Vorgehen umstritten

Kampf gegen „Fake News“: BBC-Journalistin erschafft fünf „Fake Amerikaner“

Die BBC-Journalistin Marianna Spring.

Die BBC-Journalistin Marianna Spring.

New York. Britney aus Texas neigt politisch zum konservativen Populismus, wobei sie dem Großkapital negativ gegenüber steht. Zudem lehnt sie Corona-Impfungen ab. Auf ihren kürzlich eröffneten Social-Media-Accounts erhält sie umgehend Werbematerial von Anhängern des früheren US-Präsidenten Donald Trump, die mit zum Teil aggressiver Rhetorik die Verschwörungstheorie vom Wahlbetrug verbreiten. Britney wird eingeladen, sich entsprechenden Gruppen anzuschließen. Das Problem ist nur, dass diese Dame überhaupt nicht existiert.

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Die BBC-Reporterin Marianna Spring hat in den sozialen Medien Konten für insgesamt fünf imaginäre Personen eröffnet, um besseren Aufschluss darüber zu erhalten, wie sich Nachrichten, einschließlich sogenannter „Fake News“, im Internet verbreiten. Dass sie bei ihren Recherchen damit selbst auf Fälschungen zurückgreift, ist sicherlich nicht unumstritten. Doch für die investigative Journalistin rechtfertigt der Zweck die Mittel: „Wir tun dies mit den besten Absichten, denn es ist einfach wichtig zu verstehen, was hier wirklich abgeht. Mit Bezug auf Falschinformationen sind die USA ein äußerst bedeutendes Forschungsfeld.“

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Die fünf „Fake Amerikaner“ repräsentieren ein breites politisches Spektrum. Neben Britney gibt es am rechten Ende Larry, einen 71-jährigen früheren Versicherungsmakler aus Alabama, der sich als großer Fan von Trump outet. Am linken Rand steht Emma, eine 25-jährige Grafikerin aus New York. Sie ist Atheistin, lesbisch, kämpft für die Belange von Frauen, befürwortet das Recht auf Abtreibung und die Legalisierung von Marihuana und informiert sich über die liberalen Medien „New York Times“ und National Public Radio.

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Dazwischen steht der Schwarze Michael aus Milwaukee, der sich als gemäßigter Anhänger der Demokraten bezeichnet. Und schließlich Gabriela, eine Mutter aus Miami mit lateinamerikanischen Vorfahren. Sie interessiert sich für Musik und Mode und hierbei vor allem für Schnäppchenkäufe. Obwohl sie kein Interesse an Politik äußert, erhält sie Werbematerial von Gruppen, die den Republikanern nahe stehen.

Spring: „Falschinformationen kommen überwiegend aus der rechtsextremen Szene“

Mit computer-generierten Fotos hat Spring für diese imaginären Personen Konten bei Facebook, Twitter, Instagram, YouTube und Tiktok eröffnet. Für die Erstellung der fast schon archetypischen Profile hat die BBC-Journalistin mit dem Forschungsinstitut Pew Research Center zusammen gearbeitet. Alle fünf „Fake Amerikaner“ verhalten sich im Internet passiv – das heißt, sie geben keine öffentlichen Kommentare ab und haben auch keine Freunde. Doch ihre gesellschaftlichen und politischen Präferenzen sind klar umschrieben, und dies allein aktiviert die Algorithmen.

Spring verfolgt die entsprechenden Bewegungen über fünf Mobiltelefone – ein separates für jeden vermeintlichen Internet-Nutzer. Über ihre Erkenntnisse berichtet sie in Nachrichtensendungen der britischen BBC, auf Webseiten und in Podcasts. Das Projekt wurde im vergangenen August mit Blick auf die US-Zwischenwahlen am 8. November begonnen. Spring hofft jedoch, es bis zur Präsidentschaftswahl 2024 weiterführen zu können. „Wenn wir wissen, wie die sozialen Medien funktionieren, können wir besser beurteilen, wie wir zu Zielscheiben von Falschinformationen werden. Und diese kommen überwiegend aus der rechtsextremen Szene – trotz verstärkter Kontrollen seitens der Medienunternehmen.“

Kritik an Springs Vorgehen

Allerdings ist es auf den einschlägigen Plattformen untersagt, Konten für nicht existierende Personen zu eröffnen. Doch investigative Journalisten greifen für ihre Recherchen häufig zu dieser umstrittenen Methode. Das „Wall Street Journal“ hat im vergangenen Jahr für eine Story mehr als 100 solcher Accounts bei Tiktok betrieben. Die gemeinnützige Nachrichteninitiative „Markup“ wiederum sicherte sich die Zustimmung von 1200 Menschen für die Überprüfung ihrer Konten, um die Vorgehensweisen von Facebook und YouTube besser analysieren zu können. Zumindest wurden hier keine „Fake Accounts“ angelegt.

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Spring ist sich des Widerspruchs bewusst, Falschinformationen mit gefälschten Konten bekämpfen zu wollen: „Diese Ironie ist mir durchaus klar“, sagt sie. Aber das öffentliche Interesse an den Machenschaften der sozialen Medien überwiege die Fragwürdigkeit ihrer Vorgehensweise. Medienethiker werfen ihr allerdings unlauteres Verhalten vor: „Sie verletzt damit eindeutig die ethischen Standards eines guten Journalismus“, beklagt Bob Steele vom Poynter Institute.

Samuel Woolley vom Medienzentrum der University of Texas bezweifelt zudem die Aussagekraft von Springs Forschungen. Demnach springen Algorithmen nicht nur auf die Profile von Personen an, sondern vor allem auf deren Kommentare im Austausch mit Freunden in den sozialen Medien. Dieser aber findet bei den fünf „Fake Amerikanern“ nicht statt. Woolley resümiert: „Es handelt sich hier um eine Feldstudie aus der Perspektive einer Journalistin – durchaus kreativ und interessant, aber doch sehr begrenzt in ihrem Umfang.“

RND/AP

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