Das Phänomen Lügenpresse

Lügenpresse als politischer Kampfbegriff.

Lügenpresse als politischer Kampfbegriff.

Berlin. „Lügenpresse“ ist ein Wort mit langer Geschichte. Es stammt nicht von Nazis, wie zuletzt oft behauptet wurde. Es ist ein Kampfbegriff, den sowohl Linke als auch Rechte verwendet haben. Und auch die Abwehr von Vernunft und Faktenorientierung ist nicht neu, sondern begleitet die europäische Geschichte seit Beginn der Aufklärung, wie Irene Neverla betont, neben Volker Lilienthal Mitherausgeberin des Sammelbandes „Lügenpresse. Anatomie eines politischen Kampfbegriffs“ (Kiepenheuer & Witsch). Es ist die umfassendste Beschäftigung mit dem Thema, die es zurzeit zu lesen gibt, und bietet eine Reihe interessanter Einsichten über die allseits diskutierten hinaus.

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Das Buch basiert auf einer Ringvorlesung, die die beiden Medienwissenschaftler an der Universität Hamburg organisiert haben. Ihr Kollege Michael Brüggemann etwa zeigt, wie in den USA Lobbyisten die Ansichten von Klimaleugnern in die Medien gebracht haben – und wie in dieser Debatte die Unterscheidbarkeit zwischen Wahrheit und Lüge zunehmend verloren gegangen ist. Mit weitreichenden Folgen über die Klimawandel-Diskussion hinaus: Wenn beide Seiten sich als Lügner denunzieren, geht am Schluss die Glaubwürdigkeit verloren.

Analyse am Beispiel der Flüchtlings-Berichterstattung

Der Theologe Norbert Schneider beschäftigt sich mit der Frage, wie gut sich Fakten gegen Gefühle behaupten können, und der, ob die Wahrheit „eine Bringschuld der Presse“ sei. Nein, meint er – Medien müssten Meinungsvielfalt ermöglichen, nicht die Wahrheit liefern.

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Das inhaltliche Spektrum der 15 Beiträge ist breit. Neben Wissenschaftlern kommen auch Journalisten zu Wort, Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“ etwa, „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und Kai Gniffke, erster Chefredakteur bei „ARD-aktuell“, der anschaulich vom Umgang mit Kritik an der Berichterstattung erzählt. Der ehemalige Leipziger Journalistikprofessor Michael Haller analysiert die Berichterstattung zur Flüchtlingskrise und schlägt Transparenz als Mittel vor, um Vertrauen zurückzugewinnen. Der Leipziger Medienwissenschaftler Uwe Krüger zieht aus der Diskussion Konsequenzen für die Journalismusforschung. Unter dem Begriff „Mainstream“ verhandelt er Tendenzen der Medien, sich einander anzugleichen. Krüger plädiert für mehr Pluralismus. Auch der Kulturwissenschaftler Jens Wernicke beschäftigt sich mit dem Phänomen. In dem Buch „Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung“ (Westend-Verlag) untersucht er die „Kernschmelze des Vertrauens“.

Claus Kleber, seit 2003 Moderator des „heute journals“ im ZDF, ist Autor der Streitschrift „Rettet die Wahrheit“ (Ullstein). Kleber beginnt mit einem persönlichen Erlebnis, das er als „Tiefpunkt“ bezeichnet. Er berichtet von einem Vortrag in einem Hörsaal der Uni Heidelberg. Dort fragte er in die Runde, wer es in Ordnung finde, wenn Medien wie das ZDF Rücksicht auf die Interessen der Bundesregierung nähmen, etwa bei der Berichterstattung über Putins Ukrainepolitik. Die große Mehrheit der Zuhörer hob die Hand, nur wenige sahen das anders. Kleber war erschüttert. Offenbar gingen fast alle im Hörsaal davon aus, dass öffentlich-rechtliche Medien nun einmal nicht unabhängig berichten könnten.

Und das sei sehr wohl so, betont der ZDF-Moderator. Immer wieder ist im Zusammenhang mit der Kritik an den Medien gefordert worden, sie müssten transparenter werden, mehr erklären, wie sie arbeiten. Und genau das macht auch Kleber in seiner Streitschrift. Er zeigt am Beispiel eines Tages, wie eine „heute journal“-Sendung entsteht. Nicht, indem der Regierungssprecher die Themen vorgibt sondern, indem ein ganzes Team die Berichterstattung plant. Im Zweifelsfall kommt vieles dann doch wieder ganz anders als gedacht.

Von dpa und may/RND

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