Jeder zweite Film ein Krimi

Warum wird im TV so viel gemordet wie nie zuvor?

Szene aus „Tatort: Borowski und der Schatten des Mondes“: Spaziergänger Michael Mertins (Stefan Kurt) trifft am Fundort der Leiche auf den ermittelnden Borowski (Axel Milberg, rechts).

Szene aus „Tatort: Borowski und der Schatten des Mondes“: Spaziergänger Michael Mertins (Stefan Kurt) trifft am Fundort der Leiche auf den ermittelnden Borowski (Axel Milberg, rechts).

„Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ hat Bill Ramsey einst gesungen; das war 1962. Da die Dame bestimmt kein Einzelfall war, liegt die Vermutung nahe: Der Krimi war schon immer der Deutschen liebstes Kind; zumindest in den letzten gut 60 Jahren. Wie in den USA wurde das Genre laut Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger auch im deutschen Fernsehen Ende der Fünfziger zu einem festen Bestandteil des Programms, anfangs noch mit Einzelstücken im Rahmen von Reihen wie „Stahlnetz“ (ARD, ab 1958).

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Unvergessen sind auch die Francis-Durbridge-„Straßenfeger“, allen voran der Sechsteiler „Das Halstuch“ (1962). Wöchentliche Sendetermine gab es zunächst jedoch nur im ARD-Vorabendprogramm. Die erste deutsche 20.15-Uhr-Serie war ab 1969 „Der Kommissar“, 1970 startete der „Tatort“. Damit, so Hallenberger, „war das Genre in der Hauptsendezeit gesetzt, nun begann eine Verstetigung des Krimiangebots mit immer mehr Sendeplätzen.“

Das Stream-Team

Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix & Co. – jeden Monat neu.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Mittlerweile hat diese „Verstetigung“ erhebliche Ausmaße angenommen. Laut einer gemeinsamen Studie der Medienforschungen von ARD und ZDF bestand das fiktionale Angebot der acht großen Sender 2021 fast zur Hälfte aus Krimis. Mit Ausnahme von Vox spielt das Genre bei den Privatsendern jedoch eine deutlich geringere Rolle als bei ARD und ZDF, was im Umkehrschluss heißen könnte: Erstes und zweites Programm müssten überwiegend aus Krimis bestehen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Mitfühlen und Miträtseln

Zumindest für die ARD, teilt ein Sprecher der Programmdirektion mit, sei dieser Eindruck falsch: „Krimis nehmen im Angebot des Ersten keine herausragende Position ein. 2021 hatten die Informationsinhalte mit 47 Prozent den weitaus größten Anteil.“ Die Antwort des ZDF lautet ähnlich. Immerhin wird eingeräumt, dass Krimis „eine relevante Rolle“ spielten.

Aber warum ist das so? Der renommierte Drehbuchautor Benedikt Röskau („Contergan“) argumentiert erst mal aus Sicht der Sender: ARD und ZDF müssten die Pflichtgebühren nicht zuletzt durch einen hohen Zuschauerzuspruch rechtfertigen, und das gehe nun mal verlässlich mit Krimis.

Krimis signalisieren: Es gibt jemanden, der sich kümmert und die Ordnung wiederherstellt.

Gerd Hallenberger Medienwissenschaftler

Außerdem, so Hallenberger, zeichne sich der Krimi durch seine Anschlussfähigkeit aus: „Das ist ein wunderbarer Bastelkasten, weil sich rund um das narrative Grundmuster praktisch alle nur denkbaren Geschichten erzählen lassen.“ Laut ZDF-Programmplaner Florian Kumb hat die Publikumsforschung ergeben, dass neben Neugier und Ausbruch aus dem Alltag das Mitfühlen und Miträtseln die wichtigsten Sehmotive für Krimis seien.

Nicht zu unterschätzen, ergänzt Joe Bausch, pensionierter Medizinaldirektor der JVA Werl (NRW) und Darsteller des Rechtsmediziners im „Tatort“ aus Köln, sei auch die Zuverlässigkeit: „Krimis haben eine einfache Dramaturgie. Der ‚Tatort‘ beginnt mit einem Leichenfund, die Ermittlungen führen zu einem ersten Verdächtigen, der aber meistens nicht der Täter ist. Diese Verlässlichkeit ist uns antrainiert.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Fühlen uns beim Anschauen eines Krimis lebendig“

Im Krimi geht es laut Hallenberger „stets um Bedrohung und Gefahr“. Gerade in Deutschland sei eine gewisse Ängstlichkeit ohnehin sehr verbreitet. „Aber Krimis signalisieren: Es gibt jemanden, der sich kümmert und die Ordnung wiederherstellt.“

Röskau hält es dennoch für „absurd, dass in einer TV-Woche mehr Morde geschehen als in einem ganzen Jahr.“ Hier werde offenbar „eine Intensität der Konflikte erschaffen, die wir in unserer komplettversicherten Welt dringend brauchen.“ Der Nervenkitzel, die Spannung, das Rätsel: „All das führt dazu, dass wir uns beim Anschauen eines Krimis lebendig fühlen.“

Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen