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Wittenburg

Nach Rentner-Mord: Angst vor „zweitem Chemnitz“

Wittenburg Das Wohnhaus des getöteten Dietrich P. (85)

Wittenburg Das Wohnhaus des getöteten Dietrich P. (85)

Wittenburg. Droht in Mecklenburg-Vorpommern ein zweites Chemnitz? Das befürchten manche in Wittenburg, wo ein abgelehnter Asylbewerber aus Afghanistan am Wochenende einen Rentner ermordet haben soll. In der sächsischen Stadt war es Ende August zu Ausschreitungen von Rechten gekommen, nachdem zwei Flüchtlinge nach dem Tod eines Deutschen bei einem Streit als mutmaßliche Täter ermittelt wurden.

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„Meine große Hoffnung ist, dass die Wittenburger wehrhaft genug sind“, sagt Margret Seemann (SPD), Bürgermeisterin der 6300-Einwohner-Stadt. Es gebe bereits Versuche von außerhalb, „Stimmung zu machen“. Für Montagabend haben sich AfD-Vertreter zu einer Mahnwache vor dem Wohnhaus des Ermordeten angekündigt. Am Abend zuvor zündete hier bereits NPD-Politiker Udo Pastörs, der im nahe Lübtheen wohnt, mit ein paar anderen Neonazis eine Kerze an. Weil die Kundgebung nicht angemeldet war, musste er gleich danach vor den Augen der Polizei wieder gehen. Das ist auf einem Handyvideo zu sehen, das jemand der Bürgermeisterin geschickt hat. „Das ist der Auftakt“, kündigt Pastörs darin an. Für Seemann klingt das wie eine Drohung. Dass Rechte aus ganz Deutschland ihre Stadt zu ihren Aufmarschort erklären könnten – unter dem Vorwand der Trauer für Dietrich P.

Mordfall in Wittenburg: Das sagt die Bürgermeisterin (Video: Gerald Kleine Wördemann, 19.11.2018)

Margret Seemann (SPD), Bürgermeisterin von Wittenburg, warnt vor Instrumentalisierung der Tat und appelliert an Bürger.

Vor dessen Haus ist es am Montag menschenleer. Am anderen Ende der kleinen Straße fegt eine alte Frau mit blauem Kittel Laub. „Vor zwei Wochen habe ich ihn noch gesehen, da hat er einen langen Spaziergang mit seinem Pfleger gemacht“, erzählt die Seniorin, die ihren Namen nicht nennen will. Herr P. sei stets freundlich und nett gewesen, „jeder hat ihn gekannt und mochte ihn“. Auch sie hat Angst davor, dass bald Scharen von rechten Demonstranten durch den Ort ziehen könnten. Aber sie fürchtet sich auch vor Gewalt auf der Straße. Davon gebe es mehr, seit so viele Flüchtlinge da sind, sagt sie.

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Kommentar von Gerald Kleine Wördemann: Mord in Wittenburg: Kühlen Kopf bewahren

Dietrich P. war beliebt in Wittenburg

Das Opfer war prominent in der Stadt. Bis zur Wende leitete der Mann die „Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion“, ein volkseigener Agrar-Großbetrieb. Als Ruheständler engagierte sich Dietrich P. in der Kommunalpolitik. Ohne Mitglied zu sein, saß er für die SPD in Ausschüssen der Stadt und war im Vorstand des Wasserzweckverbands. Seine vor sechs Jahren gestorbene Frau war eine beliebte Musiklehrerin, die Veranstaltungen wie das jährliche Mühlensingen organisierte. Margret Seemann kannte Dietrich P. seit ihrer Kindheit. Nie hätte er gewollt, das Rechten seinen Tod missbrauche – „auch nicht unter diesen Umständen“, ist sie überzeugt.

Zwei Tage nach dem Mord gab die Schweriner Staatsanwaltschaft Ergebnisse der Obduktion bekannt. Dietrich P. starb demnach an einer tiefen Schnittwunde im Hals – verursacht durch einen scharfen Gegenstand, wie ein großes Messer. Von der Tatwaffe fehlt jede Spur. Als dringend tatverdächtig gilt ein 20-jähriger Afghane, der für den Rentner für ein paar Tage Arbeiten an Haus und Garten ausführte. Der Mann eines bosnischen Paares, das in dem Haus als Pfleger lebte, beobachte die Tat auf dem winzigen Bildschirm eines Babyfons – dachte aber, der Afghane wolle den 85-Jährigen zudecken. Erst als das sterbende Opfer laut röchelte, begriff der Pfleger, das etwas nicht stimmt.

Im gut 60 Kilometer entfernten Geesthacht, hinter der Landegrenze zu Schleswig-Holstein, bemerkten Passanten den dünn bekleideten Afghanen Samstagmittag beim Sammeln von Pfandflaschen. Sie riefen die Polizei. Die wussten offenbar nichts von der Großfahndung und veranlassten seine Einlieferung ins Krankenhaus wegen Unterkühlung, einen Ausweis hatte er nicht dabei. Rettungssanitäter forderten später erneut die Polizei zur Identitätsüberprüfung an, um nicht auf den Behandlungskosten sitzen zu bleiben. Durch seine Fingerabdrücke wurde der mutmaßliche Mörder, dessen Duldung im Januar abgelaufen wären, überführt.

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