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TV-Kritik zur ZDF-Neo-Serie

Sechsteiler „Becoming Charlie“ über nonbinäre Protagonistin: Seriensensation des jungen Jahres

Charlie (Lea Drinda) fühlt sich in „Becoming Charlie“ weder als Frau noch als Mann.

Bei Mama gibt’s Nudeln. Schon wieder. „Hast du auch Soße?“, fragt Tochter Charlie unsicher am kochenden Topf und ahnt, dass die Antwort „Ketchup“ lauten wird. Auch das: schon wieder. „Wollen wir morgen mal was Ordentliches kochen?“, hakt sie nach und meint „ordentlich“ im Sinne vom gesunden Gemüse, das es neun Hochhausetagen tiefer bei Tante Fabia gab. Für deren Schwester heißt „ordentlich“ hingegen „Makkaroni mit Sahnesoße oder Fischstäbchen“, sagt Mama lachend – und verstummt. Denn Charlies Umarmung macht ihr klar, dass die unter „ordentlich“ was anderes versteht.

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So wie sich die 21-Jährige unter allem was anderes vorstellt als in der rauen Wirklichkeit – selbst beim eigenen Geschlecht. Charlies Plattenbauexistenz mit bipolarer Mutter, prekärem Lieferjob, schlechter Ernährung und Schulden, also ohne Strom, Geld, Perspektive ist allerdings noch nicht mal die dunkelste Seite der Medaille namens Hartz-IV-Dynastie. Richtig kompliziert wird ihr Leben erst durch ihren Körper. Es ist der falsche, aber ideal für eine der Seriensensationen des jungen Jahres.

Charlie ist nonbinär

Denn Charlie ist das, was man nonbinär nennt: Biologisch eine Frau, fühlt sie sich keinem Geschlecht zugehörig – auch nicht dem männlichen. Im wachsenden Kosmos sexuell diverser Fernsehformate aus gutem Hause war das bislang schon schwer genug. Dafür steht die lesbische US-Serie „The L-Word“ ebenso wie die schwule „Queer as Folk“ oder hierzulande „All You Need“, wo kultivierte Großstädter abseits vom heterosexuellen Mainstream normal, aber nicht angepasst sein wollen. Davon kann Charlie nur träumen.

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Das Kapital für die geplante Flucht aus ihrer prekären Existenz beläuft sich auf 290,65 Euro, die sie vor ihrer kaufsüchtigen Mutter (Bärbel Schwarz) versteckt, bis es Tante Fabia (Katja Bürkle) konfisziert, weil beide auch bei der raubeinigen Hausmeisterin des Wohnsilos verschuldet sind. Dass Charlie in diesem Chaos alltäglicher Probleme weder Mann noch Frau sein will, macht alles nur noch schlimmer. Doch „Becoming Charlie“ wird dadurch zur Sensation im Nischenentertainment. Und das hat ein halbes Dutzend guter Gründe.

Autorin selbst Opfer von Diskriminierung

Autorin Lion H. Lau, als Transperson in der Lausitz selbst Opfer von Diskriminierung, verlegt die Erzählung nicht nur vom Standarddrehort Hamburgmünchenberlin nach Offenbach und verbindet am dortigen Brennpunkt – im Regelprogramm so verbreitet wie syrische Lover bei Rosamunde Pilcher – soziale Ausgrenzung mit sexueller. Beides besetzen die Verantwortlichen eines ungewohnt weiblichen Teams auch noch mit Darstellerinnen und Darstellern von authentischer Güte. Wobei sie alle nochmals im Schatten der Titelfigur stehen.

Gut ein Jahr nach ihrer Rolle als Drogenjunkie im Amazon-Remake der „Kinder vom Bahnhof Zoo“ brilliert Lea Drinda als Spielball der sexuellen Indifferenz ihrer Protagonistin. Charlie ist nicht nur eine Frau auf dem Weg zu etwas anderem; sie verkörpert diese Zerrissenheit mit einer wütenden Harmoniesucht aus dem Innersten von Drindas großem Talent, Charaktere gleichsam offensiv und schüchtern, verzweifelt und euphorisch, lebensmüde und lebenssatt zu spielen.

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Liebe in Zeiten von Pest oder Cholera

Während Regisseurin Kerstin Polte dafür in den ersten drei Teilen à 17 Minuten Kollegen am Rande des Dokumentarischen zur Seite stellt, gleitet Greta Benkelmann in den letzten drei schon mal ins Stereotype. Dass Charlies Chef (An­tonije Stankovic) seiner Putzkraft Fotos von Tieren mit variablem Geschlecht zeigt, bleibt aber die Ausnahme. Im Kern geht es Neo um Liebe in Zeiten von Pest oder Cholera. Um Identität, Teilhabe, Geborgenheit unter Systemverlierern, ums Menschliche. Denn als Charlie ihre Mutter nach dem Dialog über ordentliches Essen umarmt, zeigt sich: Sogar am Abgrund gibt es Trost. Inmitten fortwährender Katastrophen macht er die Serie bis zur letzten Minute erträglich.

Der Sechsteiler „Becoming Charlie“ ist am 24. Mai ab 20.15 Uhr bei ZDF Neo zu sehen.

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