leuchtturmprojekte, aber es sei nicht gesichert, dass es die breite Masse lernen wird, würden nicht Eltern und Großeltern mit den Kindern schwimmen lernen. „In Binz haben wir eine sehr gute Zusammenarbeit mit der Kurverwaltung, aber wir benötigen mehr Leute, die sich ehrenamtlich als Rettungsschwimmer engagieren“, sagt er.

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Von Mathias Otto

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