Philosophietalk „Precht“ im ZDF

Precht, Neubauer und die Klimakrise: „Was ist mit der CO₂-Bilanz dieses Krieges?“

Richard David Precht und Luisa Neubauer diskutierten zum Thema: „Keine Zeit fürs Klima – Moral im Zwiespalt“.

Richard David Precht und Luisa Neubauer diskutierten zum Thema: „Keine Zeit fürs Klima – Moral im Zwiespalt“.

Talkshowauftritte von Richard David Precht und Luisa Neubauer hatten zuletzt erhebliche Schlagzeilen­emissionen zur Folge. Schauplatz jeweils: das Studio von „Markus Lanz“. So „grillte“ der ZDF-Talker in der Wahrnehmung vieler Kommentatoren die Klimaaktivistin Neubauer, weil die sich kein klares Für oder Wider zur Frage des Weiterbetriebs deutscher Atomkraftwerke in der Energiekrise entlocken ließ.

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Precht hingegen zettelte gemeinsam mit seinem Co-Autor Harald Welzer einen denkwürdigen Schlag­abtausch an, als es um die Verteidigung ihres Sachbuchbestsellers „Die vierte Gewalt“ ging. Zwei Hauptstadt­journalisten (Melanie Amann vom „Spiegel“ und Robin Alexander von der „Welt“) hielten gegen die Kernthese vom illegitimen Auseinanderklaffen zwischen medialer Meinungsmache und vermeintlich echter Mehrheits­meinung.

ARCHIV - 26.09.2022, Nordrhein-Westfalen, Köln: Diese Bilder-Kombo zeigt den Philosoph Richard David Precht (l) bei einer Veranstaltung des Literaturfestivals Lit.Cologne am 23.03.2022 und den Soziologe Harald Welzer am 26.09.2018 wie er vor Schulleitern spricht. Zwei der umstrittensten zeitgenössischen Autoren, Richard David Precht und Harald Welzer, widmen sich in ihrem Buch «Die vierte Gewalt» den Medien und deren vermeintlicher Macht. (zu dpa: «Gegen die «vierte Gewalt»: Alles, was Precht ist») Foto: Henning Kaiser/Holger Hollemann/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Precht und Welzer: „Das ist einer liberalen Demokratie schlicht unwürdig“

In ihrem ersten gemeinsamen Buch prangern der Philosoph und der Sozialpsychologe an, dass die deutschen Medien eine Mehrheitsmeinung machen, die oft gar keine ist. Im RND-Interview haben die Bestsellerautoren über ihre streitbaren Thesen gesprochen.

Erhellend war das Ganze durchaus, weniger aber aus inhaltlichen Gründen. Dafür traten verblüffend offen persönliche Animositäten und gekränkte Eitelkeiten zutage. Ein recht verstörendes Schauspiel. Auch weil die Autoren bei etlichen Beobachtern den Eindruck hinterließen, sie wüssten selbst nicht so genau, was in ihrem rasend erfolgreichen Buch eigentlich steht.

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Luisa Neubauer: „Wir können unglaublich viel möglich machen“

Vielleicht liegt es ja am Rahmen des nicht zu knapp auf Konfrontation gebürsteten „Markus Lanz“-Talks, dass in der Diskussion die Sachlichkeit stellenweise entglitt. Mit seinem Philosophietalk „Precht“ hat der promo­vierte Germanist und Lieblingsgegner großer Teile der Twitter-Öffentlichkeit ein ungleich maßvolleres Setting etabliert. In einer neuen Ausgabe des seit zehn Jahren bestehenden ZDF‑Formats traf Precht zudem auf eine Gesprächspartnerin, mit der Dissens nun eher im Detail zu beobachten war. Die Klimakrise halten sowohl er als auch die Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer für die größte Herausforderung unserer Zeit.

Prechts Sorge indes: Ob das alles überragende moralische Primat der Klimafrage nicht inzwischen gesell­schaft­lichen Schaden anrichtet. „Krankt die Welt an zu wenig Moral oder haben wir inzwischen zu viel?“, formulierte er eine subtil provokante Einstiegsfrage an seinen Gast aus der Klimaschutzbewegung. „Die Welt krankt – das würde ich erst mal feststellen“, entgegnete Luisa Neubauer. „Eine Auseinandersetzung mit unserer moralischen Verantwortung würde da helfen.“ Das „Ausmaß der ökologischen Katastrophe“ über­steige indes nicht nur unsere Vorstellungskraft, sie sei auch von sich aus „moralisch aufgeladen“, das könne man nicht kleinreden.

Ob sie mit Optimismus oder Pessimismus in die Zukunft blicke, sei angesichts globaler Fragen zweitrangig. „Die Frage ist: Was machen wir?“, betonte Neubauer. Mit dieser Geisteshaltung sei sie auch vom jüngsten Grünen-Parteitag zurückgekehrt, bei dem unter anderem um das noch verantwortbare Ausmaß an Kohle­verstromung gestritten wurde. „Wir können unglaublich viel möglich machen“, ist Neubauer überzeugt. „Dass man uns davor das Gefühl gibt, etwas sei unmöglich, ist Teil der Strategie, um uns von vorneweg die Selbst­wirksamkeit zu entziehen.“

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Richard David Precht: „Das Klimaziel ist nicht das vordergründig sichtbarste Ziel“

Nun aber, erwiderte Precht, gebe es „seit sieben Monaten den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine“. Dies habe zur Folge, dass aktuell „das Klimaziel nicht das vordergründig sichtbarste Ziel“ sei. Es gebe „gigantische Aufrüstungsprogramme“, zudem flögen „im Krieg Munitions- und Treibstofflager in die Luft“. Mit beacht­lichen rhetorischen Ausweichbewegungen war Precht damit bei dem Thema angelangt, bei dem seine Thesen seit Monaten große Empörung hervorrufen: der Frage, ob es sinnvoll ist, die Ukraine in ihrem Überlebens­kampf mit Waffenlieferungen zu unterstützen.

Haltung bezog der Talkgastgeber diesmal aber nicht offen, sondern gleichsam durch die Blume. Etwa indem er den Mitunterzeichner des umstrittenen Intellektuellenbriefs an Bundeskanzler Olaf Scholz zitierte. So bemühte Precht „ein Bild von Ranga Yogeshwar: Zwei Nachbarn streiten sich im ersten Stock, und keiner kriegt mit, dass oben drüber inzwischen das Dach abbrennt.“

Etwas später sprach Precht noch deutlicher von „Zielkonflikten“. Es werde zunehmend schwer zu erkennen: „Was ist der höhere Wert?“ Den Grünen attestierte er, für die Partei sei „die Klimafrage“ im Moment „ein bisschen weniger wichtig“ als die „uneingeschränkte Solidarität mit der Ukraine“. Dagegen könnten „andere“ halten: „Was passiert, wenn sich das ewig weiterzieht? Was ist mit der CO₂-Bilanz dieses Krieges? Was ist, wenn die Notwendigkeiten, die aus diesem Krieg folgen, dazu führen, dass bei uns fossile Energien in viel größerem Umfang verbraucht werden?“

Klimaaktivistin Neubauer: „Man kann nicht unbegrenzt Kompromisse mit dem Weltklima machen“

Lange hat man von der Klimaschutzbewegung Fridays for Future nichts gehört. Doch nun meldet sich Aktivistin Luisa Neubauer zu Wort.

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„Diese Menschen brauchen einen Job“

Suggestiv bohrte Precht in dem Zusammenhang seinen Gesprächsgast an: „So müssen Sie das doch wahrscheinlich auch empfinden!“ Luisa Neubauer empfindet es aber anders. „Wir müssen verstehen, die Dinge hängen zusammen“, warb sie dafür, die einander überlagernden Krisen nicht isoliert zu betrachten. Man kämpfe in der FFF-Bewegung dafür, „dass die Ukrainer sich schnell ihren eigenen Frieden organisieren können“, umkurvte sie die Ausbuchstabierung von „Waffenlieferung“ ihrerseits geschickt, stellte aber klar: Man dürfe verschiedene Nöte nicht gegeneinander ausspielen. Man könne Menschen nicht absprechen, „überlagernde Sorgen zu haben“.

Ein Klassiker dieses „Ausspielens“ sei die Arbeitsplatzfrage etwa in der Industrie der Verbrennermotoren. Man sehe bei Fridays for Future stets auch das Gerechtigkeitsproblem und arbeite deshalb mit Gewerkschaften zusammen. „Das ändert nichts daran, dass man zur Herstellung eines Elektromotors nur ein Drittel der Leute braucht, die man für den Verbrenner braucht“, hielt Precht dagegen. Neubauer erwiderte: „Diese Menschen brauchen einen Job, aber sie haben auch ein Interesse daran, dass der eigene Job nicht Teil der Klima­zerstörungs­maschinerie ist.“ Es mangele „wirklich nicht an Konzepten, wie man die Reibungen der Transformation nicht auf die Schultern der Mitarbeiter*innen auslagert“.

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Zukunftsgewandte Arbeiterinnen, aber zynisch bremsende Industrie? Precht sieht es genau andersherum. Er erkennt eher das „Problem bei Leuten, die zwar eine Einsichtsfähigkeit in das Problem besitzen, aber keine große Lust haben, ihr Leben zu verändern“. Demgegenüber erlebe er, dass der deutsche Mittelstand in der Klimaschutzfrage weiter sei als die Politik, weil er zumindest stellenweise erkannt habe, dass nicht nachhaltige Produkte keine Zukunft hätten.

„Auf eine sehr beängstigende Art ist alles offen“

Prechts These: „Die Wirtschaft ist aus Eigennutz interessiert, nachhaltig zu denken, die Politik ist aus Eigennutz daran interessiert, es nicht zu tun, weil je radikaler sie ökologisch denkt, umso mehr Leute droht sie unmittel­bar zu verlieren.“ Für Neubauer „keine erwachsene Haltung“: „Es wäre die Kernaufgabe von Politik, Menschen zu begeistern für Veränderungen, die notwendig sind.“

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Precht erkennt weniger basisdemokratisches Veränderungspotenzial, sondern sieht massive staatliche Eingriffe als logische Konsequenz: „Die Frage ist, ob das Ganze nicht in einer freundlichen Ökodiktatur enden würde, wenn man das tatsächlich alles in so kurzer Zeit schaffen wollte. Wie passt die Langsamkeit der demokratischen Prozesse mit der Dringlichkeit des Problems zusammen?“

„Eine Frage, auf die wir bisher keine Antwort haben“, gestand Luisa Neubauer, die gleichwohl überzeugt ist, dass die Klimaschutzbewegung zum Demokratieausbau und nicht zu deren Abbau beiträgt. Ihre Prognose für den Stand der Dinge in zehn Jahren: „Auf eine sehr beängstigende Art ist alles offen.“

Die „Precht“-Ausgabe „Richard David Precht im Gespräch mit Luisa Neubauer“ ist abrufbar in der ZDF‑Mediathek und wird im ZDF am Sonntag, 23. November, 23.40 Uhr, ausgestrahlt.

RND/Teleschau

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