Nach Brand in Notre Dame

Kirchen in MV: Im Notfall nicht zu retten

Die Stralsunder Nikolaikirche ähnelt in der Bauweise der Pariser Kathedrale Notre Dame.

Die Stralsunder Nikolaikirche ähnelt in der Bauweise der Pariser Kathedrale Notre Dame.

Rostock/Wismar/Schwerin. Eckardt Meyer weiß, dass seine Worte wenig beruhigend klingen: "Auf so einen Brand wie in Paris, wenn eine große Kirche in Flammen steht – darauf kann man sich nicht vorbereiten." Und nein: Auf ein solches Szenario seien auch die Feuerwehren in MV nicht vorbereitet, sagt ausgerechnet Eckardt Meyer, der stellvertretende Vorsitzende des Landesfeuerwehrverbandes.

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Nach dem verheerenden Feuer in der Kathedrale Notre Dame gerät nun aber auch in MV der Brandschutz in den Gotteshäusern verstärkt in den Fokus. Selbst die Nordkirche räumt ein: "Wir können nur beten, dass so etwas bei uns nicht passiert", so Sprecher Christian Meyer. Zuletzt brannte 2013 eine Kirche in MV – in Lübsee (Landkreis Rostock).

Keine Brandmelder-Pflicht

Alte Bausubstanz, hohe Decken und Türme: Für die Feuerwehren sind Brände in Kirchen das denkbar schlimmste Brandszenario. „In den Dachstühle ist häufig noch so viel Holz verbaut. Wenn das einmal brennt, haben wir kaum noch eine Chance“, sagt Landesfeuerwehr-Vize Meyer. „Das zündet dann durch, als würden Sie ein brennendes Streichholz in eine Streichholzschachtel werfen.“ Die Feuerwehren würden regelmäßig Einsätze in Gotteshäusern üben. „Wir können nur dafür Sorge tragen, dass wir im Notfall die kritischen Punkte kennen und dass wir wissen, wo wir ausreichend Wasser für die Löscharbeiten herbekommen.“ Eine Rauchmelder-Pflicht, wie sie für Wohnhäuser gelte, gibt es für Kirchen nicht. Auch Sprinkler- oder Löschanlagen sind die Ausnahme.

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Feuerwehr fordert Notfall-Pläne

Sprinkleranlagen oder Wassertanks in den historischen Kirchendächern zu installieren – das sei schlichtweg nicht möglich, sagt Kurt Reppenhagen, Leiter des Fachbereichs Bau im Kirchenkreis Mecklenburg. Auch Brandmelder würden nur „eine Scheinsicherheit“ bieten. Die Feuerwehren im Land machen sich dennoch für strengere Brandschutz-Regeln in Gotteshäusern stark: „Einsatzpläne und Grundriss-Karten für Kirchen müssen nicht bei den Wehren hinterlegt werden. Dazu gibt es keine Verpflichtungen. Aber das würde uns helfen“, so Vize-Verbandschef Eckardt Meyer. In Rostock ist das längst passiert: „Wir haben für alle Kirchen Notfall-Pläne“, sagt Johann Edelmann, Chef der Berufsfeuerwehr.

Bad Doberan: Steigleitungen sorgen für Löschwasser

Das Bad Doberaner Münster – eine der bedeutendsten Kirchen des Landes und nach dem Vorbild Notre Dames erbaut – verfügt seit den 1980er Jahren über so genannte Steigleitungen bis in den Turm. "Über diese Leitungen kann Wasser nach oben gepumpt werden, die Wehren müssen dann nicht erst Schläuche legen", sagt Kustos Martin Heider. Die Technik sei nach dem Brand des benachbarten Wirtschaftsgebäudes des ehemaligen Klosters installiert worden. Aus Sorge um die Klosterkirche. In den meisten Kirchen gibt es so etwas nicht. "Das ist auch eine Frage des Geld", so Kirchen-Sprecher Christian Meyer

Wismar: Gut aufgestellt

Was regelmäßig in den Kirchen im Land gewartet wird, das sind die elektrischen Anlagen. „Bei uns ist das erst ein paar Tage her“, berichtet Martin Poley, Küster in St. Nikolai zu Wismar. Das Gotteshaus ist eines der größten im Land, besitzt Deutschlands vierthöchstes Kirchenschiff. „Wir verfügen über Feuerlöscher, Steigleitungen und auch Löschanlagen. Wir sind gut aufgestellt“, sagt Poley. Die Bilder aus Paris – sie hätten ihn aber mitgenommen: „Das war ergreifend. Ich war am Boden zerstört.“

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Greifswald: Schweißen nur bis Mittag

Für den Greifswalder Dom St. Nikolai gibt es einen Feuerschutzplan, der regelmäßig mit der Feuerwehr abgestimmt wird. „Die Feuerwehr macht auch regelmäßige Begehungen“, erklärt Stefan Scholz, Leiter der Bauabteilung im Pommerschen Kirchenkreis. Im Turm gebe es eine Steigleitung, die sich auch bis in das Mittelschiff und die Seitenschiffe erstreckt. Bei Bauarbeiten gelten strenge Sicherheitsvorschriften. „Geschweißt werden darf nur bis mittags, damit bis zum Nachmittag die Baustelle noch überwacht werden kann“, so Scholz. Der letzte Bauarbeiter schaltet vor Feierabend den Hauptstrom aus. Ein Problem sei allerdings, dass immer wieder Unbefugte auf das Gerüst steigen und dort Alkohol trinken, so der Abteilungsleiter. „Wenn die Flaschen dann zerbrechen, können die Scherben bei Sonnenschein wie ein Brennglas wirken. Und man kann sich ja ausmalen, was dadurch passieren kann.“ In der jüngeren Vergangenheit hatte es im Dom einen Brand infolge eines Blitzeinschlags gegeben.

Stralsund: Rauchmelder nach Brand 2005

Die Stralsunder Nikolaikirche ist von der Struktur ähnlich wie Notre Dame aufgebaut, erklärt Gerd Meyerhoff, Baureferent der Nordkirche für die Region Stralsund/Demmin. „Sie hat auch zwei Türme und einen Dachreiter über dem Kirchenschiff.“ Daher sei der Pariser Brand mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt worden. Und auch die großen Stralsunder Kirchen haben noch ihre historischen Holzdächer. In den nächsten Jahren sollen in St. Nikolai Brandabschnitte eingerichtet werden, die eine rasche Ausbreitung eines Feuers wie in Notre Dame verhindern sollen. „Ich hoffe, dass diese Katastrophe den Anstoß dazu gibt, diese Pläne zu beschleunigen“, so Meyerhoff. In der Marienkirche wurden nach einem Feuer 2005 Rauchmelder eingebaut. Damals hatte ein Gestühl nach einem Kurzschluss in einer Sitzheizung gebrannt. „Die Feuerwehr war damals sofort da und konnte löschen“, erinnert sich Meyerhoff.

Schwerin: Lehren aus Schlossbrand gezogen

Das Schweriner Schloss war 1913 durch einen Brand zu einem Drittel zerstört worden. „Die Bilder von damals erinnern sehr an die von Notre Dame“, sagt Landtagsdirektor Armin Tebben. „Wir sind daher beim Thema Brandschutz hochsensibel.“ Ein besonderes Risiko im Schloss sei die vielfältige Nutzung als Landtag, für Veranstaltungen und für Gastronomie. Aus diesem Grund gebe es in allen Bereichen Brandmeldeanlagen. Die müssen allerdings bei Bauarbeiten abgestellt werden, weil der entstehende Staub sie sonst auslösen würde. „Im alten Plenarsaal, der derzeit umgebaut wird, geht der Sicherheitsdienst daher alle zwei Stunden Streife“, erklärt Tebben. Eine Lehre aus dem Schlossbrand 1913 sei, dass zwei Löschwasserentnahmestellen angelegt wurden. Damals hatte die Feuerwehr nicht genug Wasser zum Löschen, obwohl das Schloss mitten im See liegt. Das jüngste Feuer liegt gerade ein Jahr zurück: Damals hatte eine defekte Sitzheizung einen Schwelbrand in der Schlosskirche ausgelöst.

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Andreas Meyer und Axel Büssem

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