Streitgespräch

OZ-Podiumsdiskussion zum Gendern mit Thierse: „Wir erleben eine Operation an der Sprache“

Wolfgang Thierse (SPD), ehemaliger Präsident des deutschen Bundestages, kommt am 21. September zur Veranstaltung „Ach, du liebes Deutsch“ ins Haus der OZ.

Wolfgang Thierse (SPD), ehemaliger Präsident des deutschen Bundestages, kommt am 21. September zur Veranstaltung „Ach, du liebes Deutsch“ ins Haus der OZ.

Berlin. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Thierse (78), von 1998 bis 2005 Präsident des Deutschen Bundestages und bis 2013 dessen Vizepräsident, kommt am 21. September in den Saal der OSTSEE-ZEITUNG zur OZ-Podiumsdiskussion "Ach, du liebes Deutsch". Es geht um gendergerechte Sprache. Thierse wird auch über seine Erfahrungen mit der Gender-Bewegung sprechen.

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Herr Thierse, es geht ums Gendern – sind Sie dafür oder dagegen?

Ich bin dafür, dass wir gendersensibel sprechen. Aber ich bin gegen verordnete Sprache, die von oben oder von der Seite diktiert wird.

Was heißt ‚verordnet‘?

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Es gibt Städte und Gemeinden, Universitäten, Redaktionen, da findet von heute auf morgen eine völlig andere Sprache statt. Was mich ängstigt, ist die Spaltung der Gesellschaft. Auf der einen Seite gibt es Leute, die sich bis ins kleinste Detail um gendergerechte Sprache bemühen. Auf der anderen Seite das gewöhnliche Volk, das weiterhin so spricht, wie es das gewohnt ist. Nach allen Umfragen, die ich kenne, ist eine sehr große Mehrheit beider Geschlechter, egal ob Jung oder Alt, dagegen, dass gegendert wird. Aber auf der anderen Seite wird in Bereichen wie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, in Universitäten und Kommunen angeordnet, dass gegendert wird. Es gibt an den Unis Fälle, dass Studenten eine schlechtere Note auf Arbeiten erhalten, weil sie nicht gegendert haben in ihren Texten.

Sie selbst sind ja auch angefeindet in der eigenen Partei, weil Sie öffentlich die Frage gestellt haben, wie viel Identität die Gesellschaft verträgt und angemerkt hatten, dass die Debatten über Rassismus, Postkolonialismus und Gendern immer heftiger und aggressiver würden. Sie hatten sogar mit Parteiaustritt gedroht.

Das ist längst ausgestanden. Ich bin von Haus aus Linguist. Ich weiß, dass Sprache sich verändert – aber das ist ein Prozess und zwar von unten. Jetzt wird so getan, als wäre Sprache eine beliebig veränderbare Konstruktion. Wir erleben eine Operation an der Sprache von oben oder von der Seite.

Was heißt das?

Was gefordert wird, geschieht ja bei den Verfechtern in der Überzeugung, dass durch die Sprache die Wirklichkeit verändert wird. Ich erlaube mir ein etwas plattes Beispiel: Vor Jahrzehnten wurde im Westen behauptet, die Bezeichnung ‚Lehrling‘ sei abwertend. Da hat man ‚Auszubildender‘ erfunden – ein unaussprechliches Wort, aus dem ‚Azubi‘ wurde, was es nicht besser macht. Aber nicht die Veränderung der Bezeichnung hat etwas für Lehrlinge oder Auszubildende oder Azubis zum Positiven hin verändert, sondern dass man Ausbildungsprogramme und die Vergütung verbessert hat, das hat was bewirkt. Mein Wunsch ist, dass weniger an der Sprache rumgedoktert wird, dafür mehr in der Realität die wirklichen Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen abgebaut werden.

Hier gibt es Tickets

Die Veranstaltung war eigentlich für Mai diesen Jahres vorgesehen, musste wegen der Corona-Beschränkungen aber verschoben werden. Tickets zum Preis von 7 Euro (für OZ-Leser mit AboPlus-Karte 5 €) gibt es im Internet unter www.tickets.ostsee-zeitung.de oder an der Abendkasse. Bereits gekaufte Tickets behalten ihre Gültigkeit. Wer den Nachholtermin nicht wahrnehmen kann und seine Tickets zurückgeben möchte, kann sich an vertrieb@ostseezeitung.de wenden oder die Telefonnummer 0381 365478 anrufen.

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Bewirken diese überzogenen Debatten und Reaktionen um gendergerechte Sprache oder aktuell um ‚kulturelle Aneignung‘ im Falle von Winnetou nicht eher, dass sich breite Teile der Gesellschaft abwenden von Bewegungen, die ja sinnvoll sind und sich gegen Unterdrückung oder gegen Rassismus starkmachen?

Ich finde, dass wir viel stärker Gleichberechtigungspolitik betreiben sollten, auch Antidiskriminierungspolitik. Ich glaube nicht, dass diese Sprach-Operationen dabei sehr hilfreich sind. Die Fortschritte in Sachen Emanzipation, die enorm sind, aber nicht ausreichen, wurden ohne Gendersprache erzielt. Es geht um bessere Bezahlung, bessere Vereinbarung von Beruf und Familie, bessere Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen, mehr Frauen in Führungspositionen und um den Kampf gegen jede Form sexueller Gewalt oder Unterdrückung. Es geht um weitere energische soziale Reformen in diesem Sinne und nicht um linguistische Revolutionen.

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Machen wir uns als Gesellschaft mit diesen zum Teil hysterischen Debatten, wie um Winnetou oder das angeblich sexistische Gomringer-Gedicht an einer Berliner Hauswand, das von Frauen und Blumen handelt, nicht lächerlich? Haben wir nicht aktuell drängendere Herausforderungen auf der Agenda?

Das ist so. Wir stehen vor einer digitalen Revolution in unserer Gesellschaft, die wir stemmen müssen. Wir stehen vor dramatischen Herausforderungen in Bezug auf den Klimawandel und wir stehen vor massiven sozialen Umwälzungen. Dafür benötigen wir sehr viel Kraft und Energie in der Gesellschaft, die wir nicht für derartige linguistische Debatten und identitätspolitische Kämpfe verbrauchen sollten. Außerdem geht die Genauigkeit der Sprache verloren. Man soll nicht mehr sagen: ‚Student‘. Man soll ‚Studierende‘ sagen. Aber sind Studenten, die in der Kneipe sitzen und saufen, Studierende oder sind es nicht eher Saufende? Oder: Wählende sind nur die, die auch wählen. Wähler und Wählerinnen sind solche, die wahlberechtigt sind, dabei aber gar nicht zur Wahl gehen. Das generische Maskulinum ist eine gewachsene Sexus abstrahierende Bezeichnungsform. Begriffe sind immer Abstraktionen. Wenn ich konkrete Personen benennen will, sage ich: Ärzte und Ärztinnen oder Studenten und Studentinnen.

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Hätten Sie jemals erwartet, dass gerade Sie, der sich in seiner politischen Laufbahn gegen Diskriminierung starkgemacht hat, mal als Frauenfeind beschimpft werden?

Darauf wäre ich auch nie gekommen. Aber ich bin ja auch schon als schwulenfeindlich diffamiert und in AfD-Nähe gerückt worden, was genauso unsinnig ist. Solche Diffamierungen und überhaupt das ganze Kulturkampfklima helfen nicht weiter.

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