Landwirtschaft

Schilf, Binsen und mehr Platz für Schweine – so planen Bauern in MV die Zukunft

Lars-Peter Loeck, Chef der Agrofarm eG Lüssow, (M.) im Gespräch am Feldrand mit Landesbauernpräsident Detlef Kurreck (l.) und Armin Lüth vom Bauernverband Bützow (r.)

Lars-Peter Loeck, Chef der Agrofarm eG Lüssow, (M.) im Gespräch am Feldrand mit Landesbauernpräsident Detlef Kurreck (l.) und Armin Lüth vom Bauernverband Bützow (r.)

Rostock. „Es muss sich etwas ändern“, ist Henning Voigt überzeugt, „Wir sollten mehr in Einklang mit unserer Umwelt wirtschaften.“ Der 28-Jährige übernahm vor drei Jahren einen Agrarbetrieb in Neukalen bei Demmin (Mecklenburgische Seenplatte). Schon sein Vater hatte den Hof mit 120 Mutterkühen, 60 Hektar Acker und 450 Hektar Grünland an der Peene – vorwiegend in Niedermoor- und Naturschutzgebieten – als Ökohof bewirtschaftet. Das bessere Grünland liefert Futter, aus der Biomasse von den feuchten Flächen entsteht im Agrotherm-Heizwerk Malchin (Mecklenburgische Seenplatte) Wärme für mehr als 500 Wohnungen.

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Einstieg in Anbau von Moorpflanzen schwierig

„Doch ich muss mir etwas einfallen lassen, damit der Hof auch in Zukunft eine Familie ernähren kann,denn durch die Wiedervernässung des Peenetals sinkt der Futterwert des Heus“, so Voigt.

Eine Alternative sieht er im Anbau von Rohrkolben, die zu Dämmplatten verarbeitet werden. Dazu stieg der Absolvent der Rostocker Agrarfakultät, unterstützt vom Greifswald Moor Centrums und der Landesforschungsanstalt, in ein Klimaschutzprojekt ein. Die erste Ernte im vorigen Winter war „noch ein Versuch“, wie er sagt. Doch in diesem Jahr wird es sich schon richtig lohnen. Sein Betrieb sei nur ein Beispiel, meint der Moorbauer. „Es geht um Zukunftskonzepte, die auch andere nutzen können.“

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Moorbauer Henning Voigt aus Neukalen (Mecklenburgische Seenplatte) baut Rohrkolben an, hält aber auch Bio-Hühner und Mutterkühe.

Moorbauer Henning Voigt aus Neukalen (Mecklenburgische Seenplatte) baut Rohrkolben an, hält aber auch Bio-Hühner und Mutterkühe.

Da in Mecklenburg-Vorpommern 30 Prozent der Treibhausgase aus trockengelegten Mooren stammen, will das Schweriner Agrar- und Umweltministerium mehr Bauern für eine „nasse Landwirtschaft“ gewinnen. „Wer es mit dem Klimaschutz ernst meint, kommt an Wiedervernässung nicht vorbei“, betont Minister Till Backhaus (SPD) bei jeder passenden Gelegenheit. Doch der Einstieg in den Anbau von Moorpflanzen ist nicht einfach. Bisher erhalten Betriebe dafür – anders als bei Raps oder Getreide – keine Flächenbeihilfen. Ab 2023 soll sich das aber ändern.

Kurreck: Branche braucht mehr Wertschätzung

Landesbauernpräsident Detlef Kurreck, der in Körchow bei Kröpelin (Landkreis Rostock) selbst einen Agrarbetrieb führt, sieht die nasse Landwirtschaft skeptisch: „Sie ist nicht wirtschaftlich.“ Jung-Bauer Voigt widerspricht: „Unser Heizwerk, das Schilf und Binsen verbrennt, behauptet sich in Konkurrenz zu Öl und Gas.“

Kurreck weiß, dass es vielen seiner Berufskollegen schwer fällt, optimistisch in die Zukunft zu schauen. „Gesellschaft und Politik stellen hohe Forderungen. Aber bisher gibt es keinen realistischen Weg, wie die Bauern sie erfüllen können“, meint der 63-Jährige. Er wünscht sich mehr bei all dem mehr Wertschätzung für seine Branche. Wir produzieren doch hochwertige Nahrungsmittel, die die Menschen doch brauchen.“

Lebensmittel produziert auch Henning Voigt – mit der Geflügelhaltung hat er sich neben den Mutterkühen ein weiteres Standbein aufgebaut. Von 24 000 Bio-Hennen liefert er Naturland-Eier für Handelsketten. An den Rohrkolben hält er trotzdem fest. „Wir sollten Neuem gegenüber aufgeschlossener sein“, fordert er seine Berufskollegen auf.

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Schon als Student eigenen Betrieb gegründet

Das sieht auch Jonas Klänhammer in Penkun (Vorpommern-Greifswald) so, der sich dafür in der Arbeitsgruppe „Zukunftsbauern“ des Deutschen Bauernverbandes engagiert. Schon als Student gründete er einen eigenen Betrieb mit 40 Hektar und einer kleinen Mutterkuh-Herde.

„Mit zwei Tieren fing ich an, jetzt sind es schon 18“, sagt der 23-Jährige stolz. Seine Prüfungen an der Fachhochschule Neubrandenburg hat er alle absolviert, die Masterarbeit verschiebt er in den Herbst. Jetzt sitzt er im Familienbetrieb seiner Eltern auf dem Mähdrescher.

Jonas Klänhammer (l.) möchte den Hof seiner Eltern - Bernd und Berith Klänhammer - in Penkun (Landkreis Vorpommern-Greifswald) weiterführen.

Jonas Klänhammer (l.) möchte den Hof seiner Eltern - Bernd und Berith Klänhammer - in Penkun (Landkreis Vorpommern-Greifswald) weiterführen.

„Die Ernte war schon als Kind für mich der Höhepunkt des Jahres“, erzählt der Bauernsohn. Zum 500-Hektar-Hof, mit dem sich Vater Bernd Klänhammer 1990 selbstständig gemacht hatte, gehörten 800 Mastschweine. Doch die wurden im vorigen Herbst abgeschafft. In der Region an der polnischen Grenze kann Borstenvieh wegen der Afrikanischen Schweinepest nur noch mit erheblichen Einschränkungen gehalten werden.

Wenn seine Eltern – beide sind Mitte 50 – ihren Hof einmal abgeben, möchte Jonas ihn weiterführen. Er träumt davon, „irgendwann auch mit den Schweinen wieder anzufangen“.

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Der Stall sollte dann umgebaut werden, mit mehr Bewegungsfreiheit für die Tiere und einem Außenbereich, in dem die Schweine im Stroh wühlen können. Zum Tierwohl schrieb Jonas schon seine Bachelorarbeit, auch in der Masterarbeit soll es darum gehen.

Agrarbetriebe werden immer größer

„Tiere gehören für mich zum Betriebskonzept“, sagt der Jung-Landwirt. Er weiß, dass viele seiner Altersgenossen die heutige Landwirtschaft kritisch sehen, zu seinem Freundeskreis gehören Vegetarier und Veganer. „Wir diskutieren miteinander, tauschen uns darüber aus, wohin sich die Branche entwickeln sollte.“

Jonas plädiert für Tierzahlen, die zum Flächenpotenzial des jeweiligen Hofes passen und innerbetriebliche Kreislaufwirtschaft ermöglichen. 10 000 Mastschweine an einem Standort kommen für ihn nicht in Betracht. Schon wegen der großen Menge Gülle, die in Stallnähe kaum unterzubringen sei.

Mit Sorge sieht der Vorpommer, dass die Agrarbetriebe immer größer werden. „Daran haben auch Bauern Schuld“, meint Jonas. Wo heute Landwirte aus Altersgründen aufhören, gehen die Höfe häufig an Großbetriebe oder Investoren. Dabei würden einige seiner Mitstudenten gern einen Betrieb übernehmen. Doch die Wiedereinrichter aus der Nachwendezeit verkaufen zu Preisen, die für junge Leute unerschwinglich sind. „Dadurch geht viel Potenzial verloren“, bedauert der Agrar-Absolvent.

Loeck: Genossenschaften sind zukünftsfähig

Lars-Peter Loeck, Chef der Agrofarm eG Lüssow im Landkreis Rostock, bestätigt diesen Trend. „Wo es im eigenen Betrieb keinen Nachfolger gibt, wird oft an den zahlungskräftigsten Bewerber verkauft.“

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Die Lüssower Agrargenossenschaft, die 1991 aus einer LPG hervorging, hat den Generationswechsel bereits hinter sich. „Wir haben es geschafft, ohne dass der Betrieb verkauft werden musste“, berichtet der gebürtige Anklamer, der 2007 als Pflanzenproduktionsleiter in der Agrofarm anfing.

Den Mitgliedern gehört der Betrieb, über die wichtigsten Fragen im Betrieb entscheiden sie gemeinsam. 2014 wählten die 60 Mitglieder – 20 aktive und 40 Senioren – den damals 38-jährigen Diplom-Agraringenieur zum Vorstandsvorsitzenden. Loeck hält das Genossenschaften zukunftsfähig, obwohl diesem Modell nach 1990 kaum Chancen eingeräumt wurden.

Geringerer Stickstoffeinsatz – für Bauern ein Problem

„Bis heute sind unsere Mitglieder bei der Junglandwirte-Förderung und bei Ausschreibungen im Bodenkauf benachteiligt“, ärgert sich der 46-Jährige. Rund 150 Agrargenossenschaften haben sich gegen alle Widerstände in MV behauptet.

„Doch die Situation ist nicht einfach, für Genossenschaften genauso wie für die Betriebe anderer Rechtsformen“, sagt Loeck. Ein Problem haben viele Bauern mit der Vorgabe, weniger Stickstoff zu düngen. In so genannten Roten Gebieten, wo das Grundwasser zu hohe Nitratwerte aufweist, müssen die Landwirte 20 Prozent unter dem Bedarf der Pflanzen düngen. Von den knapp 2700 Hektar Acker- und Grünland der Lüssower Agrofarm betrifft dies 1145 Hektar.

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200 000 Hektar ökologisch bewirtschaftet

Rund 1,3 Millionen Hektar werden in Mecklenburg-Vorpommern landwirtschaftlich genutzt, davon werden fast 200 000 Hektar ökologisch bewirtschaftet.

Laut Schweriner Agrarministeriumgibt es 4700 Betriebe mit etwa 25 000 Beschäftigten, rund die Hälfte der Höfe sind Haupterwerbsbetriebe. Es gibt Großbetriebe mit mehreren tausend Hektar, aber auch sehr kleine Höfe, die oft im Nebenerwerb bewirtschaftet werden. Im Durchschnitt liegt die Betriebsgröße bei rund 280 Hektar.

Mehr als 500 000 Hektarwerden mit Getreide bestellt. Wichtigste Kultur ist der Weizen (312 000 ha). Angebaut werden außerdem Raps (190 000 ha), Mais (147 000 ha), Gerste (136 000 ha), Roggen (60 000 ha), Zuckerrüben (33 000 ha), Kartoffeln (12 000 ha) und Hafer (12 000 ha) sowie Eiweißpflanzen wie Futtererbsen und Ackerbohnen (30 000 ha). Auf 4000 Hektar wachsen Obst und Gemüse.

Die Bauern haltenrund 150 000 Milchkühe, 700 000 Schweine, 70 000 Schafe, rund sechs Millionen Masthähnchen und 3,2 Millionen Legehennen. Etwa 60 Prozent der Legehennen leben in Öko- und Freilandhaltung. E. Ehlers

„Wenn Nährstoffe fehlen, leiden Qualität und Erträge. Ausreichend Nahrungsmittel zu produzieren, ist doch aber die grundlegende Aufgabe der Landwirtschaft“, betont der Genossenschaftschef. Wie wichtig dies sei, rücke durch den Krieg in der Ukraine gerade wieder stärker in den Fokus.

Die Bauern wissen, dass sie für Klima- und Grundwasserschutz Verantwortung tragen. „Dem stellen wir uns, es muss aber fachlich nachvollziehbar und effizient sein“, betont Präsident Kurreck.“ Betriebe, denen das vorbildlich gelingt, gibt es längst.

Auch einen Preis, der speziell solche Leistungen würdigt – den „Ostseelandwirt des Jahres“, den die Umweltorganisation WWF vergibt. „Wir wollen Gewässerschutz und Artenvielfalt nicht gegen die Bauern umsetzen, sondern mit ihnen“, sagt Michael Berger vom WWF.

2021 und 2019 gewannen Bauern aus MV den Wettbewerb: das Gut Groß Voigtshagen und die Agrargenossenschaft Bartelshagen I mit ihrem Betriebsleitern Axel Böttcher und Wilfried Lenschow. Wenn der Preis 2023 wieder ausgeschrieben wird, hofft Berger auf engagierte Bewerber aus dem Nordosten. Ob Precision Farming, satellitenbasierte Biomassekarten oder der Anbau von Kulturen, die das Auswaschen von Nitraten verhindern – es gibt hier viele gute Ansätze.

Von Elke Ehlers

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