Bergen gestern und heute: Stadtgeschichte Teil 2

Von der Fürstenburg zur Stadt Bergen auf Rügen – eine über 1000-jährige Historie

Markt mit Denkmal 1870-71 Aufnahme um 1920.

Markt mit Denkmal 1870-71 Aufnahme um 1920.

Bergen. Die geballte Kraft der Entwicklung Bergens ging vom Marktflecken aus und entwickelte sich, heute noch gut sichtbar, serpentinenartig ins Tal. Eindrucksvoll gibt die Stralsunder Bilderhandschrift aus dem beginnenden 17. Jahrhundert das wachsende städtische Bild wieder. Der Standort des wohl ältesten Gebäudes , der „taberne in gora“ befand sich an markanter Position, wo heute Markt 1 steht. Der spätere 2. Standort ist der heutige Ratskeller. Hier befand sich der Krug und Räumlichkeiten der Ratsherrlichkeit in der 1. Etage und dem sich anschließenden Kophus der Gewandschneider.

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Nach 1613 ließ der Bergener Magistrat vor dem Rathaus einen eigenen Schandpfahl errichten. Zwischen Krug und Kirche lag der Friedhof, der bis 1829 existierte. Wo heute die Post von 1891/92 steht, befand sich der im frühen Mittelalter angelegte Marktpfuhl. Das darauf folgende Hochständerfachwerkhaus des Bäckermeister Benedix wurde zu Beginn des 17.Jahrhunderts erbaut. Hier befindet sich noch heute, wie einst in vielen Handwerker- und Kaufmannshäusern ein Lastenaufzug. Die Häuser der Ostseite des Marktes wurden als „ganze Häuser“ bezeichnet und dienten auf Grund der Lage angesehenen Familien, die im fürstlichen Dienst standen.

Im 18. Jahrhundert wandelte sich das Stadtbild

Viele dieser Häuser besaßen Kellergewölbe, die oft aus dem 15. Jahrhundert stammten und die großen Stadtbrände überdauert hatten. Auf dem Weg zur Burg an der Vieschstraße lagen ein Krug und der Ausspann, später der „Stern“ und „Zum Rugard“ Große Brände, wie der von 1445 zogen den Marktbereich mit der Kirche in Mitleidenschaft.1538 fielen wiederum 55 Bauten im Marktbereich den Flammen zum Opfer. Der Brand von 1690 vernichtete nicht nur das Rathaus sondern auch das Gedächtnis von Bergen, das Stadtarchiv. Der Brand von 1726 vernichtete 64 Häuser. Nur ein Zufall rettete das 1613 begonnene Bürgerbuch. Ein weiteres Unglück für Bergen war die Pest im 30 jährigen Krieg zwischen 1626 und 30, wo nach Angabe mehr als 50 % der Einwohner starben. Ebenso wirkte sich die napoleonische Fremdherrschaft im beginnenden 19. Jahrhundert negativ auf die Entwicklung aus.

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Die zentrale Bedeutung des Marktes erkennen wir auch an den strahlenförmigen Zufahrten zum Markt. Die heutige Marktstraße, sowie die Königstraße bis ins 19.Jahrhundert auch „via regia“ genannt, die Vieschstraße als zuführende Burgstraße waren Wege ins Zentrum. Die Raddasstraße, die in die Heide führte, gewann mit dem Bau des Lietzower Dammes nach 1868 an Bedeutung. Im 18.Jahrhundert wandelte sich das innere Stadtbild. Das Schloß war verschwunden, ebenso die Klostergebäude. Dafür wurde 1708 das schwedisch königliche Amtshaus errichtet und um 1732 die Stiftsgebäude im Kloster. Das Rathaus wurde als zweistöckiges Fachwerkgebäude an historischer Stelle erbaut. Weitere errichtete Häuser bekamen ein festes Dach und kein Rohrdach mehr, denn nunmehr preußische Polizeiverordnungen untersagten nach 1815 diese Bedachungen.

Zahlreiche Häuser wurden mit dem Giebel zur Straße errichtet. Bergen besaß ein Hospital, Chirurgen und zwei Apotheken. Daneben gab es Verwaltungsangestellte, den Amtsmann, die Polizei, die Post, Schule und Kirche. Die Bürger übten mehrheitlich ein Handwerk aus oder waren Kaufleute, nebenbei unterhielten sie oft eine kleine Landwirtschaft. Bergen war eine Acker – Bürger – Stadt. So konnten die Bergener Bürger in schlechten Zeiten auf eine Selbstversorgung zurückgreifen. Dazu kamen noch 13 selbstständige Fischer. Ein starker Rückgang war in der Gastbewirtung zu verzeichnen. So wurden zu Beginn der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts neben dem Ratshauskeller nur noch 3 Krüger und 3 Brauer verzeichnet. 1506 gab es noch 14 Krüge in Bergen.1780 zählte Bergen 1374 Einwohner und 1861 waren es 3.647.

1871 gab es 3316 Einwohner in Bergen

Das 1838 erbaute Amtsgericht festigte Bergen als Gerichtsstandort für Rügen und stärkte den 1806 geschaffenen eigenständigen „Landkreis Rügen“. Sitz des Landrates wurde das neu erbaute Kreishaus in der Billroth – Straße. Mit der Industriealisierung im 19. Jahrhundert und dem Anschluss 1883 von Bergen an die Großbahn Deutschlands,setzten wiederum Veränderungen ein, wie der zunehmende Tourismus. Übrigens eine 1896 eingeweihte Kleinbahn ausgehend von Bergen, über Patzig, Wittower Fähre bis nach Altenkirchen diente vorrangig dem Transport von Gütern. Der Betrieb wurde 1970 eingestellt. Ein neues Rathaus mit einem „deutschnationalen Museum“ wurde 1878 an der Ostseite des Marktes erbaut. Das Hotel „Zum Goldenen Adler“ und das „Deutsche Haus“ trugen der Besuchernachfrage Rechnung. Dem Bau des neoklassizistischen bürgerlichen Spalding- Jacobschen Jungfrauenstiftes in der 2. Hälte des 19. Jahrhunderts folgte nach 1913 der im Jugendstil geprägte zweite Bauabschnitt. Im Erdgeschoß befanden sich einst drei Geschäfte. Beide Häuser dominieren bis heute den Markt, nun allerdings als Rathaus. Auf dem Schafsberg erbaute Uhrmachermeister Giesow sein in der Fassade prägendes Wohn- und Firmenhaus. 1891/92 erbaute Maurermeister Freese auf dem trocken gelegten Marktpfuhl das Reichspostgebäude, dem 1913 ein Anbau für Telefonie folgte.

Gegenüber diesem errichteten die Bergener 1885 ein Denkmal mit der Victoria für die gefallenen rügenschen Männer der Kriege 1864, 1866 und 1870/71. Die „Jungkommunisten“ liquidierten das Denkmal nach 1945 als Symbol des Militarismus. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es um Bergen herum noch 14 Mühlen. Die Zahl der Kaufleute erhöhte sich zwischen 1852 und 1860 um 13 auf 30 und es gab wieder mehr Gastwirtschaften - 18 an der Zahl. Mittlerweile existierten Ausgang des 19. Jahrhunderts 33 Fuhrleute. Entscheidend für den industriellen Fortschritt war auch die Strom- und Wasserversorgung, die mit dem Bau eines städtischen Wasser – und Elektrizitätswerkes 1898/99 die Lebensqualität entscheidend verbesserte. Die Einwohnerzahlen entwickelten sich von 1871 mit 3616 bis 1933 auf 5507 Einwohnern.

Die Stralsunder Malerin Antonie Biel zeichnete um 1850 den Markt. Ein Ölgemälde aus dieser Zeit mit identischer Darstellung ist leider nur als Foto erhalten. Gut erkennbar sind die mehrstöckigen Fachwerkhäuser, die um den Markt stehen. In der Mitte befindet sich der sogenannte Marktscharren. Hier hatten die Fleischer ihre Stände. Außerdem fanden die Spritze und die Nachtwächter hier Quartier, ebenso eine Arrestzelle. Auf dem Markt stand der „Kaak“, der Schandpfahl zur Schaustellung von Verurteilten. Ende des 19. Jahrhundert wurde der Scharren abgetragen. Dominant sehen wir hier noch den Marktpfuhl, der nicht nur für Löschwasser und als Viehtränke diente, sondern leider auch zur täglichen Abfallbeseitigung.

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Bergen entwickelte sich als Industrie- und Handelsstandort weiter

Auf dem Bergener Markt traf sich Rügen zum Handeln und sicherlich auch um gesehen zu werden und zu politisieren. Hier wurden Jahrmärkte und Wochenmärkte abgehalten, wie ein Foto um 1910 zeigt. Es gab kaum ein Haus in Bergen , welches keinen kleinen Laden hatte von wo aus Handel getrieben wurde. Zahlreiche Unternehmen wie das Kunststeinwerk „Rugia,“ , die Lederfabrik Gootz und die Möbelfabrik Freese förderten u.a. den Wohlstand und Ansehen der Stadt. Die Nationalsozialistische Ära nutzte den Platz für Ihre Aufmärsche und nannte den Markt in „Platz der SA“ um. Er war großflächig mit Kopfsteinpflaster und breiten Laufspuren belegt. Zur Zierde wurden Linden gepflanzt.

Zu DDR Zeiten, nach 1949 entwickelte sich Bergen als Industrie- und Handelsstandort weiter. Neben der volkseigenen Fleischwirtschaft, Brot- und Backwaren, der Molkerei gab es das Wohnungsbaukombinat (WBK). Zwei Wohngebiete entstanden vor Bergen und eine Wohnsiedlung. Der Markt, als Herzstück erfuhr mehrere Umgestaltungen. Prägnant war stets der Kreisverkehr. Es gab wiederum eine Umbenennung des Areals in Karl- Marx- Platz. Zu DDR Zeiten wurde das bürgerliche Jungfrauenstift zur Poliklinik (Ärtzehaus mit sozialen Einrichtungen) Davor legte die Stadt eine kleine Parkanlage an mit einem Springbrunnen. Zum Verweilen waren Bänke aufgestellt. Die Linden dort stehen dankenswerterweise heute immer noch. Jahre später gestaltete man den Brunnen um und eine Bronze in Form einer Marktfrau mit zwei Krügen unter den Armen, fand das Wohlgefallen der Besucher.

Nach 1989 fiel sie über Nacht „Vandalismus“ zum Opfer und die Stadtverwaltung ließ die „Bergener Kunst“ ganz verschwinden. Nach 1990 erfolgte die historische Rückbenennung zum „Markt“ und eine komplette Neukonzeption des Marktes. Die Idee war sicherlich zu der Zeit sinnvoll, denn man wollte an alte Traditionen anknüpften um das Marktleben zu fördern. Der neu geschaffene Brunnen sollte ein Segeldach bekommen, was glücklicherweise nicht zur Ausführung kam. Eine neue Gestaltungssatzung lässt heute noch mehr Spielraum für „Innovatives“ zu. Ein Bildungspool ist das vor einigen Jahren erbaute Mediencentrum auf dem Markt und die 1913 eingeweihte Arndt- Realschule das heute rügensche Arndt- Gymnasium am Raddas. So steht der Markt bis heute sinnbildlich für Lebenskraft und Ideologie!

Perspektive für Erholung und Kultur

Mittlerweile gibt es in der Bahnhofstraße das Einkaufszentrum „Seifertsche Märkte“, neben diversen Discountern um Bergen herum. Rotensee und Bergen-Süd sind schon fast eigene Satellitenstädte mit funktionierender Infrastruktur. Nach 1990 wurden auch in Bergen zahlreiche Großbetriebe abgewickelt. Viele Menschen verließen ihre Heimat und zogen fort. Die Einwohnerzahlen gingen von 20.000 auf 13.000 zurück. Mit der Bildung des neuen Kreises „Vorpommern-Rügen“ 2011 verlor auch Bergen den Status einer Kreisstadt und so manche Institution zog auf das Festland.

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Bergen ist heute der Gesundheits- und Schulstandort für Rügen. Zahlreiche kleine Unternehmen mit prägender Individualität sind ein fester Bestandteil des positiven Wirkens vor Ort. Bergen bietet Perspektiven für Erholung und Kultur und hat vorzeigbare Werte. Erkenntnisse über unser Bergen vermittelt das kleine, jedoch feine Stadtmuseum im Klosterhof oder eine individuelle historische Führung mit mir. Die Menschen in Bergen haben Feuersbrünste, Kriege, Hunger und Seuchen überstanden und nie den Mut verloren für sich und für ihr Bergen.

Handwerker und Kaufleute stellten noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts Senatoren und Altermänner, die die Geschicke der Stadt lenkten. Sie lebten in und von und mit dieser Stadt. Sie hatten keine bessere, jedoch die Liebe zu ihr. Vielleicht fehlen den Menschen des 21.Jahrhunderts mit ihrer Globalisierung und Vernetzung diese Antriebe? Meine Gedanken zur historischen Entwicklung von Bergen möchten Ansporn sein und Nachdenken beflügeln, damit wir aus der Geschichte für unsere Zukunft lernen und diese gemeinsam gestalten.

Uwe Hinz

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