RBB-Show endet überraschend

„Chez Krömer“: Ausnahmeshow mit unwürdigem Abgang

Kurt Krömer beendet seine Show „Chez Krömer".

Kurt Krömer beendet seine Show „Chez Krömer".

Hannover. Die allerletzte Sendung „Chez Krömer“ endet in einem Desaster. Kurt Krömer sitzt zusammengekauert an seinem Schreibtisch in der altbekannten Verhörkulisse, stöhnt auf, steckt sich eine E-Zigarette an und bereitet sein Publikum auf den unerwarteten Abschied vor. Er werde jetzt nach Hause gehen und das Konzept der Sendung noch mal überdenken, resümiert der Komiker. Dann verlässt er noch vor Ende der Sendezeit das Studio und lässt seinen Gast Faisal Kawusi allein zurück.

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Was das Publikum zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnt: Das völlig verunglückte Gespräch zwischen Krömer und dem Skandal-Comedian ist tatsächlich die letzte Episode der Sendung. Nur einen Tag später gibt der RBB bekannt, „Chez Krömer“ werde nicht mehr fortgeführt. Krömer kommentiert das zunächst knapp: „Mein Bedarf an Arschlöchern ist damit gedeckt.“

Es ist das reichlich unrühmliche Ende einer Sendung, die eigentlich mal ganz anders begonnen hatte. Eine Show, die nicht nur eine treue Fangemeinde, sondern auch zwei Grimme-Preise gewonnen hat. Und eine Show, in der bei weitem nicht nur „Arschlöcher“ saßen – die sich aber zuletzt mit genau diesen völlig verrannt hat. Was ist passiert?

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Zwischen Klamauk und tiefgründigen Gesprächen

„Chez Krömer“ geht erstmals 2019 auf Sendung und präsentiert ein Konzept, das zu diesem Zeitpunkt neuartig ist. Der Komiker sitzt in einer abgeranzten Kulisse, einer Amtsstube, die wohl den Räumlichkeiten der Staatssicherheit der DDR ähneln sollen. Sie besteht aus zwei durch eine Glasscheibe und eine dicke Tür getrennten Räumen: Im vorderen steht ein Schreibtisch, an dem Kurt Krömer zu Beginn jeder Sendung sitzt und eine Akte in die Hand nimmt. Im zweiten, einem Verhörraum, wartet der Gast.

Was dann passiert, ist unvorhersehbar. Krömer tritt in die Zelle, öffnet die Akte seines Gastes und konfrontiert ihn oder sie mit der Vergangenheit. Das kann in völligem Klamauk enden wie etwa in der Folge mit Linda Zervakis, in der die ProSieben-Moderatorin zusammen mit Krömer ein Currywurst-Fertigessen in einem Kioskautomaten der Marke „Heiße Hexe“ brutzelt.

Manchmal ziehen die Verhöre aber auch ungewohnt tiefgründige, häufig persönliche Gespräche nach sich. Mit Benjamin von Stuckrad-Barre spricht Krömer über Drogen und Krankheiten, mit der Prostituierten Salomé Balthus über Menschenhandel. Im selben Gespräch offenbart Krömer hoch Intimes: Er habe selbst schon mal ein Bordell besucht, damals als er 17 war – und nennt Details, warum er das und sich selbst dafür verachtet.

Sendung mit Sträter erhält Grimme Preis

Die wohl bekannteste und inzwischen fast legendäre Episode ist das Gespräch mit Komikerkollege Torsten Sträter. In dieser macht Krömer erstmals öffentlich, dass er – wie auch Sträter – an Depressionen erkrankt ist. Die Sendung und das einfühlsame Gespräch der beiden Kollegen zieht medial überschwängliches Lob nach sich. Für die Folge wird Krömer mit dem Grimme Preis ausgezeichnet.

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Die Jury urteilt seinerzeit: „Krömers spitzzüngige Schlagfertigkeit ist eines seiner Markenzeichen, doch hier erlaubt er sich, nach Worten zu ringen und sich zum ersten Mal öffentlich über seine Depression zu äußern. Damit spricht er offen ein gesellschaftliches Stigma an und nutzt die Sendezeit für eine dringend notwendige Aufklärung in Bezug auf den Umgang mit psychischen Erkrankungen.“

Es ist aber nicht der einzige bewegende Moment, den das Format hervorbringt – wenngleich nicht alle so viel Aufmerksamkeit nach sich ziehen. Trash-Fernseh-Ikone Harald Glööckler spricht bei Krömer über den Tod seiner Mutter. Sie war, so erzählt es Glööckler, von seinem Vater verprügelt und eine Treppe hinuntergestoßen worden, starb später im Krankenhaus an inneren Blutungen. Glööckler ist da gerade einmal 13 Jahre alt, lebt danach noch weitere fünf Jahre bei seinem gewalttätigen Vater.

Intime Momente und rechte Politiker

Von Klamauk und der für Krömer typischen Berliner Schnodderigkeit ist in diesen Momenten nichts mehr zu spüren. Der Moderator lässt seine Gäste aussprechen, nähert sich ihnen fast schon einfühlsam an. So wird aus der schrillen Fernsehfigur Harald Glööckler mit dem kunstvoll operierten Gesicht plötzlich ein Mensch, den man völlig neu kennen lernt.

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In anderen Situationen ist zu beobachten, dass auch die Kunstfigur Kurt Krömer und Alexander Bojcan, so sein bürgerlicher Name, verschwimmen. Nicht selten teilt Krömer Privates, gar Intimes – etwa im Gespräch mit Balhaus, dass er seit zwölf Jahren trockener Alkoholiker sei. Die kalte Studiokulisse, ausgestattet mit einem DDR-Telefon und einem DDR-Fernseher erledigt den Rest: Es entsteht eine merkwürdig bedrückende Stille – und zugleich eine ungewöhnlich intime Atmosphäre.

Seit jeher werden zu „Chez Krömer“ auch Menschen eingeladen, die der Moderator ganz offensichtlich nicht leiden kann – und dementsprechend auch so behandelt. Mit der früheren AfD-Frau Frauke Petry geht Krömer hart ins Gericht, das Gespräch mit Erika Steinbach erträgt der Komiker nur, weil er mitten im Gespräch theatralisch den Verhörraum verlässt und sich eine Zigarette anzündet. Gelegentlich kommt es zu Kabbeleien, etwa als Krömer im Gespräch mit „Welt“-Autor Deniz Yücel den Ukraine-Einsatz seines Springer-Kollegen Paul Ronzheimer kritisiert.

Kein Gespräch, sondern Fließbandarbeit

Spätestens mit der siebten Staffel der Sendung allerdings nimmt das Konzept Überhand. Eingeladen werden immer häufiger fragwürdige, häufig tief gefallene Persönlichkeiten. Der frühere FPÖ-Politiker Hans-Christian Strache ist so einer, Ex-Bild-Chef und Neu-Youtuber Julian Reichelt auch.

Die Gespräche laufen mit der Zeit immer ähnlich ab: Krömer packt wie am Fließband bekannte Skandale seiner Gäste aus, hält seinen Gesprächspartnern vor, dass ihre Karriere längst vorbei sei und ergötzt sich sichtlich an deren Absturz. Diese wiederum weichen den brisanten Fragen des Komikers aus oder antworten mit bizarren Rechtfertigungsversuchen, die Krömer dann schnell abhakt und mit einem „Apropos“ zum nächsten Thema übergeht.

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Alles, was „Chez Krömer“ bis dato ausmachte, verliert sich in diesen Sendungen. Die tiefgründigen Gespräche, die kleinen Momente, in denen man auch mal einen neuen Blick auf die Gäste erhält. An all dem hat Krömer bei Figuren wie Reichelt und Strache gar kein Interesse – und man kann es ihm auch nicht verübeln. Die Frage ist dann aber: Warum lädt man sie dann überhaupt ein?

Das Kawusi-Dilemma

Es ist nicht so, dass diese Episoden nicht unterhaltsam wären. Aber sie haben alle den Effekt eines Autounfalls, bei dem man nicht wegschauen kann. Krömers Ablehnung ist zu festgefahren, um mit seinen Gästen ernsthaft ins Gespräch zu kommen – gleichzeitig ist der Moderator aber auch nicht bissig genug, um sie fachgerecht zu zerlegen. Die Schnodderigkeit allein reicht da eben nicht aus. Am Ende entsteht in dem Verhörraum tatsächlich ein handfestes, ziemlich unangenehmes Verhör – viel mehr aber auch nicht.

Das Gespräch mit Faisal Kawusi ist der Tief- und Endpunkt von „Chez Krömer“. Kawusi ist ein Comedian, der zunächst mit mittelmäßig unterhaltsamen Comedy-Shows und später mit einem Instagram-Skandal bekannt geworden war.

Einer Influencerin, der mal K.O.-Tropfen ins Glas gemischt worden waren, hatte er als Antwort in einem Kommentar geschrieben, er würde die Dosis das nächste Mal erhöhen. Halbherzige Entschuldigungsversuche Kawusis, etwa in der Sendung „Stern TV“, machten die Sache nicht gerade besser.

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„Nur Arschlöcher hier“

Bei „Chez Krömer“ arbeitet Krömer eine ganze Liste der Skandälchen Kawusis ab – angefangen von einem Vorfall in der dritten Klasse, wo Kawusi Mobber verprügelt haben soll, bis hin zu einer rassistischen Beleidigung der Tänzerin Motsi Mabuse. Immer wieder versucht sich der umstrittene Komiker zu rechtfertigen, ehe Krömer bereits mit dem nächsten Punkt auf seiner Liste weitermacht.

Ein Gespräch lässt Krömer nicht zu. Für ihn ist Kawusi ein abgestürzter Ex-Promi, der sowieso noch nie etwas erreicht hat – ein guter Grund, gehörig nachzutreten. Krömer hat durchaus das Talent, die wundersamen Gedankenwelten seiner oft bizarren Gäste zu ergründen – das haben viele frühere Sendungen gezeigt. Bei Kawusi zeigt sich Krömer ebenso lustlos wie bei nahezu allen Gästen der siebten Staffel.

Schließlich verabschiedet Krömer seinen Gast mit den Worten, er habe schon den „ganzen Tag gewusst“, dass es „absolute Scheiße wird“. Er habe „nur Arschlöcher hier, inklusive dir“. Kawusi könne sich jetzt „verpissen“. Dann verlässt Krömer selbst den Raum. Unklar bleibt, wer da gerade diese aufgebrachten Worte spricht. Ist es die Kunstfigur Kurt Krömer? Oder doch der aufrichtig erzürnte Alexander Bojcan?

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Unwürdiger Abgang

Eine Antwort liefert Krömer später selbst, auf seinem Instagram-Profil. Er habe „Chez Krömer“ in einer „schwarzen, depressiven Episode“ seines Lebens erschaffen, erklärt er – gemeint ist damit seine psychische Erkrankung. Die Episode mit Torstern Sträter sei schließlich ein Wendepunkt gewesen. „Hier habe ich gemerkt, es fängt was Neues an. Hier geht eine Tür auf und das wird etwas ganz Neues“

„Chez Krömer“ habe er dennoch in seine „Neue Welt“ mitgenommen, wo es nun nicht mehr hinpasse. Das Format habe sich zu einer „Hass-Liebe“ entwickelt, irgendwann habe sein Körper das Format abgestoßen. Am Set habe er stets schlechte Laune gehabt.

Das erklärt auch ziemlich gut, was in den letzten Episoden von „Chez Krömer“ schiefgelaufen ist. Ein lustloser Krömer lädt Gäste, die nichts mehr zu sagen haben, zu einem Gespräch, das zu nichts führt. Für das einst so herausragende Format ist das unwürdig – und damit die wohl beste Entscheidung, es enden zu lassen. Einen würdigeren Abgang hätten sich Fans aber wahrscheinlich schon gewünscht.

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