Deutschland auf dem letzten Platz

„Save Mariupol!“: Wenn das größte Musikspektakel der Welt zum Friedensfest wird

Das Kalush Orchestra aus der Ukraine jubelt über den Gewinn des Eurovision Song Contests (ESC).

Das Kalush Orchestra aus der Ukraine jubelt über den Gewinn des Eurovision Song Contests (ESC).

Am Ende löst sich die Spannung, und Oleg Psiuk schreit seine Freude heraus: Es ist vollbracht. Die Ukraine, seine umkämpfte Heimat, gewinnt den 66. Eurovision Song Contest im italienischen Turin. Europa macht aus dem größten Musikspektakel der Welt tatsächlich ein kontinentales Friedensfest mit einer klaren Botschaft: Die Ukraine gehört ins Herz Europas. 631 Punkte. Platz eins. Es mag um Politik gegangen sein an diesem besonderen Abend. Der Song „Stefania“ aber, mit dem das Kalush Orchestra antrat, war ein ganz starker Mix aus Rap, Pop und Folklore­elementen. Es ist der erste Hip-Hop-Song, der jemals beim ESC gewann.

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Der Lohn waren 192 Punkte von den Jurys – und spektakuläre 439 Punkte von den Zuschauerinnen und Zuschauern. Klarer kann man seine Solidarität kaum ausdrücken. „Danke!“, rief Psiuk. „Danke für eure Unterstützung, Europa!“ Die Frage, wo der ESC 2023 nun stattfinden soll, wird noch eine Weile offen bleiben. Das Kalush Orchestra jedenfalls geht fest von einem Wettbewerb in einer dann „friedlichen, geeinten und glücklichen Ukraine“ aus.

Eine gute Handvoll ESC-Teilnehmerinnen und ESC-Teilnehmer hatte sich insgeheim – und mit Blick auf die Buchmacher­vorhersagen – leise Hoffnungen gemacht, doch noch am haushohen Favoriten Ukraine vorbeizuziehen. Dazu gehörten Spaniens textilarmes Energiebündel Chanel mit ihrer Disconummer „Slomo“ (Platz drei), Englands freundlicher Falsett-Wikinger Sam Ryder mit seiner grandiosen Eloge auf die großen Glitterhelden des Pop von Freddie Mercury bis Elton John („Space Man“, Platz zwei) und die schillernde, aber doch ein bisschen aseptisch wirkende Schwedin Cornelia Jakobs („Hold Me Closer“, Platz vier).

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Deutschland erlebt ein Debakel

Und Deutschland? Erlebte erneut ein Debakel. Malik Harris’ Pop-und-Rap-Nummer „Rockstars“ landete auf dem letzten Platz. Seine dunkel-golden inszenierte Story vom Ende der Kindheit ging sang- und klanglos unter. Von den 40 internationalen Jurys gab es nicht einen einzigen Punkt. Vom Publikum nur mickrige sechs. Das bedeutete am Ende die rote Laterne.

Malik Harris landete auf dem letzten Platz.

Malik Harris landete auf dem letzten Platz.

Der Auftritt des Kalush Orchestras um Rapper Oleg Psiuk dagegen wurde zu einem dreiminütigen Triumphzug. Ovationen im Stehen. Sogar Tränen waren in der Arena zu sehen. „Save Ukraine, save Mariupol, save Asovstal!“, rief Psiuk nach dem Song. Riesenjubel in der Palaolimpico-Arena in Turin. Ein Verstoß gegen das Verbot politischer Slogans? Nicht doch. Die Europäische Rundfunkunion reagierte cool – und stufte den Ausruf als Appell für Menschenrechte ein: „Wir verstehen die tiefen Gefühle rund um die Ukraine und glauben, dass die Kommentare des Kalush Orchestras und anderer Künstler, die ihre Unterstützung für das ukrainische Volk zum Ausdruck bringen, eher humanitärer als politischer Natur sind.“

Ihr Lied „Stefania“ hat in der Ukraine ein Eigenleben entwickelt – vom Lied über Psiuks Mutter zu einer Hymne auf die „mütterliche Heimat“ Ukraine. Und auch das ukrainische Staatsfernsehen übertrug den ESC wie in Friedensjahren – inklusive Televoting und nationaler Jury. Eine beklemmende Vorstellung, wie viele Tausend Zuschauerinnen und Zuschauer zwischen Kiew und Mariupol angstvoll in Kellern ausharrend das Popspektakel verfolgten (wenn sie nicht ganz andere Sorgen hatten als eine TV-Show). Denn genau das war das Ziel des Kalush Orchestras, wie Psiuk vorher dem Redaktions­Netzwerk Deutschand (RND) gesagt hatte: „Wir wollen vor allem den Ukrainern am Eurovisions-Abend zeigen, dass sie nicht allein sind – dass ganz Europa uns unterstützt.“ Das dürfte gelungen sein.

Deutschlands ESC-Blamage: „ein Debakel mit Ansage“

Die Ukraine gewinnt den 66. Eurovision Song Contest im italienischen Turin. Imre Grimm berichtet vor Ort von den Eindrücken.

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Herzen als Zeichen der Solidarität

Eine Stimme für die Ukraine war an diesem Abend eben nicht nur ein Votum für den fröhlichen, stolzen Auftritt des Kalush Orchestras, sondern ein winziges Zeichen der Solidarität, das sich – millionenfach ausgeführt – zu einem beeindruckenden Zeugnis der Solidarität summierte: Europa nutzte die Gelegenheit, die Ukraine fest ans Herz zu drücken.

Es ist Krieg in Europa – und das konnte bei allem Hang zur bonbonbunten Grandezza auch das größte Musikspektakel der Welt nicht ignorieren. Schon das Opening gab mit John Lennons und Yoko Onos Friedenshymne „Give Peace a Chance“ die Richtung vor. 1000 Rockmusiker (die „Rockin 1000″) spielten unter freiem Himmel los – und die 8000 Zuschauerinnen und Zuschauer in der Halle stiegen klatschend und singend ein. „Sieh her, Putin!“, sollte das heißen. „Wir feiern hier ein Fest – und ihr seid nicht dabei.“ Er wird es bedauerlicherweise verschmerzen. Russland (und Weißrussland) sind disqualifiziert – auch die nationalen Sender übertrugen den ESC nicht.

Im Schatten der Weltlage geriet die Musik in Turin fast zur Nebensache. Dabei war der ESC 2022 einer der musikalisch stärkeren Jahrgänge. Der Fremdschämfaktor war gering – viele der eher putzigen Popexperimente blieben in den Halbfinals hängen. Der Song Contest wird vom grellbunten Trickkleid­festival des kulturellen Wahnsinns immer mehr zu einer eher kühlen Leistungsshow des Pop. Auch wenn die Windmaschine ihren festen Platz behält.

Experimentelle Performance aus Serbien

Allein Norwegens Subwoolfer erfreute die Spaßfraktion mit einer absurd-fröhlichen (und angenehm bescheuerten) Elektronummer mit gelben Wölfen und einer bestechenden vegetarischen Botschaft: Bevor der böse Wolf die Großmutter frisst, gebt ihm doch lieber eine Banane! Wer sollte dagegen etwas sagen? Der Lohn: Platz zehn. Moldau wiederum (Platz sieben) vereinte in nur 180 Sekunden Jodeln, Rock, Retrorap, Russendisco, ein Minischlagzeugsolo und einen amtlichen „Hey ho!“-Mitgröhlteil – ein 180-Sekunden-LSD-Trip in bester Irrsinnstradition.

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Auf seltsame Art herausragend war der Auftritt der Serbin Konstrakta („In Corpore Sano“), die sich – nahezu reglos auf einem Stuhl sitzend – fast zwangsneurotisch die Hände wusch, umwuselt von fünf Tänzern mit frischen Handtüchern. Was offiziell eine Kritik an der mangelnden Gesundheitsversorgung freier Künstlerinnen und Künstler sein sollte, ließ sich unter dem Eindruck von zwei Jahren Pandemie dann doch teilweise wie eine „Querdenker“-Hymne gegen vermeintliche Gesundheits­besessenheit lesen. Der Lohn der experimentellen Performance: enormer Zuspruch bei den Zuschauervotings und Platz fünf vor den italienischen Balladeuren.

Deutschland hingegen ist weiter fest abonniert auf hintere Plätze. Das liegt nicht am oft geäußerten Verdacht, man genieße ohnehin kaum Sympathien. Das liegt am deutschen Dauerirrtum, es gehe beim ESC um einen Song, der möglichst viele Geschmäcker trifft – also um Konsens. Das Gegenteil ist der Fall: Es gewinnt stets die Nummer, die am meisten Emotionen auslöst. Nach diesem Debakel wird sich das deutsche ESC-Team komplett neu ausrichten müssen.

Inszenatorisches Mittelmaß

Trotz der üblichen Lobeshymnen der zugeschalteten Moderatorinnen und Moderatoren aus 40 Ländern: Inszenatorisch blieb die Show Mittelmaß. Italien hält traditionell große Stücke auf seine Entertainment­qualitäten – aber sowohl die Moderation als auch die Intermezzi konnten wenig überzeugen. Kaum Witz, viel künstliches Pathos – viel Behauptung, wenig Substanz. Das sah phasenweise nicht besser aus als konventionelles italienisches Unterhaltungs­fernsehen, weit entfernt von internationalen Standards. Auch wenn man sich mit Popstar Mika und Laura Pausini eigens etwas Mietglamour besorgt hatte. Immerhin: Madonna blieb der Sache diesmal freundlicherweise fern.

Was bleibt im Gedächtnis von diesem Eurovision Song Contest? Gelbe Wölfe aus Norwegen, überraschend viele traurige Männer mit düsteren Balladen (Sinnkrise bei Europas Männlichkeit?) und die Antwort auf die Frage, warum in Europa Papierknappheit herrscht: weil sämtliche Zettel für die ESC-Bühnendekoration des armenischen Beitrags gebraucht wurden. Über allem aber schwebt die Solidarität des Kontinents für ein Land, an dessen kontinentaler Zugehörigkeit auch dieser Wettbewerb keinen Zweifel gelassen hat: Die Ukraine gehört zu Europa.

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