Blamage in Turin

Fehler im System: Sollte der ESC dem NDR entzogen werden?

Kein Glück für Malik Harris: Der deutsche Teilnehmer landete beim ESC in Turin auf dem letzten Platz.

Hamburg. Und wieder der letzte Platz, und wieder ein Debakel. Das, was Deutschland beim Eurovision Song Contest mit Malik Harris widerfahren ist, lässt sich nur noch schwer mit einem Ausrutscher entschuldigen. Fast immer, mit wenigen Ausnahmen, landete der deutsche Beitrag in den vergangenen Jahren auf den hinteren Rängen, häufig sogar auf dem allerletzten Platz. Und immer lauter wird angesichts dessen auch die Kritik, die sich gegen den federführenden NDR richtet.

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„Lieber NDR, (...) der letzte Platz ist euer Verdienst“, schreibt etwa ein ESC-Fan auf Twitter. „Danke NDR, dass wir wieder im ESC-Einheitsbrei untergehen“, schreibt ein anderer. Und einer kommentiert spöttisch: „Der NDR überlegt sich sicherlich schon fleißig ein neues Konzept, wie Deutschland nächstes Jahr 0 Punkte erreicht.“ Der Satire-Account „Öffentlich-rechtliche Memes“ hat derweil schon eine Lösung des Problems gefunden: Man soll dem NDR den ESC „wegnehmen“ und den „Vorentscheid neu aufstellen“, heißt es in einem Tweet.

Ganz ähnlich wie die Stimmen aus den sozialen Netzwerken klingen die aus der deutschen Presselandschaft. Der „Express“ empört sich in einem Kommentar und fordert: „Schluss mit der Zwangsauswahl der NDR-Bürokraten.“ Die „Bild“-Zeitung meint: „Gebt den Song Contest lieber dem BR, RBB, WDR, SWR, meinetwegen dem ZDF oder Astro TV – nur endlich nicht mehr diesem unsäglichen NDR!“ Und die „Berliner Zeitung“ kommentiert, der NDR habe aus den Niederlagen der vergangenen Jahre nichts gelernt. „Da wird jedes Jahr lediglich ein bisschen am Auswahlverfahren geschraubt, kaum transparent, dafür erfolglos.“ Die ARD gibt den Vorentscheid an eine oder mehrere Landesrundfunkanstalten.

Liegt der Fehler hier tatsächlich im System?

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NDR-Vorauswahl scheitert meistens

Man kann es nicht leugnen: Die letzten richtig großen ESC-Erfolge Deutschlands stammen allesamt aus einer Zeit, in der der Norddeutsche Rundfunk nicht maßgeblich die Federführung hatte. Eine Ausnahme bildet einzig der Beitrag von Michael Schulte im Jahr 2018: Der Song „You Let Me Walk Alone“ schaffte es überraschenderweise trotz klassischem NDR-Vorentscheid beim ESC in Lissabon auf Platz vier. Dem ebenfalls viel gelobten Beitrag „Violent Thing“ von Ben Dolic machte im Jahr 2020 die Corona-Pandemie einen Strich durch die Rechnung.

Ansonsten sind die Bemühungen der öffentlich-rechtlichen Anstalt meist zum Scheitern verurteilt: Levina, Jamie-Lee, Ann Sophie und Elaiza – alles Namen, die in den vergangenen Jahren Deutschland beim Song-Contest vertraten, kläglich scheiterten und inzwischen in Vergessenheit geraten sind. Zuletzt schaffte es im Jahr 2012 ein Song in die Top Ten – das ist inzwischen zehn Jahre her.

„Standing Still“ von Roman Lob landete seinerzeit beim Wettbewerb in Baku auf Platz acht, Lena Meyer-Landrut schaffte es im Jahr zuvor immerhin auf Platz zehn – und holte 2010 bekanntermaßen sogar den Sieg nach Hause. Alle drei Beiträge haben eines gemeinsam: Sie waren kein reiner NDR-Verdienst, sondern eine Zusammenarbeit mit Stefan Raab und dessen damaligem Haussender Pro Sieben. Und: Das Publikum hatte deutlich mehr Mitspracherecht.

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Zuschauer wählten Hits

Statt zwischen vorgegebenen Acts zu entscheiden, waren Zuschauerinnen und Zuschauer im Frühjahr 2010 von vornherein in die Entscheidung eingebunden. Mit Hilfe von acht Casting­shows wählte das Publikum schließlich Lena Meyer-Landrut und dann ihren Song „Satellite“ zum offiziellen Vertreter des Landes. Das Ergebnis: ein fulminanter Sieg in Oslo. Mit Roman Lob wurde das Erfolgskonzept zwei Jahre später wiederholt.

Angesichts dessen ist es schon verwunderlich, dass gerade die Idee der Castingshow schnell wieder über den Haufen geworfen wurde. Nach dem Ausstieg Raabs kehrte der NDR zum (un)bewährten Konzept zurück: Vorgegebene Acts, vorgegebene Songs – und das Publikum hatte die Qual der Wahl – im wörtlichen Sinne.

2013 etwa schickte man Cascada zum ESC – mit einem Song, der als Eins-zu-eins-Kopie des Vorjahressiegers „Euphoria“ von Loreen verschrien war. In Hannover ließ man vorausgewählte Acts wie Finn Martin, Die Priester, die Söhne Mannheims, Ben Ivory oder eben Cascada gegeneinander antreten. Neben den Zuschauerinnen und Zuschauern vor dem Fernseher hatte eine Jury ein Mitspracherecht beim Voting.

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Das Scheitern der Expertengremien

In den folgenden Jahren schraubte der NDR immer wieder am Konzept seines Vorentscheids. An einem allerdings hielt man stets fest: Die Vorauswahl der Acts und Songs wurde nie wieder allein durch das Publikum bestimmt, wie einst bei Lena oder Roman Lob – sondern stets auch durch Jurys und Expertengremien, die immer wieder wechselten. Das Ergebnis: klägliches Scheitern auf ganzer Linie.

Den wohl größten Eklat erlebte die Sendeanstalt im Jahr 2016, als man – ganz ohne Vorentscheid – den damals schon umstrittenen Sänger Xavier Naidoo als deutschen ESC‑Vertreter präsentierte. Die Entscheidung zog der NDR schließlich nach massiven Protesten wieder zurück. Im vergangenen Jahr wählte die Anstalt ohne Zuschauervoting den 27-jährigen Jendrik: Dieser hatte sich zuvor mit Tiktok-Videos als ESC-Kandidat angebiedert – beim NDR hinterließ dies offenbar bleibenden Eindruck. Beim ESC selbst landete Jendrik schließlich auf den vorletzten Platz.

Und in diesem Jahr setzte die Sendeanstalt schließlich auf Expertinnen und Experten in eigenen Reihen. Die ARD-Popwellen trafen, stellvertretend für das ESC-Publikum, die Vorauswahl der jeweiligen Acts. Das Publikum entschied sich schließlich für das kleinste Übel: Malik Harris, der beim ESC in Turin nur den letzten Platz belegen konnte.

Wenn der richtige Riecher fehlt

Fast wirkt es so, als fehle der öffentlich-rechtlichen Anstalt schlichtweg der richtige Riecher für das, was das nationale und internationale ESC-Publikum von einem Act und einem Song erwartet. Und fast scheint es so, als sträube man sich entschieden dagegen, den ESC-Fans all zu viel Entscheidungsspielraum zu lassen. Warum eigentlich? Warum nicht wieder eine Castingshow wie damals bei Lena? Hat nicht gerade das Publikum die beste Expertise bewiesen?

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Auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) will sich der NDR nicht näher zu diesen Überlegungen äußern. Das schlechte Ergebnis allerdings nehme man „sehr ernst“, wie eine Sprecherin mitteilt. „Das Auswahlverfahren für den ESC 2023 wird anders aussehen als das für den diesjährigen ESC“, betont sie. „Wie genau, wird der NDR bekannt geben, wenn es steht. Im Moment ist es hierfür noch zu früh.“

Auf Diskussionen aus dem Netz, der NDR sei für den Job vielleicht einfach ungeeignet, will sich die Anstalt nicht einlassen. „Die Verantwortung für den deutschen Beitrag beim Eurovision Song Contest liegt auch weiterhin beim NDR“, betont die Sprecherin. „Mit dem klaren Ziel, eine Platzierung ganz oben zu erreichen. Nach dem ESC ist vor dem ESC!“

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