Dichtung und Wahrheit

Gesetzlos in Stockholm – Bill Skarsgard spielt für Netflix den Gangster „Clark“

Flucht ist ja so was von lustig: Clark (Bill Skarsgard) bleibt nie lange hinter Gittern. Szene aus der Serie „Clark“.

Flucht ist ja so was von lustig: Clark (Bill Skarsgard) bleibt nie lange hinter Gittern. Szene aus der Serie „Clark“.

Erst klaut der junge Halbstarke ein Auto, dann schlägt er auch noch einen Polizisten durch das zerborstene Seitenfenster nieder. Laut glucksend vor Freude rast er danach halsbrecherisch über nächtliche Landstraßen, bis er für einen Elch bremst, gegen einen Baum prallt, unangeschnallt aus dem Volvo fliegt und im Krankenhaus für tot erklärt wird. Was er aber nicht ist.

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Clark Olofsson ist kein Frühsterber – er hat noch eine Miniserie vor sich

Mit einem tiefen Wiederauferstehungs­atemzug richtet sich der vermeintliche Leichnam auf der Bahre im Krankenhaus auf – sehr zum Entsetzen des Arztes. Clark Oderth Olofsson mag ein Draufgänger sein. Aber er ist gewiss kein Frühsterber. Er hat noch was vor mit Schweden und der Welt.

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Kaum zu glauben, wie sinnlich und sexy Bill Skarsgard ist, den viele vor allem als Mordclown Pennywise aus dem Horror-Kinozweiteiler „Es“ (2017/2019) kennen. Schon im Mutterleib reißt er kackfrech die Wand zum Zuschauer ein und spricht ihn direkt an. „Sie schrie, dass ich rauskommen soll“ (seine Mutter meint er, die sogar während der Presswehen eine Zigarette raucht), „aber ich mag es nicht, wenn man mir was befiehlt.“

Schon Clarks Geburt verläuft wie ein Ausbruch

Noch weniger möge er es aber, so der nackte Zweikäsehoch im Uterus, eingesperrt zu sein – egal, wo. Und so kommt Clark zur Welt, als wär’s ein Ausbruch. Benannt wird er nach einem anderen schönen Mann, dem „Vom Winde verweht“-Star Clark Gable. Immer mal wieder wird er eingesperrt, ist aber nie um einen Fluchtplan verlegen. Der Knast wird zwar von Jugendstraf­anstaltstagen an sein zweites Zuhause, die Flucht aber ist sein Sport. 17-mal geht er stiften – Clark Olofsson vermutet, Rekordhalter zu sein.

Eine quietschfidele Crime-Comedy ist „Clark“. Von dem Moment an, in dem ihn Tage Erlander, der damals dem Ende seiner schier endlosen Amtszeit entgegenlebende Ministerpräsident Schwedens (Claes Malmberg) nach einem Einbruch mit seiner Flinte Zunder gibt, mag man die unglaubliche Dreistigkeit dieses Protagonisten. Ob er ihn kenne, will Clark vom Landesfürsten wissen. Als der verneint, prophezeit er: „Der Tag wird aber kommen.“

Die Liebe ist bei Clark ein abwechslungsreiches Spiel

Er kommt auch. Und Serienmacher Jonas Akerlund, bekannt durch zahllose Popvideos sowie die Filme „Lords of Chaos“ (2018, mit Rory Culkin) und „Polar“ (2019, mit Mads Mikkelsen) macht den Weg dorthin zu einem reinen Vergnügen – von einigen Rückblenden in eine nicht ganz so schöne Kindheit mit einem brutalen Vater abgesehen.

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Der junge Clark erobert die schwedische Hautevolee und hat in einer umwerfenden Villa Sex erst mit Madou (Isabelle Grill), einer Tochter aus reichem Hause, dann mit ihrer Mutter Liz (Malin Levanon), er wird der Liebhaber einer Flamencogöttin auf Gran Canaria (Sophie Apollonia) und – wieder im Knast – der Lebensabschnitts­gefährte der ideologisch aufgeladenen Studententheaterfrau Maria (Hanna Björn), mit der er die 68er-Revolution hinter Gefängnismauern trägt.

Die wohl witzigste Beischlafszene des Serienjahres ist bisher die, in der Maria Clark im Besuchszimmer parallel zum Sex die Zwänge der Klassengesellschaft, die Notwendigkeit der Erringung von Freiheit und die Erkenntnisse Foucaults doziert.

Nicht kleinzukriegen: Clark (Bill Skarsgard) in einer stürmischen Szene von „Clark“.

Nicht kleinzukriegen: Clark (Bill Skarsgard) in einer stürmischen Szene von „Clark“.

Polonaise mit Geiseln – der Begriff Stockholm-Syndrom geht auf Clark zurück

Seine 15 Minuten warholschen Ruhms hatte der wirkliche Olofsson, als er 1973 von einem Bankräuber freigepresst wurde und Tage in der Bank verbrachte. Der Begriff Stockholm-Syndrom über die Zuneigung von Geiseln zu Geiselnehmern geht angeblich auf dieses Ereignis zurück. Und es ist schon putzig, wenn Olofsson in Episode vier der Serie zur Musik von Sweets „Poppa Joe“ eine Geiselpolonaise anführt.

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Polizisten im Publikum werden nach der ersten Episode wohl eher ausschalten. Der glücklose Gangsterjäger Tommy Lindström (Vilhelm Blomgren) verhält sich zu Olofsson zu oft wie Inspektor Clouseau in „Der rosarote Panther“ (1963) zu Sir Lytton. Trottel versus toller Hecht.

„Nach Wahrheit und Lügen“ – die Serienmacher flunkern vergnügt

Natürlich ist dieser temperamentvolle Gauner mit dem entwaffnenden Grinsen nicht der wirkliche Clark Olofsson, sondern eine Fiktion. Regisseur Akerlund flunkert und fabuliert, wo immer es dem Esprit dieser rasanten Serie mit ihren wilden Bildgewittern nutzt. „Nach Wahrheit und Lügen“ wird der Serie als kleiner Hinweis vorangeschickt, wohl um allen Authentizitäts­diskussionen zuvorzukommen.

Eine real existierende Person zu glorifizieren, die immerhin auch in Vorfälle verwickelt war, bei denen jemand das Zeitliche segnete, ist natürlich zweischneidig. War es schon, als George Roy Hill 1969 in „Zwei Banditen“ die Westerner Butch Cassidy und The Sundance Kid hochleben ließ. Auch Paul Newman und Robert Redford musste man in ihren Gangsterrollen lieben. Freilich waren in jenem Fall alle Beteiligten längst tot, als Hill die Revolvermänner fürs Kino als Charmebolzen zeichnete und tragisch (und vom Publikum bedauert) in Bolivien enden ließ. Viele aus Clark Olofssons Umfeld leben hingegen noch.

Akerlund relativiert. Die Serie wird gegen Ende ernster, als die Mutter stirbt, als Clark einen Sohn hat, den ersten Menschen, den er mehr liebt als sich selbst, und als eine Autorin dem Häftling Olofsson schließlich eröffnet, auf die Veröffentlichung ihres vollendeten Olofsson-Buchs zu verzichten, um nicht den clarkschen Gangstermythos zu nähren. Der letzte Widerspruch Olofssons ist kraftlos, sein letztes Lächeln schief.

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Der echte Olofsson ist derzeit in seinem achten Lebensjahrzehnt und ein freier Mann. Die Serie basiert auf seiner Autobiografie. Bis auf die letzten zehn Minuten dürfte sie ihm gefallen.

„Clark“, Miniserie, sechs Episoden, Regie: Jonas Akerlund; mit: Bill Skarsgard, Alicia Agneson, Vilhelm Blomgren, Hanna Björn, Malin Levanon, Isabelle Grill (ab 5. Mai bei Netflix)

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