Nächster Fall für Sonderermittler Haller

Sisis Fluch: der herrlich originelle Wien-Krimi „Die nackte Kaiserin“

Haller (Philipp Hochmair, li.) und Niko (Andreas Günther) in höfischem Ambiente.

Haller (Philipp Hochmair, li.) und Niko (Andreas Günther) in höfischem Ambiente.

Elisabeth von Österreich-Ungarn war so etwas wie der erste Medienstar. Trotz der Erfindung der Fotografie gibt es jedoch kaum Bilder aus Sisis zweiter Lebenshälfte: Sie wollte der Nachwelt als schöne junge Frau in Erinnerung bleiben. Gegen ihre letzte Aufnahme konnte sie sich nicht wehren. Sie zeigt den unbekleideten Leichnam der 1898 in Zürich ermordeten Kaiserin auf einem Obduktionstisch, gut zu erkennen anhand einer kleinen Tätowierung auf ihrem Schulterblatt.

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Der Wiener Hoffotograf hatte sich geweigert, das Foto zu machen, also hat sein Assistent auf den Auslöser gedrückt. Kurz darauf ist der Mann ums Leben gekommen. Seither liegt ein Fluch auf dem Bild: Jeder, der nur einen kurzen Blick darauf wirft, muss sterben. Die Aufnahme ist, sorgsam verpackt, innerhalb der Fotografenfamilie von Generation zu Generation weitergegeben worden, stets mit der Auflage, sie niemals der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Diese Rahmenhandlung ist so gut, dass die Umsetzung in jedem Fall einen fesselnden Film ergeben hätte, aber „Die nackte Kaiserin“ aus der Reihe „Der Wien-Krimi: Blind ermittelt“ im Ersten knüpft nahtlos an die Qualität der letzten Episode an. Regie führte wieder Katharina Mückstein, das Drehbuch stammt von Nils Morten Osburg (Idee: Ralph Werner, Wolfgang Wysocki). Als die letzte Nachfahrin (Julia Hartmann) des einstigen Hoffotografen das Bild erbt, wird ihr Mann bei einem Überfall erstochen und das Foto (eine Erfindung der Autoren) geraubt. Der blinde Sonderermittler Haller (Philipp Hochmair) braucht allerdings nicht lange, um den Fall zu lösen. Das Corpus Delicti soll auf Nimmerwiedersehen im Nationalarchiv verschwinden; aber dann kommt es zu einem weiteren Todesfall.

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Freude am Detail

Erneut liegt ein besonderer Reiz der Geschichte in ihrer engen Verknüpfung mit dem Handlungsort; der Einfall, dem Sisi-Mythos eine ganz andere Seite abzugewinnen, ist ohnehin clever. Hinzu kommt eine Freude am Detail, die auch schon zuletzt „Tod im Prater“ auszeichnete. So ist beispielsweise ein Besuch der abergläubischen Haushälterin des verstorbenen Fotografen im Polizeirevier weit mehr als bloß ein Vorwand, um die skurrile Seite des Falls zu betonen – ihre Ausführungen enthalten den Schlüssel zur Lösung des Rätsels. Trotzdem spielt das Drehbuch natürlich auch mit der Frage, wie ernst der Fluch zu nehmen sei. Während Haller aus naheliegenden Gründen dagegen gefeit ist, nimmt sein Freund und Partner Falk (Andreas Guenther) die Sache sehr ernst, was zu einigen amüsanten Szenen führt. Die Kombination aus Krimi und Komödie ist ohnehin wieder sehr gut gelungen.

Darüber hinaus beeindruckt auch dieser Film durch seine Schauplätze, darunter das imposante Barock-Palais Kinsky sowie die nicht minder eindrucksvolle Nationalbibliothek. Höhepunkt ist ein opulenter Kostümball, bei dem die geladenen Gäste ausnahmslos als Sisi oder Ludwig II. verkleidet sind. Wie sich Falk ein ums andere Mal bei der Verfolgung eines Mannes (David Rott), der mit Sisi-Devotionalien handelt, durch die tanzende Menge kämpfen muss, ist ähnlich heiter wie die Auftritte von Polizist Lassmann (Michael Edlinger). Er ist keine Witzfigur, fällt jedoch regelmäßig aus der Rolle, wenn er zum Beispiel beim Fest in einer zwar naheliegenden, aber dennoch denkbar falschen Verkleidung erscheint.

Während die Inszenierung des Balls mit rund hundert Komparsen vermutlich vor allem eine logistische Herausforderung war, verdeutlichen andere Szenen, wie sorgsam die Regisseurin und ihr Kameramann Michael Schindegger viele Einstellungen gerade auch dank des Zusammenspiels von Szenen- und Kostümbild komponiert haben. Die Liebe zum Detail zeigt sich nicht zuletzt in einer Szene, in der die Schnitte zum Rhythmus des Nina-Simone-Songs „Sinnerman“ erfolgen; vermeintlich simpel, aber sehr effektvoll – wie so viele Drehbuch- und Regieeinfälle in den beiden jüngsten Wien-Krimis.

„Der Wien-Krimi: Blind ermittelt – Die nackte Kaiserin“, ARD, 28. April 2022, 20.15 Uhr, mit Philipp Hochmair, Andreas Günther

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