Film und Wirklichkeit

Immer wieder „Sisi“: Film, Fernsehen – und die wahre Kaiserin

Neuer Versuch mit Sisi: Devrim Lingnau und Philip Froissant spielen in der Netflix-Serie „Die Kaiserin“ ab 29. September das kaiserliche Paar.

Neuer Versuch mit Sisi: Devrim Lingnau und Philip Froissant spielen in der Netflix-Serie „Die Kaiserin“ ab 29. September das kaiserliche Paar.

Wir Deutschen sind seit nunmehr 68 Jahren extrem anhänglich, was Österreichs berühmteste Kino- und TV-Monarchin betrifft. Generationenübergreifend gibt es nur eine wahre „Sisi“ – Romy Schneider.

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Sobald die Heldin in Ernst Marischkas dreiteiliger Kinoputzigkeit (von 1955 bis 1957) im roten Kleid auf ihrem Ross Gretl über den Bildschirm reitet und einem Rehkitz die Milchflasche gibt – meist tut sie das zur Weihnachtszeit –, wird Zuschauers Herz verlässlich zum stillen See. Jetzt versucht ab 29. September eine neue Sisi in der Netflix-Serie „Die Kaiserin“ ihr Glück. Ob ihr der Coup gelingt?

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Die echte Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn (1837-1898), die dem Attentat eines italienischen Anarchisten zum Opfer fiel, war weitgehend anders als ihre von Marischka und der zunehmend unwilligen Schneider geprägte Medienmarke. Die in München geborene Wittelsbacherin, die ihren Vetter Franz-Joseph schon als 16-jährige Teenagerin heiratete (wie in den Filmen war es wohl Liebe auf den ersten Blick), war mit dem katholisch-militaristischen Staatsgebilde, das ihr Gemahl schuf, nicht d‘accord.

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Spätestens aber mit dem Tod ihrer zweijährigen Tochter Sophie begann die Zeit von Schmerz und Angst, von Depression, gefolgt von Selbsterkenntnis, Auflehnung und Emanzipation.

Das Leben der wahren Sisi war widersprüchlicher

Die Historikerin Martina Winkelhofer beschrieb die Entwicklung 2021 in ihrer zweibändigen Biografie „Sisis Weg“, einem Muss für alle, die an dem Leben von Elisabeth interessiert sind. Hier ist zu lesen, dass Sisi (die richtige Schreibung des Kosenamens von Elisabeth) ein Fitnessjunkie war, manische Körperkultur betrieb und als eine der besten Reiterinnen Europas lieber zu Pferde unterwegs war, als sich ihrem Sohn, dem Thronfolger Rudolf, zu widmen.

Dass sich die der Monarchie zunehmend abgeneigtere Kaiserin Freiheiten ertrotzte mit der Drohung, sich von Franz-Joseph zu trennen, könnte Sisi-Romantiker ebenso befremden wie ihr Kokainkonsum oder das Anker-Tattoo, das sie sich auf die Schulter tätowieren ließ. Dass sie die Erlöse aus der Schweizer Veröffentlichung ihrer Gedichte für „Kinder politisch Verfolgter“ vorsah, erscheint dann als geradezu subversiver Akt gegen den Unterdrückungsstaat der Habsburger.

Sisis Leben, so erfährt man bei Winkelhofer, war spannend, die Kaiserin widersprüchlich, so fortschrittlich wie selbstbezogen. Nein – Sisi war keine Kämpferin gegen die Unterdrückung der Frauen, keine Befreierin ihres Volks. Auf jeden Fall aber liefert ihr Leben Netflix Stoff für mehrere Staffeln ihrer Serie „Die Kaiserin“ (Start am 29. September), die die bisherige mediale Sisi-Darstellung toppen könnte.

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Wenig erbaulich: Ein ZDF-Zweiteiler und ein Animationsfilm

Da stehen bislang Produktionen verschiedener Gütegrade zu vermelden. Mit stillem See war es jedenfalls so gar nix, als die italienische Schauspielerin Cristiana Capotondi der jungen Kaiserin 2009 in der zweiteiligen ZDF-Neuverfilmung „Sisi“ etwas Widerständisches einflößen wollte. Sisi und Kaiser Franz-Joseph (David Rott) schmachteten sich dabei gleichzeitig mit Dialogen an, die jedes Reißbrett beschämten, so als wolle man dem Ernst Marischka mal postum zeigen was echter Kitsch ist. Ach ja, Martina Gedeck war schon sehenswert als Sisis eisig strenge Schwiegermutter Sophie.

Als zwei Jahre zuvor Bully Herbig der Kaiserin Elisabeth im Animationsfilm „Lissi und der wilde Kaiser“ (2007) seinen spärlichen CGI-Spott angedeihen hatte lassen, war niemand „amused“. Es arbeiteten angeblich Trickspezialisten von Peter Jacksons „King Kong“-Remake (2005) an der Animationschose des Manitu-Schuh-Schusters mit, einen Gastauftritt des Achtmeter-Gorillakönigs bei Kaisers gab‘s aber nicht. Wohl aber den eines Pixel-Yeti. Der in einen Eisspalt rutschte und vom Frostteufel des Himalaya gegen Lebensrettung dazu verpflichtet wurde, ihm die Kaiserin (die irgendwie wie Herbig aussah) zu überreichen.

Unterhaltung geht anders und die Geschichtsschreibung weiß von alldem sowieso nichts. Ansonsten sülzten sich Elisabeth und Franz-Joseph gegenseitig mit ihrer Glücksbetrunkenheit zu: „Franz!!!“ – „Lissi!!!“ Selbst Comedyfans fanden das mehr seltsam als komisch.

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Sehenswert: Die Sisis von Dominique Devenport und Vicky Krieps

Eine interessantere Sisi war im Vorjahr in einer RTL-Serie zu sehen. Hier war sie frisch, frech und mit einer über Romy Schneiders verliebtes Lächeln, In-den-Arm-genommen-Werden und keusche Küsse hinausgehenden Neugier auf körperliches Miteinander ausgestattet. Dominique Devenport tauchte als erotisch interessierte Royal mithilfe von Zofe Fanny und Dildo in die Tiefen der eigenen Libido und das gesprochene Wort dazu war zeitgemäß.

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Jannik Schümann war als Kaisergatte derjenige, der von den „Studien“ Elisabeths profitieren sollte, war aber auch stark mit den Problemen zwischen Österreich und Ungarn beschäftigt. Mehr Eros, mehr Politik – das hatte zwar nicht die Klasse von Netflix‘ Brit-Royals-Serie „The Crown“, brachte für RTL zur Weihnachtszeit 2021 aber die gute Einschaltquote von 13 Prozent – eine zweite Staffel ist im Werden.

Bislang am eindrucksvollsten von allen Sisis des bewegten Bilds ist wohl die wunderbare Vicky Krieps im Film „Corsage“ der österreichischen Regisseurin Marie Kreutzer (Kinostart war im Juli 2022). Krieps ist eine überwältigende Lack-ab-Sisi, die als fast 40-jährige Kaiserin das höfische Leben als fade empfindet und eine Tischgesellschaft mit dem für jene Zeit nicht gängigen Stinkefinger verlässt. Der Gatte ist untreu, ein aparter Ungar tröstlich.

Krieps‘ Sisi – mit unbotmäßigen Sympathien für das Habsburgische Ungarn nicht hinterm Berg haltend – ist in Luxus und Glamour so einsam wie ein halbes Jahr davor Kristen Stewarts Prinzessin Diana in Pablo Larrains Biopic „Spencer“. Sportsucht, Gesundheitsfimmel, der Wunsch nach ewiger Wespentaille – eine Melancholie ist in diesem Film, die Zuschauers Herz zum vereisenden See macht.

Kommt mit „Die Kaiserin eine Sisi-Serie auf hohem Niveau?

Und jetzt will es also Netflix wissen. Devrim Lingnau („Auerhaus“) wird in der zunächst sechsteiligen Serie „Die Kaiserin“ die neueste Romy-Nachfolgerin. Besser noch wäre es, würde sich das Bild einer zu sich selbst findenden Fremdbestimmten über das alte Marischka-Kitschbild legen und es würde die Geschichte einer für damalige Verhältnisse modernen, sich befreienden Frau in einer verkrusteten Gesellschaft erzählt. Einer Celebrity, die sich inszeniert und die später auch von den damals aufkommenden Massenmedien vereinnahmt wird. In der „Sissi“-Geschichte steckt potenziell viel Gegenwart. Vielleicht steckt darin auch ein Serienhit auf hohem Niveau.

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Mit „Die Kaiserin“ ist auch noch nicht Schluss: Die beiden „Sisi“-Romane „The Accidental Empress“ (2015) und „Sisi, Empress on Her Own“ (2016) der amerikanischen Schriftstellerin Allison Pataki sollen in den USA zu einer Historiendramaserie werden – zuletzt war es um dieses Projekt allerdings still geworden. Und im Frühjahr 2023 kommt Frauke Finsterwalders Film „Sisi & ich“ in die Kinos, in dem das Leben der Kaiserin (Susanne Wolff) aus dem Blickwinkel der Hofdame Irma (Sandra Hüller) erzählt werden soll. Habsburg ohne Ende.

Den Sisi-Hype gibt es nicht erst seit Romy Schneiders Filmen

Die Grundlage des Endlos-Hypes um Sisi hatte übrigens Kaiser Franz-Joseph selbst gelegt. Nachdem seine Frau in Genf von dem Italiener Luigi Lucheni mit einer derart dünn zugespitzten Feile attackiert worden war, dass die Angegriffene den am Ende tödlichen Stich ins Herz zunächst gar nicht bemerkt hatte und noch zehn Minuten weiterging, ehe sie zusammenbrach (eigentlich hatte der Attentäter den französischen Prinzen Philippe d‘Orléans ermorden wollen), sorgte der Witwer für die Ikonisierung seiner toten Gemahlin, indem er die Hofkapelle als Sisi-Gedenkort ausstaffieren ließ. Bücher, Theaterstücke, Revuen über die Kaiserin erschienen schon in den Zehnerjahren.

Der in der österreichisch-ungarischen Monarchie geborene Regisseur Josef von Sternberg („Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich) drehte mit „The King Steps Out“ 1936 einen Sisi-Film, die aus Tennessee stammende, wenig bekannte Grace Moore wurde die erste Sisi der Filmgeschichte. Die Kinos von Österreich oder (Nazi-)Deutschland erreichte das Singspiel ironischerweise nie.

Romy Schneider versuchte es 1973 noch einmal ernsthaft mit Sisi

Romy Schneider, die Super-„Sisi“, befreite sich mit Luchino Viscontis Segment der Verführungskomödie „Bocaccio 70″ (1962) aus der Korsage des royalen deutsch-österreichischen Filmschnuckels und wurde die sinnlichste Frau des europäischen Kinos und eine große Schauspielerin. „Ich musste aus der Zwangsjacke raus, in die sie mich gesteckt hatten“, sagte sie damals in einem Interview. 16 Jahre nach „Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin“ (1957) hatte Schneider dann Gelegenheit, das Wirtschaftswunder-Sisi-Bild in „Ludwig II“. (1973) zu korrigieren – eine Rolle, die sie nur Visconti zuliebe übernahm.

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„Es gibt keine Gemeinsamkeiten zwischen der Sisi von einst und meiner Rolle von heute“, sagte sie damals. Hatte aber Zweifel über das Gelingen einer Neuauslegung: „Ob es mir gefällt oder nicht, die Sisi-Prägung, die ich so sehr bekämpft habe, wird sehr schwer auf meinen Versuchen lasten, meine Elisabeth wahrheitsgemäß darzustellen.“

Zynisch und desillusioniert erschien die Schneider-Sisi der Siebzigerjahre dann, ist bis heute – gleichauf mit Krieps (und Hannah Herzsprung in „Ludwig II.“ von 2012) – wohl die beste Darstellung der historischen Figur. Nur in einer einzigen Szene erlaubte dabei ein Diadem in Schneiders Haar Erinnerungen an den alten, der Schauspielerin so sehr verleideten Sisi-Glamour.

Das war dann doch zu wenig für einen neuen potenziellen Lieblingsweihnachtssisifilm der Deutschen.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes wurde ein falsches Geburtsdatum von Sisi angegeben. Der Sternberg-Film „The King Steps Out“ von 1936 wurde zudem fälschlich als erste Sisi-Verfilmung genannt. Es gab aber bereits in den Zwanzigerjahren Verfilmungen: Die ehemalige Rollschuhläuferin Karoline Bäumler spielte die Rolle der Sisi unter dem Künstlernamen Carla Nelsen in den Filmen „Das Schweigen vom Starnbergersee“ (1920) und „Kaiserin Elisabeth von Österreich“ (1921). Lil Dagover schlüpfte 1931 in dem Film „Elisabeth von Österreich“ in die Sisi-Rolle.

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