Tage der Verzweiflung

Als Katrina nach New Orleans kam – die Hurrikanserie „Memorial Hospital“

Es wird heiß und nichts funktioniert mehr: Dr. Anna Pou (Vera Farmiga, 2. von rechts) erkennt, dass nicht alle Patientinnen und Patienten im Krankenhaus gerettet werden können. Szene aus der Serie „Memorial Hospital“, die am 12. August bei Apple TV+ startet.

Es wird heiß und nichts funktioniert mehr: Dr. Anna Pou (Vera Farmiga, 2. von rechts) erkennt, dass nicht alle Patientinnen und Patienten im Krankenhaus gerettet werden können. Szene aus der Serie „Memorial Hospital“, die am 12. August bei Apple TV+ startet.

Es gibt einen Moment in „Five Days at Memorial“, als den Mitarbeitenden des Krankenhauses in Uptown New Orleans mit einem Schlag klar wird, wie verlassen sie sind. Eine Helferin auf dem wackeligen Hubschrauberdeck, das nur über eine rostige Treppenkonstruktion zu erreichen ist, sieht die Air Force One vorbeifliegen, die Präsidentenmaschine ist ein milchiger Geisterfinger im strahlenden Himmelsblau. Der Potus ist unterwegs.

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Präsident Bush legt keine Zwischenlandung ein

Aber er legt keine Zwischenlandung bei den Bedrängten und Verzweifelten von Louisiana ein. Kein Trost. Nirgends. Man erinnert sich bei diesem Bild wieder, was für ein Versager dieser republikanische Präsident George W. Bush war, der das Glück hatte, später in den Schatten von Trump zu geraten, dem noch unvorstellbar viel schlimmeren Präsidenten.

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Katrinagate wurden diese Tage des Frühherbsts 2005 später genannt, nach Nixons Watergate – weil die Regierung Bush nach Ansicht vieler versagt hatte. Am 29. August 2005 hatte Katrina die Stadt, die Amerika „The Big Easy“ nennt, überwalzt. In den Tagen nach der Verwüstung brachen Kanäle und setzten New Orleans unter Wasser.

So wurde auch das Memorial Medical Center in Uptown mit dem von Life Care Hospitals gemieteten siebten Stock zu einer Insel. Auf der dann alles zusammenbrach und auf der schlimme Entscheidungen getroffen werden mussten. „Five Days at Memorial“ hieß Sheri Finks Buchdokumentation eines real gewordenen Albtraums. Aus dem der Streamingdienst Apple TV+ die auf deutsch etwas ZDF-sperrig betitelte Miniserie „Memorial Hospital – Die Tage nach Hurrikan Katrina“ gemacht hat. Eine Serie, die unter der Federführung der Meistererzähler John Ridley (Oscargewinner für das Drehbuch zu „12 Years a Slave“) und Carlton Cuse (Showrunner von „Lost“ und „Bates Motel“) entstand.

Mit dem Ende wird angefangen: Einsatzteams in Seuchenschutzanzügen finden im Memorial Hospital am 11. September 2005 45 aufgereihte menschliche Körper. Eine Befragung findet statt, in keinem vergleichbaren Krankenhaus des Katrina-Reviers gab es mehr Leichen.

Es gab im „Memorial“ keinen Evakuierungsplan

„Sie müssen die Umstände verstehen“, sagt die Leiterin des Komitees für Notfallvorsorge des Memorial, Susan Mulderick (Cherry Jones), die Protagonistin der ersten Folgen. Und dann geht es in ebendiese Umstände. Als Mulderick für den nahenden Sturm keinen Evakuierungsplan vorfindet. Als die Ärztin Anna Pou (Vera Farmiga) außerplanmäßig zurückkehrt, weil sie sich um ihre Patienten und Patientinnen kümmern will. Als man Hunderte und Aberhunderte Zuflucht suchende Leute aufnimmt. Als im siebten Stock bei Life Care der schwer übergewichtige Diabetespatient Emmett Everett (Damon Standifer) die besorgte Verwaltungsassistentin Diane Robichaux (Julie Ann Emery) beruhigt: „Mir geht‘s gut.“ Obwohl das nicht stimmt.

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Das Brechen des Donners in „Memorial Hospital“ klingt bösartig, der Regen draußen sieht aus wie eine Wand aus lebenden Fäden, und der Sound dieser nassen Hölle ist so beängstigend, als wäre dies hier ein Katastrophenfilm Die schweren Böen reißen alles mit sich und schleudern manches davon in die Fenster des Hospitals. Immer wieder hört man dazu die fast schreienden, Panik zu Quote machenden Nachrichtensprecher, sieht man in den Fernsehern Satellitenfotos, die das gigantische weiße Sturmrad mit der kleinen schwarzen Nabe zeigen.

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Cello und Klavier, die „Stimmen“ von Wehmut, Abschied und Trauer, stimmen den Betrachter und die Betrachterin auf die kommenden Ereignisse ein. Alles beginnt erst, als alles vorbei zu sein scheint, als der Himmel wieder blau ist und man Katrina schon die ersten Witze hinterherschickt. Da drückt das Wasser plötzlich die Kanalmauern auf, die Fluten reißen ganze Straßenzüge in New Orleans mit sich und am Memorial reichen jetzt die Sandsäcke nicht mehr aus.

Mit einer Triage wird die Reihenfolge der Rettung festgelegt

Die Vorräte können nicht rechtzeitig nach oben gebracht werden und nach der öffentlichen Stromversorgung fallen bald auch die hauseigenen Generatoren aus – und damit die Geräte und die Klimaanlage. 2000 Menschen schwitzen und leiden in dem Krankenhaus, das zur Sauna wird. Mühselig zur Rampe gebrachte Patienten und Patientinnen warten vergeblich auf die versprochenen Boote. Dann sterben die ersten Kranken.

Fünf der acht Folgen sind dem zunehmenden Chaos gewidmet. Bis hin zum Beschluss einer Triage (wer ohne Unterstützung gehen und sich selbst helfen kann, soll ein grünes Armband bekommen, es gibt noch gelbe und rote und schließlich schwarze für diejenigen, die unter den gegebenen Umständen nicht zu retten sind).

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Und bis hin zu einer herzzerreißenden Entscheidung, die getroffen wird, nachdem die unerbittlichen Rettungskräfte am fünften Tag „letztes Boot um 17 Uhr“ ausgerufen haben und Schwerstkranke ohne jede Fürsorge zurückzubleiben drohen. Dass niemand zurückgelassen wird, gilt hier nicht. Jetzt rückt Vera Farmiga, seit Jason Reitmans „Up in The Air“ (2009) Frau gewordene Melancholie, in den Vordergrund.

„Memorial“ passt - das hier muss erinnert bleiben

„Memorial“ ist der adäquate Name für den Ort des Geschehens. Denn es muss erinnert bleiben, wie die Polizei in den letzten Minuten in den Treppenhäusern des Hospitals ihr „Go! Go! Go!“ brüllt, wie die Behörden die Bedürftigen im Stich lassen, wie Angehörige von Patienten und Patientinnen weggerissen wurden, wie der hippokratische Eid Pous einer anderen, nicht minder ernsthaften Selbstverpflichtung weicht. Und wie Emmett Everett, in der Erkenntnis, dass er nicht zu retten sein wird, weint und nicht einmal letzte Worte findet vor Verlorenheit: „My wife … just tell her … whatever.“

Die drei verbleibenden Episoden gehören Liebe, Zorn und Verdächtigungen der Hinterbliebenen, den Fragen der Ermittler und Ermittlerinnen (gespielt von Michael Gaston und Molly E. Hager), einem Prozess wegen Mord zweiten Grades (vorsätzlich, ohne Heimtücke) und den Schwierigkeiten der Angeklagten, denen, die nicht mit dabei waren, den Grad ihrer damaligen Hoffnungslosigkeit klarzumachen. Wir Zuschauer und Zuschauerinnen waren Zeuge und Zeugin – es war sogar für uns schier unerträglich, dem zuzuschauen.

Vom Lächeln der Politiker im Angesicht der Katastrophe

In der allerletzten Szene führen die Autoren dann noch überraschend die Macht von Narrativ und Selbstbetrug ins Feld und überraschen mit einem hübschen Kniff. Der der echten Anna Pou indes kaum gefallen dürfte.

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Präsident Bush kommt dann übrigens doch noch nach New Orleans. Präsidial zu sein ist aber hier ebenso wenig sein Ding wie vier Jahre zuvor, als man ihm von Nine Eleven erzählte und er reglos dasaß, unfähig zu reagieren. Diesmal grinst er breit in die Kamera, während die Leute auf den Dächern ihrer Häuser sitzen und der Helikopter harren. Armin Laschet im Ahrtal wirkt dagegen wie ein Trauerkloß.

„Memorial Hospital – Die Tage nach Hurrikan Katrina“, Miniserie, acht Episoden, von John Ridley und Carlton Cuse, mit Vera Farmiga, Cherry Jones, Richard Pine, Michael Gaston, Molly E. Hager (ab 12. August bei Apple TV+)

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