Meister der Gänsehaut

Leckerbissen an Halloween – „Guillermo del Toro’s Cabinet of Curiosities“ bei Netflix

Horch, was will von draußen rein? Szene aus der Anthologieserie „Guillermo del Toro's Cabinet of Curiosities“. Lize Johnston ist darin als Hexe zu sehen.

Horch, was will von draußen rein? Szene aus der Anthologieserie „Guillermo del Toro's Cabinet of Curiosities“. Lize Johnston ist darin als Hexe zu sehen.

Guillermo del Toro ist ein Großer im Geschäft mit der Gänsehaut. Er erzählte uns – jeder Freund des Fantastischen erinnert sich mit wohligem Schauern – vor nun auch schon wieder gut anderthalb Dekaden die Geschichte von der Prinzessin aus dem Reich unter der Erde, die verloren ging. Das Mädchen Ofelia und seine hochschwangere Mutter Carmen reisten in „Pans Labyrinth“ durch das faschistische Spanien des Sommers 1944, dem Stiefvater Vidal entgegen, einem der Hauptleute des Generals Franco.

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Für Vidal ist die neue Frau nur Mittel, den ersehnten Sohn zu bekommen. Es ist die Zeit, in der Spaniens Faschisten in Paranoia versinken. Die Alliierten sind in der Normandie gelandet, man weiß nicht, was die Zukunft für Mörder in Uniform bereithält. Der Film war eine grandiose Weltenverwebung, ein Fantasy-Traum und eine Tragödie – Guillermo del Toro zeigte die vom Faschismus bis heute vergiftete spanische Seele. Und er zeigte bemerkenswerte Monster im titelgebenden Irrgarten. Viele Preise gab‘s dafür – darunter drei Oscars.

Del Toro erhielt die Oscars für die „beste Regie“ und den „besten Film“

Mit dem Sci-fi-Drama „Shape of Water“ (2017), der Romanze zwischen der stummen Putzfrau Elisa (Sally Hawkins) in einem US-Geheimlabor und einer Art Kreatur aus der Schwarzen Lagune erhielt del Toro den Oscar für den besten Film und die beste Regie. Freunde des Fantastischen zählen des Weiteren „Mimic“ (1997), „Hellboy“ (2004) und „Nightmare Alley“ (2021) zu seinen Großtaten. Im Reich der spukigen Fernsehserien tat er sich als Produzent von „The Strain“ (2014 bis 2017) hervor, der Verfilmung seiner eigenen Romantrilogie über eine Vampirinvasion in New York.

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Gründe genug, speziell zu Halloween Zeit zu reservieren für „Guillermo del Toro‘s Cabinet of Curiosities“, wo del Toro als Serienschöpfer und zuweilen Co-Autor von zunächst acht Kurzgeschichten aus den Gefilden der unheimlichen Schattenlichter fungiert. Ähnlich wie Rod Serling in „Twilight Zone“ oder Thrillerkönig Alfred Hitchcock in „Alfred Hitchcock präsentiert ...“ übernimmt der gewichtige Mexikaner den Part des Conférenciers – erzählt in einem schmunzelnden Tonfall von der „Welt der Mysterien“, gibt dann einen kurzen Verweis auf die folgende Geschichte und adelt sie mit seiner Präsenz.

Die Filme des Schreckenskabinetts haben es in sich

Wobei die Filme durchaus für sich stehen können. „Lager 36″ etwa, worin der Kriegsveteran Nick Appleton (Tim Blake Nelson) auf Auktionen alte aufgegebene Lagerräume ersteigert, um Profit aus darin möglicherweise enthaltenen Schätzen zu schlagen. Er ist verschuldet, die rohen Gläubiger sitzen ihm mit Baseballschlägern im Nacken, ein Glück, dass er in der Gütergarage eines Nazis einen kostbaren Séancentisch samt dreier seltener okkulter Bücher findet.

Irgendwo muss das vierte und wertvollste Buch stecken, und mit dem Betreten eines Raums hinter dem Lagerraum gerät Nick dann in das Reich des Bösen. Bald hängt sein Schicksal am guten Willen einer alten Dame ab, der er zuvor schroff den Zugang zu deren versehentlich versteigertem Eigentum verweigert hatte. 1000 Dollar wollte er für ein paar Familienfotos.

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Grusel arbeitet gern mit Moral und Strafe

Es ist eine Unrecht-gut-gedeihet-nicht-Story, die Guillermo Navaro, oscargekürter Kameramann von „Pans Labyrinth“ hier inszeniert hat. Die Kurzfilme (Dauer 40 Minuten bis gut eine Stunde) arbeiten alle mit Moral und Strafe. Die Erfüllung des Ersehnten hat Konsequenzen, wenn üble Motive oder üble Methoden im Spiel sind. Auch in „Friedhofsratten“, inszeniert von Vincenzo Natali, dem Regisseur des Schockes „Cube“ (1997), wird ein Mann (David Hewlett) Opfer seiner Gier.

Robert Louis Stevensons Erzählung vom „Leichenräuber“ stand Pate, verbindet sich mit blasphemischen unterirdischen Gottheiten aus dem Arsenal von H. P. Lovecraft und einer Ratte, groß wie das Ding aus Stephen Kings Kurzgeschichte „Nachtschicht“. Ja, diese Filme sind prima Begleiter einer Halloween-Party – aber die Kinder sollten dann schon im Bett sein.

Nicht alles funktioniert. „Das Äußere“, ein Film der Britin Ana Lily Amirpour, die 2014 mit dem ersten islamischen Vampirfilm „A Girl Walks Home Alone a Night“ zu Ruhm kam, erzählt von einer jungen Frau, intelligent, vielseitig talentiert, aber dumm genug, mit den aufgebrezelten Ladys ihres Umfelds mithalten zu wollen, die stolz auf ihre umdesignten Körperteile sind und deren Gossip sich vorzugsweise auf die Wohlgeformtheit oder Kümmerlichkeit männlicher Genitalien oder die Verächtlichmachung von als Konkurrenz wahrgenommenen Geschlechtsgenossinnen bezieht.

Nicht jede kuriose Geschichte erscheint plausibel

In diesem Kreis der Schwätzerinnen will Stacey (Kate Micucci) nicht mehr unsichtbar sein. Und so greift sie, obwohl ihr gutmütiger Ehemann Keith (Martin Starr) ihr schwört, sie sei ein unvergleichlich liebenswerter Mensch, zu einem neuartigen Kosmetikmittel namens Alo Glo, das sie mit einem Ekzem verheert, das wie Haut gewordenes Feuer scheint. Auch hier ist der Preis am Ende hoch, der Blick der Protagonistin schwankt zwischen Grauen und Glückseligkeit.

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Aber die Geschichte wirkt unplausibel. Man nimmt es dieser Stacey nicht ab, warum sie unbedingt einen Platz auf einem Haufen Dummheit erstrebenswert findet, sie hat sich auch nicht durch die Horror-Mascara in eine zweite Penélope Cruz verwandelt, sondern durch einen simplen Haarschnitt und ein schnittiges Kleid. Zum Schein statt Sein durch Pein? Die Tortur wäre gar nicht nötig gewesen.

„Die Autopsie“ hat das Zeug zum Klassiker

Dafür gibt es potenzielle Genreklassiker wie „Die Autopsie“, in der ein Forensiker einem befreundeten Sheriff hilft, die in einem Baum gefundene Leiche eines vermissten Bergmanns zu untersuchen. David Prior mischt in seiner in den Siebzigerjahren angesiedelten Geschichte kunstvoll Horror und Science-Fiction und gestaltet die Geschichte eines Mannes, der sich am unwahrscheinlichsten Ort unverhofft mit etwas völlig Übermächtigen konfrontiert sieht, als spannenden Thriller mit Tiefgang und überraschender Pointe. Und mit einem herausragenden F. Murray Abraham („Amadeus“) in der Hauptrolle.

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Del Toros Kabinett birgt einige Überraschungen, darunter ein Wiederhören mit Songs der britischen Soulpopband Hot Chocolate, deren „You Sexy Thing“ oder „Everyone′s a Winner“ hier vom Gesehenen ironisch gebrochen werden. Del Toro ist mit seinen Kuriositäten unbestrittener König von Streaminghalloween 2022. Und seine Animationsfilmversion von „Pinocchio“, die schon im November folgt, haben wir auch fest auf unserer Streamingliste.

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„Guillermo del Toro‘s Cabinet of Curiosities“, erste Staffel, acht Episoden, von Guillermo del Toro, mit Tim Blake Nelson, F. Murray Abraham, Glynn Turman, Kate Micucci, Martin Starr, Lize Johnston (streambar bei Netflix)

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