Kritik zum Film

Rachewestern mit Kevin Costner: stumme Zärtlichkeit in „Lass ihn gehen“

„Lass ihn gehen“ mit Kevin Costner läuft am 9. Juli im ARD-Sommerkino.

„Lass ihn gehen“ mit Kevin Costner läuft am 9. Juli im ARD-Sommerkino.

„Lass ihn gehen“ ist kaum älter als sein Vorspann, da wird die kleine, heile Welt der Protagonisten das erste Mal bis in die Grundfesten erschüttert. Das Ehepaar George (Kevin Costner) und Margaret Blackledge (Diane Lane) – er Sheriff im Ruhestand, sie eine Frau des Westens, die ebenso Pferde zureiten kann wie Apfelkuchen backen – lebt mit Sohn James (Ryan Bruce), Schwiegertochter Lorna (Kayli Carter) und Enkel Jimmy auf einer kleinen Ranch im Montana der frühen 1960er-Jahre. Das Leben hier ist ein langer, ruhiger Fluss, die Zuneigung füreinander bleibt meist unausgesprochen, zeigt sich vielmehr in kleinen, fast beiläufigen Gesten. Als eines Morgens James’ Pferd allein nach Hause kommt, findet George den Sohn mit gebrochenem Genick.

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Ein Cowboy, der vom Pferd stürzt und stirbt – fast scheint es, als wollten Schicksal und Tod die Trauernden auch noch verhöhnen. Und doch trägt George seine Trauer mit Würde, als er den Leichnam des Sohnes noch einmal in seinen Armen hält. Selbst im Tod lebt die Zärtlichkeit, die keiner Worte bedarf, weiter. Und auch Margaret leidet eher still, aber sie hofft auch. Der Sohn lebt ja im Enkel weiter.

Schwiegertochter heiratet erneut

Dann aber, es sind einige Jahre vergangen, entscheidet sich die Schwiegertochter, erneut zu heiraten, weniger aus Liebe, sondern weil sie Jimmy versorgt wissen will. Zufällig beobachtet Margaret eines Tages, dass Donnie Weboy (Will Brittain) von der Sorte Ehemann ist, die Frau und Kind drangsaliert, gar schlägt. Und bald darauf sind Stieftochter und Enkel verschwunden.

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Während George sich zunächst in dieses Schicksal ergibt, scheint Margaret beinahe besessen davon, Jimmy zurückzuholen – mit oder ohne Georges Hilfe. Aus Liebe willigt er schließlich ein, und es beginnt eine mit Landschafts­aufnahmen von karger Grandiosität unterlegte Odyssee durch kleine und noch kleinere Kaffs, die schließlich im Nirgendwo von North Dakota endet.

Vom Familiendrama zum Rachewestern

Hierhin ist Donnie samt Frau und Stiefsohn geflüchtet, direkt in den Schoß seiner in der Gegend berühmt-berüchtigten Familie. Der Weboy-Clan kennt keinen Vater, sondern wird von der Mutter dominiert. Lesley Manvilles Blanche ist von geradezu faszinierender, heimtückischer Grausamkeit und kommt als eine Art Wiedergängerin der tatsächlichen Kate „Ma“ Barker daher, die als Staatsfeind Nummer eins in den 1930er-Jahren mit ihren Söhnen Angst und Terror verbreitete.

Das ist der Moment, in dem das bisweilen kontemplative Familiendrama zum blutigen Rachewestern wird. Dass es „Lass ihn gehen“ nicht in zwei ungleiche Teile zerreißt, liegt auch an der Regie. Thomas Bezucha, der nach dem gleichnamigen Bestsellerroman das Drehbuch geschrieben hat, mag nur eine kleine Nummer sein in Hollywood. Nie aber verliert er sein Zentrum aus den Augen, die Beziehung zwischen George und Margaret, die an dieser Krise zu zerbrechen droht. Bezucha gibt der jetzt zunehmenden Sprachlosigkeit Raum, und der wortkarge Stoizismus, mit dem George sein Schicksal trägt, ist eine Meisterleistung Costners in schauspielerischer Zurückgenommenheit.

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Costner auch als Produzent an Bord

Costner hat auch produziert. Wie verbunden er dem Western ist, weiß man nicht erst seit „Yellowstone“, dem US-Serienhit um den Kampf eines Großranchers im Montana von heute gegen Lobbyisten, Politiker und sonstige Gangster. Ob der oscarprämierte Blockbuster „Der mit dem Wolf tanzt“ oder die grandiose Dokureihe „500 Nations“, die den zahlreichen Völkern der Ureinwohnerinnen und Ureinwohner Amerikas Gesicht und Stimme gegeben hat – der heute 67-Jährige kehrt immer wieder zu den Bildern und Geschichten des amerikanischen Weste(r)ns zurück. So war es auch 2003 bei „Open Range“. Die eher klassisch gehaltene Erzählung endete mit einer gerade erst erblühenden, noch zarten Liebe zwischen Costners Cowboy und einer von Annette Benning gespielten, schon ein wenig altjungferlichen Landärztin. Nun, mit „Lass ihn gehen“, zeigen Costner und Lane, wie eine solche Liebe in Genügsamkeit und Würde altern kann.

„Lass ihn gehen“ ist ab diesem Samstag, 9. Juli, bei Sky streambar.

 

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