„Was zum Anfassen“

Schallplatten-Boom: Presswerke in Güstrow stoßen an ihre Grenzen

Das Güstrower Unternehmen „Matter of Fact“ hat seine Schallplattenproduktion vor wenigen Wochen gestarten. Geschäftsführer Daniel Slabschie prüft die Geräte.

Das Güstrower Unternehmen „Matter of Fact“ hat seine Schallplattenproduktion vor wenigen Wochen gestarten. Geschäftsführer Daniel Slabschie prüft die Geräte.

Güstrow. Daniel Slabschie darf sich nicht zu viel Zeit lassen. Der Kunststoffklumpen in seinen Händen ist etwa 150 Grad heiß. „Das ist wie so ein Brötchen aus dem Ofen. Man jongliert damit ein bisschen“, sagt sein Kollege Andre Kronert. Aber gebacken werden in der ehemaligen Kartoffelhalle am Rand von Güstrow nicht Teigwaren, sondern Schallplatten.

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Dazu gibt Slabschie den sogenannten Cake (Kuchen), der zuvor von einer Maschine aus Kunststoffgranulat geformt wurde in die eigentliche Presse. Bestückt mit Stampern (Stempeln), presst diese dann mit 150 Tonnen Druck und bei 200 Grad die Platte. Danach schneidet eine dritte Maschine den überstehenden Rand ab – fertig ist das Rund, das Vinyl-Enthusiasten schwärmen lässt.

„Was zum Anfassen“ – Kunden wissen die Vinyl-Schallplatte im Gegensatz zu digitalen Speichermedien zu schätzen.

„Was zum Anfassen“ – Kunden wissen die Vinyl-Schallplatte im Gegensatz zu digitalen Speichermedien zu schätzen.

Erst vor rund zwei Monaten sei bei der Firma Matter of Fact die erste Platte gepresst worden, sagt Kronert. „Da haben wir alle geheult.“ Das eigene Presswerk ist aus der Not geboren. Kronert, der auch DJ und Produzent ist, hat zuvor zwischen Presswerken und vor allem kleineren Musiklabels und Künstlern vermittelt. Er habe die Platten pressen lassen und für die Kunden in die ganze Welt geschickt. „Die Presswerke, mit denen wir gearbeitet haben, haben immer höhere Lieferzeiten gehabt.“ Seien es vor Jahren etwa vier Wochen gewesen, wartete man zuletzt auch mal mehr als ein Jahr - zu lang im schnelllebigen Musikgeschäft, gerade wenn ein Künstler einen Hit hat.

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Vinyl-Umsatz hat sich seit 2010 verzehnfacht

Schließlich habe ihr Stamm-Presswerk von einen auf den anderen Tag gesagt: „Wir pressen nicht mehr für euch. Ihr seid zu klein.“ Die Konsequenz: „Wir machen es jetzt einfach selber.“

Die Geschäftsführer Daniel Slabschie (r.) und Andre Kronert (l.) präsentieren ihre frisch gepressten Schallplatten. Durch den neuen Vinyl-Boom können die großen Presswerke nicht rechtzeitig liefern. So wurden die beiden Musikliebhaber selbst aktiv.

Die Geschäftsführer Daniel Slabschie (r.) und Andre Kronert (l.) präsentieren ihre frisch gepressten Schallplatten. Durch den neuen Vinyl-Boom können die großen Presswerke nicht rechtzeitig liefern. So wurden die beiden Musikliebhaber selbst aktiv.

Seit 2010 hat sich nach Angaben des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI) der Vinyl-Umsatz nahezu verzehnfacht (2021: 118 Millionen Euro). Dabei sei Vinyl von Anfang der 1990er bis 2006 nahezu vom Markt verschwunden gewesen. Im ersten Halbjahr 2022 hat die deutsche Musikindustrie laut BVMI erneut gut 12 Prozent mehr Umsatz mit Schallplatten gemacht als im ersten Halbjahr des Vorjahres.

Großunternehmen können den Markt nicht bedienen

Das spürt auch das nach eigenen Angaben größte Presswerk Europas: „Wir haben unsere Fertigungskapazitäten in den letzten Jahren deutlich erhöht und arbeiten am weiteren Ausbau, dennoch ist der Bedarf aktuell höher als der mögliche Output“, heißt es bei Optimal Media in Röbel an der Mecklenburgischen Seenplatte. Man produziere sieben Tage die Woche in vier Schichten etwa 40 Millionen Platten pro Jahr. Beim Presswerk Pallas im niedersächsischen Diepholz könne man sich wegen „„Top Secret“ Verträgen“ nicht zur Vinyl-Herstellung äußern.

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Von dem Boom profitiert auch ein Maschinenbauer aus Alsdorf im Westen von Nordrhein-Westfalen. 2015 seien sie weltweit die ersten gewesen, die wieder neue Schallplattenpressen gebaut hätten, sagt Erwin Neubauer, Mitgründer der Firma Newbilt Machinery. Mittlerweile gebe es noch einen Hersteller in Schweden und einen Kanada. Von Konkurrenz will er nicht sprechen, „weil wir könnten sowieso nicht alles bedienen“.

Die Plattenfirma „Matter of Fact“ baute eine ehemalige Kartoffelhalle zur Produktionsstätte um. Insgesamt fünf Mitarbeiter pressen und verarbeiten hier die Tonträger.

Die Plattenfirma „Matter of Fact“ baute eine ehemalige Kartoffelhalle zur Produktionsstätte um. Insgesamt fünf Mitarbeiter pressen und verarbeiten hier die Tonträger.

Mit der Corona-Pandemie sei die Nachfrage nochmals gestiegen. Viermal so viele Maschinen wie vor der Pandemie liefere man jetzt aus - wenn nicht noch mehr. „90 Prozent oder 98 Prozent unserer Kunden sind im Ausland.“ Newbilt Machinery sei bislang auf halbautomatische Pressen spezialisiert wie sie etwa in Güstrow zum Einsatz kommen. Diese Maschinen ermöglichen es, aus der einzelnen Platte ein Kunstwerk zu machen, etwa in dem man von Hand Farben hinzufügt.

Verzweifelte Musiker pressen ihre Platten selbst

Neubauers Kollege Winfried Söllner sagt: „Wir haben tatsächlich Musiker als Kunden, die in ihrer Verzweiflung selbst ihre Platten pressen.“ Bei den großen Produzenten kämen sie nicht mehr unter. Newbilt Machinery will trotz voller Auftragsbücher auch kleinere Kunden beliefern, weil diese Enthusiasten Vinyl über die Zeit gerettet hätten. „Das haben nicht die Großen gemacht. Das waren die Kleinen.“

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Optimal Media legt Wert darauf, nach wie vor nicht nur Majors, sondern auch Indies zu bedienen. „Für unsere Kunden fertigen wir immer wieder auch kleinere Stückzahlen.“ Kronert geht davon aus, dass es in Deutschland mittlerweile vier bis fünf kleinere Presswerke wie Matter of Fact gibt. Der Markt bietet seiner Meinung nach Raum für ein Vielfaches. „Jede Umgebung hat seine Bands, die dann Platten haben wollen.“ Das werde nicht mehr von den großen Presswerken bedient oder nur zu sehr hohen Preisen und mit langen Wartezeiten.

Und warum wollen die Leute wieder Schallplatten kaufen? „Es ist wieder was zum Anfassen“, sagt Kronert. „Es ist einfach ein großes Abenteuer. Du klappst es auf, hast was zum Lesen, hast was zum Hören.“ Die Menschen wollten in diesen unsicheren Zeiten für ihr Geld wieder etwas in der Hand haben. „Denn ich weiß nicht, wie viele Downloads ich habe, aber ich weiß, wie viele Platten ich habe.“

Von RND/dpa

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