Saurier, Sagentier oder Spinnerei?

Etwas ist im Wasser: Claire Danes und Tom Hiddleston in der Miniserie „Die Schlange von Essex“

Unterschiedliche Ansichten zum Blackwater-Phänomen: Cora (Claire Danes) wähnt sich auf der Spur einer überlebenden prähistorischen Fischechse, Vikar Will (Tom Hiddleston) glaubt, dass da nichts im Wasser ist. Eine Szene aus der Serie „Die Schlange von Essex“.

Unterschiedliche Ansichten zum Blackwater-Phänomen: Cora (Claire Danes) wähnt sich auf der Spur einer überlebenden prähistorischen Fischechse, Vikar Will (Tom Hiddleston) glaubt, dass da nichts im Wasser ist. Eine Szene aus der Serie „Die Schlange von Essex“.

Zwei Mädchen, die eine am Ufer, die andere mutig im Wasser des Blackwater River stehend. In beider Augen ist die blanke Angst zu sehen. Nebel hängt über der Marschlandschaft, es ist eine perfekte Stimmung für plötzliche Auftritte von Geistern Verstorbener, die bis zum jüngsten Tag versetzte Grenzsteine umherschleppen müssen, oder für Hexen, die zwanzig Zentimeter über dem Erdboden schweben.

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Und tatsächlich hält die Ältere, Gracie (Rebecca Ineson), dem Flusslauf ein Holzkreuz entgegen, als träte sie gegen Satans Dämonenbrut an. Plötzlich erscheint eine mächtige Bugwelle im Fluss, und Naomi (Lily-Roso Aslandogdu), die Jüngere, hört im Weglaufen die Schreie ihrer Schwester. Mit ihrer Freundin Jo (Dixie Egerickx) wird sie später eine Möwe opfern und irgendeine (vielleicht heidnische) Macht anrufen, Gracie zurückzubringen. Wir schreiben das Jahr 1893, wir sind in der Nähe der Stadt Colchester, in dem winzigen Dorf Aldwinter im Reich des Aberglaubens. Bald wird die Gruselgeschichte von der Schlange von Essex die Runde machen.

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Die Witwe Cora glaubt an einen überlebenden Fischsaurier

Die für Cora Seaborne (Claire Danes) etwas ganz anderes ist. Die Witwe eines reichen, grausamen Mannes, die Mutter eines autistischen Kindes, hat nach dem Ableben des Gatten endlich die Möglichkeit, sie selbst zu sein. Funde von Saurierknochen haben die viktorianische Ära mit Staunen erfüllt. Und wiederholt beschrieben Zeitgenossen mögliche letzte Refugien, in denen die prähistorischen Riesen überlebt haben könnten.

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Cora, von wissenschaftlicher Neugier geflutet, nachdem sie einen Zeitungsbericht über den „Sea Dragon sighted in Essex“ gelesen hat, hält das Wesen für einen Plesiosaurus, vielleicht einen Ichtyosaurus – in jedem Fall ein naturwissenschaftlich erklärbares Wesen. Und so fährt sie mit ihrer Bediensteten (und Freundin) Martha (Hayley Squires) und ihrem autistischen Sohn Francis in die schroffe Landschaft, um die Legende mit der ihr gebührenden Wahrheit zu kontern.

Der Gottesmann zieht mit seinem Glauben gegen Wissenschaft und Hirngespinste

Dann ist da in der sechsteiligen Verfilmung von Sarah Perrys dickleibigem Roman „Die Schlange von Essex“ noch Will Ransome (Tom Hiddleston), der Vikar von Aldwinter, Gatte der sanften Stella (zauberhaft: Clémence Poésy) der sich mit seiner Gottesgewissheit gegen den Aberglauben und die Wissenschaft stellt. Er ist ein Mann der Vernunft, in der Schlangendarstellung seiner Kirchenbänke sieht er lediglich eine Allegorie auf den Teufel. „Es gibt kein Biest in Essex“, versucht er die ängstliche Naomi zu beruhigen, „ich verspreche dir – da ist nichts.“

Die Schlange, so Will, sei eine Erfindung, das Symptom einer Zeit großer Veränderungen, der Industrie, der Mobilität, die neue Ängste hervorgebracht habe. Als der mit Stangen bewehrte Gracie-Suchtrupp mit Fackeln und Weihrauch durch die Marsch zieht, runzelt Will die Stirn. Als die Dörfler schließlich die Leiche des Mädchens umringen und einer „Der Teufel ist gekommen“ raunt, weiß Ransome, dass er es schwer haben wird mit seinen nüchternen Worten „Unfall“ und „ertrunken“. Auch bei uns, dem Publikum – denn wir haben ja diese Bugwelle gesehen, die direkt auf Gracie zugerast ist.

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Der Zuschauer erlebt viele Tischgespräche und Spaziergänge

Mystery? Viktorianische Science-Fiction? Oder nur das Drama aufeinandertreffender schwer vereinbarer Vorstellungen. In Unkenntnis der Vorlage warten wir bald schon auf weitere Anzeichen für die Existenz des Riesenwurms. Warten, während vor unseren Augen viele Tischgespräche und Spaziergänge stattfinden, während die Kamera zu cello- und harmoniumschwerer Musik Essex-Postkarten mit schiefergrauen Himmeln und Abendstimmungen einfängt, während sie schwere Arbeit an den Austernbänken beobachtet, in sorgenvolle und verhärmte Gesichter blickt.

Wir warten zudem, dass wir uns an Claire Danes – die unsere toughe Agentin Carrie Mathison aus „Homeland“ war – in viktorianischem Tuch gewöhnen, und dass wir akzeptieren, dass Tom Hiddleston diesmal ernst bleibt, und nicht den chaotisch-lustigen Loki in sich offenbart, Marvels Gott des Schabernacks. Beides geschieht irgendwann.

Wir folgen klaglos der Nebenhandlung des reichlich selbstverliebten Chirurgen Luke Garrett (der nach wie vor nicht allzu talentierte Frank Dillane aus „Fear the Walking Dead“), der wie sein Kollege Thackery in Steven Soderberghs Serie „The Knick“ versucht, die Chirurgie voranzutreiben, offenkundig romantische Gefühle für Cora hegt, und der das Monster psychologisch deutet. Ausstattungsmäßig lässt Anna Symons Miniserie „Die Schlange von Essex“ keine Wünsche offen. Aber lange Nix-los-Passagen verstreichen und zu selten wird man aus dem Gefühl des Stillstands gerissen.

Die Dorfbewohner finden eine Schuldige für das Unheil der „Schlange“

Man wäre gelangweilt, wäre da nicht der Schulvortrag Coras über die Möglichkeiten der Evolution, in dessen Verlauf so Seltsames geschieht, als sei Dämon Pazuzu aus William Friedkins „Exorzist“ (1973) über die Schülerinnen und Schüler hergefallen. Und wäre da nicht das Fischerboot, unter dem – wie in „Der Weiße Hai“ (1975) – zu Möwengeschrei und zum Entsetzen der Besatzung plötzlich ein riesiger Schatten auftaucht.

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Fahrt könnte diese behäbige Geschichte zur dritten Episode aufnehmen, als die Gesichter der Bewohnerinnen und Bewohner des (fiktiven) Aldwinter hart werden, wenn sie Coras ansichtig werden. Bevor sie kam, war doch alles in Ordnung, oder? „Etwas kommt! Etwas kommt!“ Und wer hat Schuld? Die Frau, verführt durch die Schlange, hat den Apfel gegessen, damals am Ende der guten Zeit in Eden. Jetzt erinnert man sich als Zuschauerin und Zuschauer der Dörfler, die in James Whales „Frankenstein“ (1930) die einsame Kreatur mit Gabeln und Fackeln zur Mühle trieben und sie anzündeten. Blutrote Kreuze werden an Türen gemalt. Christinnen und Christen rüsten sich. Immer dasselbe.

Etwas ist im Wasser – auch in den Slums von London

Es wird dann eine ganz andere Geschichte daraus – eine der Sehnsüchte und zum Teil unerfüllten Leidenschaften, eine der Suche nach Liebe und Respekt, die etwas zu langsam ihrem Ende entgegen mäandert und zuweilen auch Komik zeitigt. Zwei Charaktere etwa verschreiben sich aus uneingestandener Liebe dem sozialen Wohnungsbau in den Slums von London, wo auch etwas im Wasser ist – jedenfalls fließt eine unappetitlich braune Brühe aus dem Hahn.

Und als man schon rätselt, ob mit der Schlange vielleicht das Branding gemeint ist, das der sadistische Gatte Cora in den Hals gedrückt hat, kommt auf den letzten Metern tatsächlich die Wahrheit an die Wasseroberfläche.

„Die Schlange von Essex“, Miniserie, sechs Episoden, mit Claire Danes, Tom Hiddleston, Clémence Poésy, Frank Dillane, Hayley Squires (ab 13. Mai bei Apple TV+)

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