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Opfer berichten

Makabre Masche aufgedeckt: Drei Frauen von Liebesbetrüger aus Rostock abgezockt

Drei Frauen aus Rostock und dem Landkreis Rostock sind auf denselben Betrüger reingefallen, der ihnen die große Liebe versprach und nur an ihr Geld wollte. Das Makabre: Er lernte die Frauen durch Trauerfälle kennen.

Drei Frauen aus Rostock und dem Landkreis Rostock sind auf denselben Betrüger reingefallen, der ihnen die große Liebe versprach und nur an ihr Geld wollte. Das Makabre: Er lernte die Frauen durch Trauerfälle kennen.

Rostock.Seine Stimme, diese wunderschöne, markante Stimme, der sie stundenlang zuhören haben können. Die ihnen Liebe und eine gemeinsame Zukunft versprach, Geborgenheit vermittelte, immer genau den richtigen Nerv zu treffen schien – sie war es, die drei Frauen aus Rostock und dem Landkreis Rostock zum Verhängnis wurde.

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Denn jedes Wort, jede Berührung von Benjamin K. (Namen von der Redaktion geändert) war eiskalt kalkuliert – alles mit dem Ziel, an ihr Geld zu kommen. Um insgesamt etwa 220 000 Euro hat er so allein die drei Frauen betrogen, die nun nicht länger schweigen wollen. Denn sie wissen, dass sie nicht die einzigen Opfer dieses berechnenden Liebesspiels sind.

Kontakt zu den Frauen bei Beerdigungen

Ein trauriges Lächeln huscht Tatjana W. übers Gesicht, wenn sie sich daran erinnert, wie der ganze Spuk begann. „Er wirkte so solide, bodenständig und männlich. Er war mein Fels in der Brandung. Ich hätte nie gedacht, dass er die schlimmste Zeit meines Lebens so dermaßen ausnutzt.“ Denn der Betrüger hat eine besonders dreiste Masche: Zum Großteil seiner Opfer nimmt er den Kontakt bei Beerdigungen auf. Benjamin K. ist im Bestattergewerbe tätig, beschreibt Tatjana, die ihn bei einem Todesfall in ihrer Familie kennenlernte. „Mir fehlte der Boden unter den Füßen, wohl deshalb habe ich nicht auf mein Bauchgefühl gehört. Ich denke, sein Plan stand schon beim ersten Treffen fest.“

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Ähnlich verlief auch das Kennenlernen bei Anne G., wie Tatjana W. weiß. „Mit dem Todesfall in ihrer Familie war sie komplett überfordert. Alles hing an ihr. Sie hatte keine Zeit, sich der Trauer hinzugeben“, erzählt Tatjana von ihrer Leidensgenossin. Anne G. sei froh gewesen, dass sich Benjamin K. um alles kümmerte und ihr zuhörte, berichtet Tatjana. „Sie war von ihm genauso wie ich fasziniert, obwohl es uns auch verwirrte, dass er uns beim ersten Treffen gleich umarmte. Am Ende fanden wir beide es aber gut.“

„Es war wie eine Gehirnwäsche“

Dass sie auf dem besten Wege sind, sich in einen Betrüger zu verlieben, ahnen die beiden Frauen in diesem Moment noch nicht. Es sind selbstbewusste, kluge, hübsche und fest im Leben stehende Frauen, die davon berichten, wie Benjamin K. ihre Schwachstellen ausnutze, um an ihr Geld zu gelangen. Mal geht er besonders auf die enge Bindung zur Familie ein, dann wieder auf den Ehrgeiz im Beruf. Dabei habe er immer unterschwellig erfragt, wie es um die Vermögenswerte steht, habe sie von Familie und Freunden nach und nach isoliert, sich zum Mittelpunkt ihrer Welt gemacht.

Nach einigen Monaten der Liebelei kamen dann die Geldforderungen. Weil er sonst nicht für seine Kinder oder Firma hätte sorgen können, brauche er eine Finanzspritze für ein bis zwei Monate, versuchte er seinen Opfern weiszumachen. „Er setzt genau da an, wo er einen emotional packt – und ich habe nun einmal das Helfer-Syndrom“, beschreibt es Tatjana W. heute. Wie von selbst wären die Frauen dann auf die Idee gekommen, ihm mit ihrem Geld auszuhelfen. Die beiden nahmen sogar extra Kredite auf – und überwiesen ihm mehrere zehntausend Euro. Danach nahm der Kontakt ab, er sei eben viel unterwegs für die Arbeit, war eine der Ausreden. Vereinbarte Rückzahlungen wurden nicht eingehalten, im Gegenteil, er wollte immer mehr. Für eine der Frauen wurde das sogar existenzbedrohend. „Ich verstehe bis heute nicht, wie ich so dumm sein konnte“, sagt Tatjana W. voller Wut. „Aber ich habe mich so von ihm einlullen lassen. Das war wie eine Gehirnwäsche.“

Bestatterverband sind Vorwürfe bekannt

„Ein Todesfall ist eine der sensibelsten Situationen im Leben“, sagt Torsten Lange, Vorsitzender des Bestatterverbandes Mecklenburg-Vorpommern. „Nur bei einer Geburt ist ein Mensch ebenso leicht zu beeinflussen wie in dieser Ausnahmesituation.“ Ihm sind die Vorwürfe gegen Benjamin K. bekannt, er bestätigt, dass es sich um keine Einzelfälle handelt. „Es haben sich eine Handvoll Betroffene beim Verband gemeldet, die ähnliche Geschichten erzählt haben“, berichtet Lange.

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Allerdings sei seine Interessenvertretung keine Ermittlungsbehörde. „Wir haben die Vorfälle aber im Einvernehmen mit den Betroffenen an Polizei und Staatsanwaltschaft weitergeleitet und angeboten, Stellung zu beziehen“, betont der Verbandsvorsitzende. Die Staatsanwaltschaft Rostock bejaht, dass die Ermittlungen laufen. „Sollte sich das aber bestätigen, dass sich ein Bestatter einen persönlichen Vorteil aus einer emotionalen Lage verschafft hat, ist dies ohne Frage moralisch zu verurteilen und sollte mit voller Härte des Gesetzes bestraft werden“, so Torsten Lange.

Weitere Opfer über Facebook kennengelernt

Fast zwei Jahre dauerte ihre Beziehung, bis Tatjana W. letztlich den Schlussstrich zog. „Schließlich stand das Geld noch im Raum, sonst wäre schon eher Schluss gewesen“, sagt sie. Dass es sich bei ihrem Ex allerdings tatsächlich um einen Betrüger handelt, hat sie erst herausgefunden, als sie einen Kommentar von Susanne M. unter einem Facebook-Post über Benjamin K.s Unternehmen las – auch hier ging es um Betrugsvorwürfe. „Mir wurde heiß und kalt. Ich realisierte, es gibt andere, mit denen er das gleiche Spiel spielte. Meine Befürchtungen wurden wahr.“

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Die beiden Frauen nahmen Kontakt zueinander auf. „Ich fühlte mich entwürdigt, als ich erfahren habe, dass er mehrgleisig fuhr“, schildert Susanne M. Sie lernte Benjamin K. im Gegensatz zu den anderen bei der Arbeit kennen. „Er war charmant, als er mich dann zum Essen einlud, rannte er bei mir offene Türen ein.“ All ihre Ersparnisse hat sie ihm gegeben, schließlich stellte er ihr eine gemeinsame Zukunft in Aussicht. Mehrere zehntausend Euro schuldet er ihr bis heute. Ein Anwalt macht ihr keine Hoffnung, das Geld je wiederzusehen. „Ich habe mich in das Bild von ihm verliebt, das er von sich gemalt hat. Ich schäme mich dafür. Ich habe lange gebraucht, um mich jemanden mit meinem Problem anzuvertrauen. Ich bin bis heute geschädigt, man vertraut niemandem mehr.“

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Anderen die Augen öffnen

Durch die Gespräche mit den anderen Opfern wurden die Lügen enttarnt – unter anderem hatte er jeder ein anderes Alter genannt, war mal Anfang, mal Ende 50 Jahre alt, nannte verschiedene Namen. „Es tat gut, sich so detailliert mit anderen austauschen zu können, auch wenn unsere Familien und Freunde uns starken Rückhalt gegeben haben, konnten wir so offen nur untereinander reden“, sagt Susanne M. Über die sozialen Netzwerke fanden sie außerdem weitere Opfer – und das bundesweit. „Ich weiß von zehn Frauen, die er auch betrogen hat. Aber nicht alle wollen reden“, sagt Tatjana W. Sie seien im Alter zwischen Mitte zwanzig und Mitte siebzig, Aussehen oder Ähnliches sei ihm egal, ein spezieller Typ sei nicht erkennbar. Sie ergänzt: „Welches Ausmaß das angenommen hat, ist wirklich erschreckend“. Die Dunkelziffer sei vermutlich deutlich höher.

Den drei Frauen ist es nun wichtig, andere zu warnen. „Es ist eine Niederlage, die man sich erst eingestehen muss, aber vielleicht kann so anderen Frauen die Augen geöffnet werden, dass sie erst gar nicht auf ihn hereinfallen beziehungsweise nicht noch mehr Geld überweisen“, nennt Susanne M. das wichtige Anliegen. „Es muss einfach aufhören.“

Ann-Christin Schneider

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