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ESC 2022

Hat die Ukraine schon gewonnen? Zehn Antworten zum Songcontest

Schon jetzt Sieger der Herzen: Die ukrainischen ESC-Kandidaten des Kalush Orchestra posieren nach einer Probe in Turin.

Party in Europa? Gerade jetzt? Wo zwei Flugstunden von Berlin entfernt ein Angriffskrieg tobt? Soll der Eurovision Song Contest 2022 tatsächlich über die Bühne gehen? Ja – findet die Europäische Rundfunkunion (EBU) als Veranstalter. Denn das größte Musikspektakel der Welt sei, historisch gesehen, schließlich ein Friedensprojekt – geboren aus dem Geist europäischer Versöhnung wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. In der kommenden Woche heißt es also: Benvenuti a Torino. Herzlich willkommen zum Spektakel des Wahnsinns im Piemont!

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Freuen Sie sich auf rockende „Bananenwölfe“ aus Norwegen, auf fröhliche Finnen im gelben Friesennerz, auf halbnackte Stripper mit solidem Klötengriff aus San Marino und auf rappende Ukrainer mit Häkelmütze, denen aus guten Gründen bereits seit Wochen die Herzen des Kontinents zufliegen. Die Proben in der Arena Pala Alpitour in Norditalien sind in vollem Gang. Das Finale geht am Sonnabend, 14. Mai 2022, um 21 Uhr über die Bühne. Und so viel kann man verraten: Es ist der musikalisch stärkste ESC-Jahrgang seit Jahren. Mit einer bedauerlichen Ausnahme: Deutschland.

Hier sind zehn Fragen und Antworten zum 67. paneuropäischen Kindergeburtstag, der im Schatten des Krieges – und ohne Russland – zu einem Sangesfest der Solidarität werden soll.

Die italienischen ESC-Sieger von 2021 (von links): Gitarrist Ethan, Bassistin Victoria, Sänger Damiano und Gitarrist Thomas von der Band Maneskin aus Italien.

Die italienischen ESC-Sieger von 2021 (von links): Gitarrist Ethan, Bassistin Victoria, Sänger Damiano und Gitarrist Thomas von der Band Maneskin aus Italien.

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1. Warum noch mal Italien als Austragungsort?

Weil die glamouröse italienische Rockband Måneskin benannt nach dem dänischen Wort für „Mondschein“ – 2021 beim ESC in Rotterdam in lila Latzhosen und mit viel Grandezza und Schnedderedeng den Saal in Grund und Boden gerockt hat. Ihr Song „Zitti e Buoni“ erreichte anschließend als erster italienischer Titel überhaupt die weltweiten Top Ten bei Spotify. Frontmann Damiano David gilt seither als so ungefähr heißester Kerl des Kontinents.

2. Wird das der politischste „ESC“ aller Zeiten?

Ja. Ohne jeden Zweifel. Denn der weiße Elefant im Raum – das kaum zu übersehende Überthema also – ist das disqualifizierte Russland. Noch 24 Stunden nach dem russischen Überfall auf die Ukraine hatte die EBU zunächst darauf beharrt, Russland dürfe trotz allem am diesjährigen ESC teilnehmen. Doch dann machten mehrere Länder hinter den Kulissen Druck. Das Ergebnis: Russland ist raus. Denn sonst würden, so formulierten es die geläuterten ESC-Verantwortlichen zerknirscht, die „Werte des Wettbewerbs in Verruf gebracht“. Ach, tatsächlich? Unverzüglich erklärten die drei russischen Sender Perwy kanal, WGTRK und das Radiozentrum Ostankino ihren Austritt aus der EBU.

Auch Weißrussland ist ausgeschlossen – allerdings schon seit dem vergangenen Jahr. Damals suspendierte die EBU den weißrussischen Staatssender BTRC, weil der für den ESC 2021 in Rotterdam vorgesehene Beitrag „Ya nauchu tebya“ („Ich bringe dir bei“) der Gruppe Galasy ZMesta die Opposition und die Proteste gegen den Minsker Autokraten Alexander Lukaschenko verhöhne.

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Der ESC gibt sich unter beharrlichem Ignorieren der Realitäten traditionell unpolitisch, nicht anders als die Fifa oder das Internationale Olympische Komitee. Man sei doch nur ein „kulturelles Event“, betont die EBU gern, ein Zusammenschluss von rund 70 Rundfunkanstalten in 56 Staaten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. In den ESC-Regularien heißt es offiziell, die Bühne dürfe nicht für „politische Statements“ genutzt werden. Banner mit klaren politischen Aussagen sind verboten, Animositäten zwischen Staaten hätten beim paneuropäischen Friedensfest nichts verloren. Das ist natürlich naiv.

Sprungbrett für Weltkarrieren: Spektakuläre Siege beim Eurovision Song Contest

So manch einem Weltstar hat der Eurovision Song Contest bereits den entscheidenden Schwung gegeben.

3. Welche politische Rolle hat Russland denn früher beim ESC gespielt?

Als Estland 2001 als erste postsowjetische Nation den ESC gewann, empfand das Land den Triumph als finales Signal der Emanzipation, als endgültige „Rückkehr nach Europa“ aus der Umklammerung Russlands. Jahre vor der offiziellen Osterweiterung der EU witterten viele ehemalige Ostblockstaaten – die seit 1993 am ESC teilnehmen dürfen – damals die Gelegenheit, sich als offene, bunte, vom postsowjetischen Grauschleier befreite Aufbruchsnationen zu präsentieren. „Wir haben uns durch Musik vom Sowjetimperium befreit“, rief der damalige estnische Premierminister Mart Laar nach dem Sieg der jubelnden Menge zu. 2009 wollte Georgien mit dem Titel „Put in Disco“ antreten, doch der Refrain „We don‘t wanna put in“ klang der EBU dann doch zu sehr nach „We don‘t want Putin“, und Georgien – empört durch die von Russland forcierte Abkehr Südossetiens ein Jahr zuvor – wurde vom ESC ausgeschlossen.

Nun ist Russland also raus. Was im Vergleich zum blutigen Krieg selbst wie eine popkulturelle Marginalie wirkt, ist bei genauer Betrachtung kein unerheblicher Randaspekt, sondern ein politischer Vorgang. Denn das Popspektakel hatte immer auch eine politische Funktion: als länderübergreifendes Druckventil für spielerische Lästerreflexe, als scheinbar harmlose Projektionsfläche, auf der der Kontinent Europa sich friedlich beäugen und mit Vorurteilen spielen konnte. Die spinnen, die Finnen. Zum Gähnen, die Dänen. Pop und Politik gingen Hand in Hand, nicht immer nur leicht und tänzelnd.

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Einmal erst hat das stets überehrgeizige Russland den ESC gewonnen; das war 2008 mit dem Sänger Dima Bilan („Believe“). Es wird auf Jahre hinaus der einzige Sieg bleiben. Die Ukraine dagegen siegte schon zweimal: mit Ruslana 2004 und mit Jamala 2016. Beim letzten Triumph, gut zwei Jahre nach der Annexion der Halbinsel Krim durch Russland, spiegelte sich bereits der ganze Zorn Europas auf die russische Aggression: Sängerin Jamala sang damals mit dem schluchzenden, eruptiven, machtvollen (und natürlich hochpolitischen) Titel „1944″ ihre ganze Wut über die Deportation der Krimtartaren durch das Stalin-Regime heraus. Ihre eigenen Urgroßeltern waren unter den Opfern dieses Verbrechens. Im Frühjahr floh Jamala mit ihren Kindern aus Kiew.

Der Ukraine-Konflikt überschattet den Song Contest bereits seit Jahren: 2017 zog sich Russland vom ESC in Kiew zurück, weil die ukrainischen Behörden der russischen Kandidatin Julia Samoylova die Einreise verweigerten. Der Grund: 2015 war Samoylova zu einem Auftritt auf der Krim über Russland eingereist. Seit der Annexion der Halbinsel durch Russland wird dies jedoch mit einer mehrjährigen Einreisesperre bestraft. Für Samoylova wollte die Ukraine keine Ausnahme machen. 2019 dann nahm die Ukraine nicht am ESC in Tel Aviv teil. Die ursprüngliche Kandidatin Maruv zog ihre Teilnahme zurück, nachdem ihr der heimische Sender UA:PBC geplante Konzerte in Russland untersagt hatte. Maruv erklärte, sie wolle kein „Werkzeug im politischen Spiel“ sein.

4. Hat die Ukraine also im Prinzip schon gewonnen?

Ziemlich sicher. Bei den Buchmachern und Buchmacherinnen steht die Ukraine aktuell mit einer Siegeswahrscheinlichkeit von 44 Prozent weit vorn auf Platz eins, gefolgt von Italien (13 Prozent), Schweden (12 Prozent) und – Überraschung! – den beiden sonst fast immer erfolglosen Big-Five-Ländern Großbritannien (6 Prozent) und Spanien (4 Prozent). Die Siegchancen fast aller anderen 38 Länder liegen bei unter einem Prozent – Deutschland inbegriffen. 44 Prozent – dahinter steht natürlich Sympathie und der Wunsch, ein politisches Signal zu setzen.

„In schwierigen Zeiten für unser Land“: Die ukrainische Band Kalush Orchestra gilt als Favorit auf den Sieg beim diesjährigen „Eurovision Song Contest“ in Turin.

„In schwierigen Zeiten für unser Land“: Die ukrainische Band Kalush Orchestra gilt als Favorit auf den Sieg beim diesjährigen „Eurovision Song Contest“ in Turin.

Für die Ukraine geht die Band Kalush Orchestra an den Start. Ihr Song „Stefania“ ist eine reizvolle, aber nicht sehr eingängige Mischung aus Rap und Folklore in Landessprache und eigentlich der Mutter des Rappers Psiuk gewidmet. Einzelne Zeilen wirken wie ein Kommentar zum Krieg („Ich werde immer zu dir kommen, auch wenn alle Straßen zerstört sind“) – das Lied aber wurde lange vor dem Angriff durch Russland geschrieben. Das Kalush Orchestra muss sich im ersten Halbfinale am Dienstag, 10. Mai 2022, durchsetzen und hat angekündigt, trotz aller Verbote politischer Pamphlete zum Krieg in der Heimat nicht zu schweigen.

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In schwierigen Zeiten für unser Land werden wir unsere Präsenz in der ganzen Welt bekannt machen. Wir sind also bereit, die Ukraine in ganz Europa zu vertreten.

Oleh Psiuk,

Leadsänger von Kalush Orchestra (ESC-Teilnehmer 2022 der Ukraine)

Gut so. Denn die Band ist direkt von den Kämpfen betroffen: Einer der Musiker ist in Turin nicht dabei, weil er gerade in Kiew das Land verteidigt. „In schwierigen Zeiten für unser Land werden wir unsere Präsenz in der ganzen Welt bekannt machen“, versicherte Oleh Psiuk, Leadsänger von Kalush Orchestra. „Wir sind also bereit, die Ukraine in ganz Europa zu vertreten.“

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Geht es also um Musik? Nein. Hätte das ukrainische Lied ohne den Krieg eine Siegchance? Kaum. So aber könnte im kommen den Jahr der erste ESC über die Bühne gehen, der nicht im Heimatland des Vorjahressieger stattfindet. Denn bei aller Hoffnung und Friedenssehnsucht: Ein ESC 2023 in Mariupol oder Kiew ist kaum denkbar.

Das Kalush Orchestra war nur Zweitplatzierter im ukrainischen Vorentscheid. Gewonnen hatte am 12. Februar 2022 die Sängerin Alina Pash mit dem Titel „Shadows Of Forgotten Ancestors“ gewonnen. Am 16. Februar gab sie jedoch auf ihrem Instagram-Account bekannt, dass sie nicht antreten werde. Der verantwortliche Sender UA:PBC verwies auf „offene Fragen“ zu einer Reise von Alina Pash auf die Halbinsel Krim, die die Sängerin 2015 offenbar ohne gültige Papiere unternommen hatte.

5. Und wer gehört noch zu den Favoriten?

Hoch gehandelt wird der Italiener Mahmood, der 2019 im Finale in Tel Aviv nach einer hochspannenden Punktewertung hinter dem Niederländer Duncan Laurence auf Platz zwei landete. Für den zweiten Anlauf mit der Liebesballade „Brividi“ (Schauer) hat sich Mahmood den Singer-Songwriter und Rapper Blanco an die Seite geholt. Zwei glutvolle Gigolos mit ordentlich Schmachtpotenzial – das kann kaum schiefgehen.

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Wie immer liegt auch der ESC-Dauerbrenner Schweden weit vorn, diesmal endlich mal nicht mit wetterfestem Eurobums, sondern der komplexen Ballade „Hold Me Closer“, vorgetragen mit branchenüblichem Gebarme von Sängerin Cornelia Jakobsdotter Samuelsson alias Cornelia Jakobs. Ein Sieg wäre Schwedens siebter ESC-Triumph – das Land würde mit Rekordmeister Irland gleichziehen. Eine wunderschön-verrätselte Countryballade namens „Með hækkandi sól“ („Mit der aufgehenden Sonne“) hat das isländische Geschwistertrio Sigga, Beta & Elín im Gepäck. Erinnerungen an „Calm After The Storm“ von den Common Linnets (2014) aus den Niederlanden werden wach.

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Das immer wieder ESC-gefrustete Spanien versucht sein Glück endlich mal nicht mit einer schwerblütigen Ballade oder künstlerisch gemeintem Zirkusgezappel, sondern mit der textilarmen, aber substanzreichen gebürtigen Kubanerin Chanel Terrero und ihrer Auf-die-Zwölf-Latino-Popnummer „SloMo“. Und auch England, das Mutterland des Pop, liegt nach vielen Jahren des ESC-Elends bei den Wettbüros endlich mal weit vorn: Sänger Sam Ryder, einer der derzeit meistbeachteten Exporte der britischen Inseln, würdigt in seiner starken Midtempo-Hymne „Space Man“ mit unvergleichlicher Stimme seine Helden Freddie Mercury, David Bowie und Elton John. Endlich droht mal keine Blamage für England. Wenn das doch auch für Deutschland gälte.

6. Und, ähem – Deutschland? Wie heißt der Typ noch mal?

Tja. So ehrlich muss man sein: Deutschland bleibt das Sorgenkind des europäischen Popevents. Die Schreckensbilanz der letzten sechs Jahre: zweimal Letzter, dreimal Vorletzter (immerhin: einmal Vierter mit Michael Schulte 2018). Die internationale Fanorganisation OGAE ließ in 43 Ländern nationale Fanclubs über die diesjährigen ESC-Hits abstimmen. Ergebnis: Nur aus Lettland gab es zwei mickrige Punkte für Deutschlands Kandidaten Malik Harris und seine Formatradio-Konsensnummer „Rockstars“, die bei den meisten Hörern und Hörerinnen im Moment ihres Verklingens bereits dem Vergessen anheimgegeben ist.

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Man hätte es besser wissen können: Denn das neue ESC-Team des NDR hat in diesem Jahr aus rätselhaften Gründen auf zwei Methoden gesetzt, die sich in der Vergangenheit bereits mehrfach als untauglich erwiesen haben: Man ließ erstens wieder die hauseigenen Popradiosender mitwirken. Das Ergebnis war trauriger Einheitsbrei im Vorentscheid, ausgewählt von „Musikexperten“ mit rundgelutschtem Gehör. Und man glaubte zweitens, die ARD könne mit Bordmitteln ausreichend medialen Rückenwind für den deutschen ESC-Beitrag erzeugen. Aber es genügt eben nicht, Malik Harris ins Frühstücksfernsehen oder in die Kindernachrichten zu schicken und die „Jungen Wellen“ (schon das Wort!) dazu zu verdonnern, den Song zu spielen. Wichtig wäre, dass das Lied das Zeug dazu hätte, in irgendjemandes Ohr hängen zu bleiben.

„So viel Radio war noch nie beim ESC“, sagte NDR 2-Programmchef Torsten Engel und benannte damit präzise das Problem. Was fehlt: Mut zum Wagnis, zur Andersartigkeit. Das alles ist nur mit zweierlei zu erklären: absoluter Ahnungslosigkeit, was die Mechanismen des Song Contests angeht. Oder Desinteresse. Kaum verwunderlich: Bei den Buchmachern und Buchmacherinnen steht Malik Harris – Sohn des einstigen Sat.1-Talkers Ricky Harris – im Niemandsland der Tabelle.

Buchmacher erwarten letzten Platz für Deutschland

Malik Harris mit seinem Song „Rockstars“ rutschte am Freitagnachmittag bei den Buchmachern noch einmal ab.

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7. Und warum darf Deutschland trotz chronischer Erfolglosigkeit ins ESC-Finale?

Das liegt an einem Sonderrecht: Die fünf größten Geldgeber der EBU („Big Five“) sind automatisch für das Finale qualifiziert – damit sie nicht die Lust verlieren, die Party auch im nächsten Jahr maßgeblich zu finanzieren. Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien sparen sich also das Halbfinale. Hinzu kommt noch der jeweilige Gastgeber, in diesem Jahr freilich ist das Italien. Die „Big Five“-Regelung stammt aus dem Jahr 1996, als Deutschland seine bisher größte ESC-Schmach erlebte: Der Titel „Blauer Planet“ des Münchner Sängers Leon fiel bei der eurovisionsinternen Vorausscheidung durch. Die ARD verzichtete daraufhin erstmals – und bisher letztmalig – darauf, den Wettbewerb live im Ersten zu übertragen. Er lief in den Dritten Programmen. Die Konsequenz: Die EBU verteilte fünf Wildcards für alle Zeit. Ist das gerecht? Nein. Hat das den deutschen Teilnehmern und Teilnehmerinnen immer mal wieder den Hintern gerettet? Ganz sicher.

8. Was gibt‘s denn zu lachen im ESC-Jahrgang 2022?

Jede Menge! Als „Dark Horse“ (also als Überraschungshit, der das Feld von hinten aufrollen könnte) wird in der Fanszene die serbische Sängerin Konstrakta gehandelt. In ihrem etwas pathologisch-gruseligen Beitrag „In corpore sano“ geht es um Gesundheits(produkt)wahn: Auf der Bühne „wäscht“ sie sich dazu zwanghaft die Hände, begleitet von einem Quintett, das Handtücher bereithält. Eine Querdenkerhymne gegen die Corona-Maßnahmen aus der Heimat von Impfskeptiker Novak Đoković? Das soll das Lied nicht sein.

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Slowenien lässt eine niedliche Schülerband namens LPS auf die Bühne, die mit einer Diskonummer namens, nun ja, „Disko“ hinter viel zu großen Instrumenten einen Hauch Bee-Gees-Feeling zu verbreiten versucht. Leider gab es den sehr farbigen Blazer des sehr farblosen Sängers offenbar nicht in seiner Größe. Die eigentlichen Partypeople der Saison 2022 sind aber die lustigen Moldauer der Band Zdob și Zdub, die schon dreimal zum ESC fuhren. Sie bringen einen „Russendisko“-Mix mit, der wirkt wie eine Drei-Minuten-Terrine aus sämtlichen musikalischen Zutaten Europas. Mit dabei sind (Auszug): Hip-Hop, Drum‘n‘Bass, Hardrock, Folklore, Punk, Gesang, Bass, Gitarre, Tuba, Posaune, Trompete, Schlagzeug und – tada! – Dudelsack.

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9. Wie läuft die Punktevergabe beim ESC?

Es bleibt höchst bedauerlich, dass die EBU die ebenso kultige wie endlose Punktevergabe im Jahr 2016 hart kastriert hat. Das paneuropäische Rechenschieberspielchen wurde maximal gestrafft: So geben die schlecht ausgeleuchteten Moderatorinnen und Moderatoren bei den TV-Schalten quer durch Europa nur noch die Topwertungen der nationalen Jurys mündlich durch. Die übrigen Jurypunkte „fliegen“ einfach kommentarlos in die Ländergrafik. Erst wenn alle Jurypunkte vergeben sind, geht es zu den Punkten der Zuschauerinnen und Zuschauer. Diese werden aus allen abstimmenden Ländern zusammengerechnet und von den ESC-Gastgebern und ESC-Gastgeberinnen in der Halle in Turin bekannt gegeben. Sie beginnen mit dem Land, das am wenigsten Punkte für sich gewinnen konnte. Das ist zwar spannend inszeniert – aber hat viel von seinem ursprünglichen mathematisch-nerdigen Charme verloren.

10. Und wann geht’s nun wirklich los?

Offiziell eröffnet wird die ESC-Sause in Turin am kommenden Sonntag. 17 Länder – darunter die Ukraine – wetteifern dann im Ersten Halbfinale am Dienstag, 10. Mai, um 21 Uhr (live bei One, in der ARD-Mediathek und auf eurovision.de) einen Startplatz für das Finale. Die besten neun kommen weiter. Weitere 18 Länder treten beim Zweiten Halbfinale am Donnerstag, 12. Mai, um 21 Uhr an (ebenfalls live bei One, in der ARD-Mediathek und auf eurovision.de). Deutsche Zuschauerinnen und Zuschauer sind im zweiten ESC-Halbfinale abstimmungsberechtigt. Hier kommen die besten zehn weiter. Die fünf gesetzten Länder Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien sowie die 19 erfolgreichen Halbfinalisten sind dann im ESC-Finale am Samstag, 14. Mai 2022, um 21 Uhr zu sehen (live in der ARD, bei One, in der ARD-Mediathek und auf eurovision.de). Bereits um 20.15 Uhr meldet sich Moderatorin Barbara Schöneberger von der ESC-Preshow „Countdown für Turin“ auf der Reeperbahn in Hamburg – dem Gesetz der Serie folgend voraussichtlich bei Regenwetter und selbstverständlich gekrönt vom unverwüstlichen „Wort zum Sonntag“. Beide Halbfinals und das Finale kommentiert ESC-Urgestein Peter Urban.

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