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Bergen gestern & heute

Von Zünften und Zunftzeichen

Die Bahnhofstraße Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die Bahnhofstraße Anfang des 20. Jahrhunderts.

Bergen.Seien Sie mal zu sich ganz ehrlich! Wann sind Sie zuletzt die Bahnhofstraße entlang gegangen und haben bewusst die in den Bürgersteig eingelassenen Zunftzeichen entdeckt? Die Stadt Bergen ehrt ihr altehrwürdiges Handwerk. So geschehen mit der Rekonstruierung der Bahnhofstraße. Sie hieß im Mittelalter Lange Gasse, später dann Gingster Straße und mit der Einweihung von Großbahnhof und Bahnstrecke im Jahre 1883 wurde daraus die Bahnhofstraße. Diese Straße steht für wirtschaftliche und touristische Entwicklung des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Villen, Wohn- und Geschäftshäuser begleiten die Straßenführung. Prägend und beispielgebend sind die Häuser des Korbmachers Wolle, des Stadtbaumeisters Christoph Jasmund und das des Steinmetzmeisters Oswald Seifert. Mit dem Bahnanschluss kamen zunehmend Touristen nach Bergen und steigerten durch ihr Verweilen den Wohlstand von Handwerkern, Kaufleuten und Gastronomen. Diese Bahnhofstraße war bislang ein weitgehend erhaltenes Beispiel für den Baustil des Historismus. Diese fast geradlinig führende Straße eignete sich sehr für eine Besonderheit. So würdigten Stadtverwaltung und Stadtvertreter die historischen Leistungen der Bergener Gewerke, indem in den Gehweg acht Zunftzeichen eingebettet wurden.

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Historie erzählt vom Fleiß

Bergen, eine Ackerbürgerstadt hat eine vielseitige Historie, die durch den Fleiß der Bürger bestimmt wurde und wird. Handwerker schlossen sich zu Zünften zusammen und diese vereinten sich in Gilden, um die Entwicklung ihres Gemeinwesens mit zu gestalten. So steht der „Goldener Brinken“, ein Platz in der oberen Bahnhofstraße, eigentlich für den historischen „Gildebring“. Hier stand im 17. Jahrhundert das Haus der Bergener Gilde indem sich die Zünfte versammelten. Das Gildehaus wurde nachweislich 1881 abgerissen. Der Marktflecken Gora verdankt in erster Linie den rügenschen Fürsten und besonders Jaromar I. seine Entwicklung. Mit dem begonnenen Bau einer eigenen Residenz nach 1170 und dann 1193, als St. Marien- Kirche mit Kloster zu Bergen geweiht wurden, siedelten sich neben einer Bauhütte auch Handwerker und Kaufleute an. Die rügenschen Fürsten unterstanden nach 1168 der dänischen Krone.

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Diese repräsentierte der Landvogt, mit Sitz in Bergen. Er verwaltete die neun Gardvogteien und war oberster Gerichtsherr. All das war Voraussetzung für die Entwicklung vom slawischen „Gora“, über „villa montis“ bis zum heutigen Bergen. So gründeten nachweislich die Bergener Schuhmacher am 31.Oktober 1355 ihre Zunft. Die Priorin des Klosters zu Bergen Gertrud zu Putbus und der Konvent bestätigten in niederdeutscher Sprache die Privilegien. Dort heißt es in hochdeutscher Übersetzung : „… dass wir den Schustern zu Bergen das Gewerk mit der Freiheit gegeben haben, dass sie in ihr Gewerk aufnehmen mögen, wen sie wollen, mit Willen unseres Vormundes. Auch mögen sie Knechte aufnehmen und sie mögen ihnen tun, wie anderen Städten recht ist. Satzungen mögen sie machen, wofern sie uns nicht hinderlich sind.“ Wie wir sehen sprach das Kloster immer ein Wörtchen mit und besaß zahlreiche Privilegien.

Epoche der Vorrechte und Privilegien

Ein Dekret für die Schuhmacherzunft im 16. Jh. besagte, dass diese auf den Samstagsmärkten das Vorrecht besaßen, bis 13 Uhr alleine Häute zu erwerben. Erst danach durften andere handeln und erwerben. Für die Erlangung der städtischen Gerechtsamkeit vom Herzoghaus Pommern-Wolgast, die bekanntlich am 19. Juni 1613 vollzogen wurde, steuerten die Schuhmacher 100 Taler mit bei. Diese Handwerker waren zu dieser Zeit recht wohlhabend. Sie besaßen vor der Säkularisierung im südlichen Seitenschiff von St. Marien einen eigenen Altar. Dort befanden sich noch im 18. Jahrhundert die Gesellenbänke. Ein Ärgernis für die Zunft war das Vorrecht des Herzogs, einen sogenannten „Freischuster“, außerhalb der Zunft sein Gewerk ausüben zu lassen. Das führte zu ständigen Reibereien. Die zweitälteste Zunft bildete die der Kürschner und Pelzer. Auch diese Privilegien erteilten einvernehmlich die Priorin und der Konvent des Klosters zu Bergen am 29.August 1384. Eine Abschrift dieser Zunftprivilegien ist auf unsere Zeit überkommen. Sie beginnt mit dem Wortlaut: „Inn Gades namen, amen. Wy gheze von Pudtbutzeke, eine Prionet ho Berge des Closters, bekennen in dieser schrifft, dat wy na rade unses Conventes undt vorstendere hebben geghunt undt geven unsen koortzewerterenen unndt Pelseren,dede unse erffsetene lud sint...“ Interessant ist, dass gerade das Fell nur nach Status der einzelnen Stände getragen werden durfte. So ist Bergen als ein Ort anzusehen, der sich in seiner Bevölkerungsstruktur hervorhob – vom einfachen Bauern, über den Handwerker und Kaufmann, bis zum Amtmann und Edelmann. Kürschner waren besonders privilegiert, da besondere Fähigkeiten von Nöten waren aus Fellen die Kunst des individuellen Pelzes zu kreieren. Seit der Gründung der Zunft 1384 wirkten über die Jahrhunderte bis zum heutigen Tag Kürschner in Bergen. Als die Zunft 1590 ihre Amtsrolle erneuerte, gab es neun Mitglieder, darunter auch eine Frau, Merten Stavenberg, eine „Widtfrouwe“. 1614 wurde die Amtsrolle erneut durch den Herzog von Pommern-Wolgast Philipp Julius bestätigt. Das Amt der Kürschner ging in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein. Jedoch bestand das Handwerk weiter. Das beweist das Bürgerbuch zu Bergen seit 1613.

Bei Brand ging Amtsrolle verloren

Die älteste Nachricht über die Existenz einer Bergener Gewandschneider- und Tuchhändlerinnung kann man wohl aus einer Nachricht des Herzogs Wartislaw gegenüber Stralsund entnehmen.Wann genau diese Innung ihre Privilegien durch das Kloster bekam ist nicht bekannt. Nachweislich ließen sie ihre Amtsrolle 1477 und 1533 erneut bestätigen. Bei dem Stadtbrand 1563 gingen die Zunftlade und ebenso die Amtsrolle verloren. Am 20. Dezember 1619 gaben sich die zehn Gewandschneider von Bergen eine neue Amtsrolle, die 27 Artikel enthielt. Außerdem existierte in Bergen eine Schneiderinnung, die bereits im 16. Jahrhundert existierte. Es gab in dieser Branche nach herzoglichem Erlass wiederum einen Freischneider, der außerhalb er Zunft wirkte. Eine Klage der Innung beinhaltet, dass 1614 ein Hans Bartels, nicht dem Gebot gemäß allein, sondern bis zu fünf Gesellen angestellt hatte. Zwischen 1485 und 1490 existierte eine Leineweberzunft in Bergen. Die Privilegien wurden durch die Priorin Margarete von Preetze und den Klosterpropst Hinrich von von der Lancken ausgestellt.

Streit bei den Leinewebern

Um 1593 gab es in Bergen 27 Leineweber. Dass es dort zu Streitigkeiten kam besagt eine Klage aus diesem Jahr, in der es hieß: „dass etliche Amtsbrüder sich unterstanden hätten, die alten Beliebungen gar umzustoßen und Siegel und Briefe für nichts achten“. Diese Innung ging im 17. Jahrhundert ein. In vielen Haushalten standen zu dieser Zeit Spinnräder und Webstühle, an denen die Frauen fleißig wirkten. Das war natürlich harte Konkurrenz für die Innung und Gingst hatte den Status als Leineweberhochburg. Bereits 1700 schlossen sich Weber und Wirker zu einer neuen Innung zusammen, zur Bergener „Weber- und Wirkerinnung“. Im Jahre 1904 traten die noch lebenden Mitglieder zu einer außerordentlichen Hauptversammlung zusammen und lösten die Innung auf.

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Uwe Hinz

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