Kommentar

Kein ESC in Kiew: traurig, aber richtig

Die Trophäe des Eurovision Song Contest 2022 (undatierte Aufnahme).

Die Trophäe des Eurovision Song Contest 2022 (undatierte Aufnahme).

Sie hatten es sich gewünscht. So sehr. In jede Kamera, in jedes Mikrofon hatte der ukrainische Rapper Oleg Psiuk nach dem haushohen Sieg seines Kalush Orchestra beim Eurovision Song Contest im Mai in Turin seinen immer gleichen, hoffnungsvollen Satz gesagt: Der ESC 2023 werde in einer „friedlichen, geeinten und glücklichen Ukraine“ ausgetragen. Jeder, der diese Worte hörte und ein menschliches Herz in der Brust trug, war gerührt und traurig zugleich. Denn so viel stand fest: Es wird wohl Wunschdenken bleiben. Es wäre schön, kein Zweifel, das hofft die ganze Welt – aber daraus wird wohl nichts. Denn ein ESC im Krieg ist undenkbar.

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Nun also: Gewissheit. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) hat entschieden: Der ESC 2023 findet nicht in der Ukraine statt. Der ESC benötige als „eine der komplexesten Fernsehproduktionen der Welt“ mit Tausenden Mitwirkenden zwölf Monate Vorbereitungszeit. „Mit großem Bedauern“ sei man deshalb zu dem Schluss gekommen, dass unter den derzeitigen Umständen „die Sicherheits- und Betriebsgarantien, die ein Fernsehveranstalter für die Ausrichtung, Organisation und Produktion des Eurovision Song Contest gemäß den ESC-Regeln benötigt“, nicht zu erfüllen seien.

Es ist ein harter Satz. Aber er ist zutreffend. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Lage in der Ukraine rechtzeitig entspannt, ist minimal. Die russische Invasion macht es unmöglich, dass das größte Friedensfest Europas, diese brillante Idee vom spielerisch-menschlichen Miteinander auf einem Kontinent, der sich noch wenige Jahre vor seiner Erfindung 1956 blutig bekämpft hatte, im Siegerland stattfindet. So reicht Putins langer Arm einmal mehr bis hinauf auf die glitzernde Bühne des größten Musikspektakels der Welt. Und niemand wird jemals wieder sagen können, dass Politik keine Rolle spielt beim Eurovision Song Contest.

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Traurige Premiere: Noch nie musste ein ESC wegen eines Krieges verlegt werden

Es ist nicht das erste Mal, dass ein ESC nicht im Land des Vorjahressiegers über die Bühne geht. Siebenmal sprang bisher ein anderes Land ein – zumeist in der Frühphase des ESC, als einzelne Länder die Organisation vor allem aus finanziellen Gründen verweigerten. Und doch ist die Entscheidung eine traurige Premiere: Noch nie war ein Krieg der Anlass, mit der Tradition zu brechen. Nun wird der ESC-Zirkus wohl, mit Wehmut im Gepäck, nach Großbritannien weiterziehen, ins Land des Zweitplatzierten Sam Ryder. Die Veranstalter nehmen in diesen Tagen Gespräche mit der BBC auf. Ryders Song „Space Man“ war der Favorit der ESC-Jurys – im Publikumsvoting landete er jedoch nur auf dem fünften Platz. Dort ging die Silbermedaille an die wilde Spaßkapelle aus Moldau.

Geld für ukrainischen Truppen: Kalush Orchestra versteigert ESC-Trophäe

Das ukrainische Kalush Orchestra hat die Trophäe versteigert, die es beim Eurovision Song Contest 2022 gewonnen hat, um der Ukraine zu helfen.

Sobald es möglich ist, soll die Ukraine einen ESC feiern dürfen

Die Entscheidung gegen Kiew ist traurig, aber richtig. Es ist ein Unterschied, ob Journalisten, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen oder einzelne Staatsmänner unter massiver Bewachung ins Kriegsgebiet Ukraine reisen oder Tausende Künstler, Fans und Touristen. An eine fröhliche Friedensparty ist im Schatten der tödlichen Gefahr durch russische Bomben nicht zu denken. Doch eines muss ebenso klar sein: Sobald es irgend möglich ist, soll die Ukraine unter massiver Unterstützung Resteuropas einen Eurovision Song Contest in Kiew, Charkiw, Lwiw oder Odessa feiern dürfen, der sich gewaschen hat. Denn daran hat der ESC 2022 keinen Zweifel gelassen: Das geschundene Land gehört ins Herz Europas. Rein gar nichts hat sich daran geändert.

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