Rolle im Film „Trügerische Sicherheit“

Schauspieler Christian Berkel über #MeToo: „Der Satz ‚Nein ist Nein‘ ist wichtig, aber funktioniert oft nicht“

Schauspieler Christian Berkel liest im Landestheater in Rendsburg.

Schauspieler Christian Berkel.

Herr Berkel, es geht in dem Film „Trügerische Sicherheit“ (4. April, 20.15 Uhr, ZDF) um einen #MeToo-Fall. Ihre Figur, ein Politiker, begeht einen Übergriff auf seine Presse­sprecherin. Wie versetzen Sie sich in so eine Rolle hinein?

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Es ist wichtig, dass die Figur so erzählt ist, dass es nicht der für jeden erkennbare übergriffige Chef ist. Er kommt erst mal völlig normal daher, teilweise sogar sympathisch. Das ist nicht der typische Bösewicht. Das ist für die Geschichte entscheidend, weil das der viel häufigere Fall ist. Viel häufiger hat man es mit Männern in Machtpositionen zu tun, die in einem bestimmten Augenblick ihre Position ausnutzen. Die sind nicht so leicht zu erkennen. Müssten jetzt alle Frauen vor jedem Mann in gehobener Position Angst haben? Das würde das Verhältnis enorm erschweren. Es braucht andere Möglichkeiten. Der erste Schritt ist, dass man durch #MeToo Aufmerksamkeit für das Thema erlangt hat.

Magnus Mittendorf (Christian Berkel, links) lernt seine neue Pressesprecherin Katharina Borba (Friederike Becht) kennen – von ihrer diskret gehaltenen Beziehung zu seinem Personenschützer Jonas Neimann (Max Simonischek, Mitte) weiß er jedoch nichts.

Magnus Mittendorf (Christian Berkel, links) lernt seine neue Pressesprecherin Katharina Borba (Friederike Becht) kennen – von ihrer diskret gehaltenen Beziehung zu seinem Personenschützer Jonas Neimann (Max Simonischek, Mitte) weiß er jedoch nichts.

Der Fall wird vor allem aus der Perspektive eines Mannes, des Personen­schützers des Politikers, der durch die Frau von dem Übergriff erfährt, thematisiert. Wie wichtig ist männliche Solidarität?

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Männliche Solidarität halte ich für entscheidend. Wir als Männer stellen etwa die Hälfte der Gesellschaft dar. Wenn sich diese Hälfte nicht klar gegen Übergriffe positioniert, wird das Problem nicht gelöst. Die Geschichte des Personen­schützers ist aber nicht ambivalenzfrei. Er will den Fall anzeigen, weil er es für richtig hält. Das ist auch wieder eine Form des Übergriffs, wenn die Frau das nicht will. Ich kann versuchen, zu argumentieren, aber ich kann mich nicht einfach darüber hinwegsetzen. Wenn ein Übergriff passiert ist und man es anzeigt, findet zudem eine Reviktimisierung statt, weil die Tat bewiesen werden muss. Natürlich überlegt sich eine Frau in der Situation, ob sie sich der möglichen Kränkung, dass ihr nicht geglaubt wird, aussetzen will.

Dieses Problem spiegelt sich im Film in einer Diskussion des Ministers mit seiner Tochter wider, in der sie sagt, dass man dem Opfer glauben müsse, und er meint, dass, solange es keine Beweise gebe, man auch nichts machen könne.

Wir bewegen uns da auf einem komplizierten Feld, auf dem es viele Fallstricke gibt. Man kann nur als Gesellschaft sagen: Das ist ein absolutes No-Go. Die Schwierigkeit besteht darin, dass menschliche Verhältnisse derart komplex sind, dass sie nicht immer mit einem klaren Regelwerk zu greifen sind. Es gibt nicht die ideale Lösung, aber nichts­destotrotz müssen wir eine klare Haltung einnehmen.

Was machen Sie, um Haltung zu zeigen?

Erst mal zeige ich im Gespräch diese Haltung klar. Meinen zwei Söhnen zeige ich sie ebenfalls deutlich. Ein wesentlicher Problempunkt ist die Erziehung. Kinder werden früh dazu erzogen, ihren eigenen Gefühlen zu misstrauen. Ein Beispiel: Ein Kind fällt hin, tut sich weh, die Eltern rennen hin und lenken es ab. Das Kind lernt: Mein Gefühl und meine Gefühls­äußerung sind falsch. Es ist besser, wenn ich nicht weine, also mein Gefühl nicht zeige oder es gar nicht erst habe. Dann ist jeder Form von Machtmissbrauch die Tür geöffnet. Nicht nur die Frau, die gelernt hat, nicht zu ihren Gefühlen zu stehen, gerät damit in ein Dilemma. Sie misstraut ihrem eigenen Nein. Der Satz „Nein ist Nein“ ist wichtig, aber funktioniert oft nicht. Die andere Seite ist der Täter, der seine Macht missbraucht. Der hat wahrscheinlich auch nicht gelernt, mit seinen Gefühlen umzugehen.

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Also ist die Erziehung Ihrer Meinung nach der Schlüssel, um #MeToo-Fälle zu vermeiden?

Die Erziehung ist beim Thema #MeToo ein entscheidender Schlüssel. Ich sehe die Eltern in der Pflicht, aber auch uns alle. Die ganze Schulzeit über repräsentieren auch Erzieher eine Autorität. Ich kenne eine große Reihe an Fällen, in denen da Machtmissbrauch stattfindet – nicht unbedingt sexueller Missbrauch. Aber auch die Demütigung eines Menschen löst tiefe Kränkungen aus. In diesen Bereichen gibt es meiner Meinung nach zu wenig Sensibilität.

Immer wieder werden vor allem aus der Schauspiel­branche #MeToo-Fälle bekannt. Haben Sie das Gefühl, dass es da vermehrt vorkommt oder Strukturen es einfacher machen?

Im Wesentlichen glaube ich nicht, dass es in der Schauspielbranche mehr #MeToo-Fälle gibt. Was ein Problem sein kann, ist, dass wir in einer intensiveren Weise mit Nähe umgehen. Liebesszenen werden inszeniert und gespielt. Dass das zu Übertretungen führen kann, liegt auf der Hand. Auf der anderen Seite könnte man sagen, dass diese Offenheit auch dazu führen kann, dass es eben gar nicht erst zu Übergriffen kommt. Ich denke, dass solche Fälle in unserer Branche viel leichter an die Öffentlichkeit gelangen. In anderen Bereichen gibt es viel striktere Machtstrukturen, etwa bei der Politik.

Wie würden Sie reagieren, wenn Ihnen am Set eine Schau­spiel­kollegin von einem Übergriff erzählen würde?

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Ich würde versuchen, ihr zu helfen, und es ernst nehmen. Hilfe im Gespräch: Es ist ein entscheidender Punkt, dass es nicht darum geht, dass Männer die Helden spielen und auf eigene Faust helfen. Es geht darum, erst mal im Gespräch herauszufinden: Was braucht sie? Was will sie? Wie kann ich helfen? Nicht in Eigenregie zu handeln.

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