Krimi aus Dresden

„Tatort“-Star Martin Brambach: „Es gibt für Frauen jenseits der 50 kaum Rollen“

Im „Tatort“ spielt er den Kommissarsleiter Herr Schnabel – und auch im echten Leben hat Martin Brambach mit der Rolle etwas gemeinsam.

Im „Tatort“ spielt er den Kommissarsleiter Herr Schnabel – und auch im echten Leben hat Martin Brambach mit der Rolle etwas gemeinsam.

Der von Ihnen gespielte „Tatort“-Kommissar Herr Schnabel ist eher ein Mann der alten Schule, was Geschlechterbilder angeht. Auch im neuen Fall „Das kalte Haus“ gibt es eine Szene, in der er Gorniak als „guten Ermittler“ lobt, sie korrigiert: „gute Ermittlerin“. Wie ist das bei Ihnen, gendern Sie privat?

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Gendern ist so ein wahnsinnig modischer Ausdruck. Wenn es um eine Frau geht, verwende ich grundsätzlich die weibliche Form. Aber diese Pause beim Sprechen mache ich nicht. Vielleicht wäre das anders, wenn ich in Berlin leben und es jeden Tag 20-Mal hören würde. Aber da ich im Ruhrgebiet lebe und mit vielen Menschen zu tun habe, die nicht mit Film, Funk, Fernsehen oder Presse zu tun haben, ist das nicht so sehr in meinem Gewohnheitsbereich. Aber ich finde es schon wichtig, dass man Frauen als Frauen anspricht.

Ist das Ihrer Meinung nach auch eine Generationenfrage – gendert zum Beispiel Ihr Sohn?

Nein. Ich glaube, dass es nur ein kleiner Teil der Gesellschaft ist, der gendert. Auch bei jungen Leuten gibt es laut Umfragen Mehrheiten, die das ablehnen. Aber es gibt trotzdem ein paar bewusste junge Leute, die es tun. Das möchte ich auch niemandem absprechen.

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Was kann so ein Film wie der „Tatort“ Ihrer Meinung nach zu mehr Gleichberechtigung beitragen? Neben der angesprochenen Szene ist diesmal etwa das Spurensicherungsteam komplett weiblich.

Der „Tatort“ hat eine große Reichweiche. Insofern hat man zum einen eine Verantwortung dafür, was und wie man Dinge erzählt, und auf der anderen Seite auch die Möglichkeit, auf die Gesellschaft etwas Einfluss auszuüben. Es geht auch um Sehgewohnheiten. Dann denken sich die Menschen vielleicht: „Ach guck mal, das sind alles Frauen, und die zwei Kriminalkommissarinnen sind auch ziemlich tough.“ Das macht schon viel aus. Es geht zum Teil auch um Normalität, dass man zeigt: In Führungspositionen gibt es Frauen. Das erzielt man schon über Formate wie den „Tatort“.

Aus einer Künstlerfamilie

Martin Brambach kommt aus einer Künstlerfamilie: Seine Mutter war Kostümbildnerin, sein Stiefvater Regisseur. Jan Josef Liefers ist sein Stiefbruder. In den 80ern begannen Brambachs Theaterengagements, sein Leinwanddebüt gab er 1994. Seit 2016 spielt er im „Tatort“ mit, so auch im neuen Fall „Das kalte Haus“ (Montag, ARD, 20.15 Uhr), in dem es um häusliche Gewalt geht. Am 4. Juli veröffentlicht Brambach einen Radreiseführer über seine Wahlheimat: „Nico to meet you, Ruhrgebiet“ heißt er.

Was muss sich Ihrer Meinung in Sachen Gleichberechtigung in der Film- und Fernsehbranche tun?

In der Film- und Fernsehbranche gibt es schon Frauen in Führungspositionen. Den Gender-Pay-Gap gibt es aber immer noch. Aber das größte Problem ist: Es gibt für Frauen jenseits der 50 kaum Rollen – und das hat auch mit einem gewissen Jugendwahn zu tun. Da kann man gendern bis dorthinaus, wenn es die Rollen nicht gibt, muss man da strukturell rangehen. In den Redaktionen sitzen auch Frauen, schreiben Drehbücher, inszenieren. Und trotzdem werden für Frauen ab einem gewissen Alter weniger Rollen geschrieben.

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Wie ist das bei Männern, haben bei Ihnen auch die Rollenangebote abgenommen?

Für Männer ist das weniger ein Problem. Ich habe das große Glück, dass ich gut zu tun habe und in der Branche bei Männern altersmäßig nicht so viele Vorbehalte sind. Da sagt man: Der kann bis Mitte 60 spielen, der kann aber auch einen Ende-40-Jährigen spielen, der kann einen Polizisten spielen oder einen Arbeiter. Zu Frauen gibt es offenbar diese breite Fantasie nicht. Vielleicht hat das auch mit der Fernsehlandschaft zu tun, dass bei Frauen oft diese „Sex sells“-Vorstellung in den Köpfen ist. Das ist ein echtes Problem.

Auch das Thema des neuen „Tatorts“ ist kein einfaches: Es geht um häusliche Gewalt. Was waren bisher Ihre Berührungspunkte mit dem Thema?

Ich habe es als ganz junger Mensch mal mitbekommen bei einer Beziehung, in der es nach einiger Zeit dann unschön wurde. Da war ich aber leider nicht mehr nah dran. Normalerweise muss man sich als Freund oder Bekannter – so unangenehm das auch ist – einmischen, wenn man es mitbekommt. Gerade in Beziehungen ist Gewalt immer noch ein Tabuthema in der Gesellschaft. Es dauert viel länger, bis sowas nach außen dringt, als wenn die Gewalt von einem Fremden verübt würde.

Auch abgesehen von den Geschlechterbildern ist Herr Schnabel eher spießig und nicht immer so sympathisch. Was mögen Sie an Ihrer Figur?

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Ich mag gerade an Herr Schnabel, dass er nicht ganz sympathisch ist. Der kommt eben manchmal nicht aus seiner Haut heraus. Der wird auch keine ganz glückliche Ehe haben und kein ganz glücklicher Mensch sein. Deswegen sucht er auch sowas wie diese „Glückssucherin“, eine Psychologie-Youtuberin. Er hat die Hoffnung, etwas Höheres zu finden, womit man den Alltag bestreitet, womit man seiner Probleme Herr wird und klarkommt mit sich selbst, den Frauen und sozialen Kontakten. Das ist mir nicht ganz fremd, dass man nach solchen Dingen sucht.

Inwiefern?

Ich habe mal vor ein paar Jahren ein Achtsamkeitsseminar besucht. Man sucht ja immer wieder Techniken, mit eigenen Problemen umzugehen. Am Ende geht es darum, glücklicher zu werden. Dass man die Dinge mehr genießen kann, die zu genießen sind, und den weniger schönen Dingen einen nicht ganz so großen Raum einräumt.

Gab es da bei Ihnen einen Auslöser für den Besuch des Seminars?

Ja, ich habe zu der Zeit drei Filme parallel gedreht und konnte fast jede zweite Nacht überhaupt nicht schlafen. Das war nicht nur fürs Arbeiten, sondern auch für meinen Körper wahnsinnig schlecht. Danach bin ich in den Urlaub gefahren mit meiner Familie und da ging es weiter. Da musste ich was machen und habe mich für das Seminar angemeldet. Da wurde unter anderem Achtsamkeitsyoga gemacht. Das hat mir damals geholfen und hilft mir immer noch.

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Also machen Sie das noch regelmäßig?

Ja, jeden Morgen mache ich Yoga. Ich mache auch jeden Tag einen Bodyscan und die Herzensgüte-Meditation, da gibt es so ein paar Sachen für Achtsamkeit. Und sei es nur, dass es einem dabei hilft, zu merken: Achtung, jetzt muss ich aufpassen, jetzt werde ich gestresst, ich muss ein bisschen runterschalten. Wenn man das hat, ist das schon mal ganz viel.

Sind Sie dann wie Herr Schnabel auch auf Youtube unterwegs auf der Suche nach Hilfe?

Auf Youtube habe ich auch schon Meditationen heruntergeladen. Das habe ich alles schon ausprobiert. (lacht) Genau wie der Herr Schnabel.

In den Youtube-Videos berichtet die Vermisste auch vom sogenannten „Happy Place“, der im Verlauf des Falls noch eine wichtige Rolle spielt. Was ist denn Ihr Happy Place?

Mein Garten ist mein Happy Place. Ich habe gerade das große Privileg und fast drei Wochen freigehabt – das ist herrlich. Das ist auch keine Arbeit, bei der ich mir denke: Jetzt muss ich noch die Hecke schneiden. Die Natur kann man nicht bezähmen, sondern man kann nur mit ihr zusammenarbeiten. Das ist eine kontemplative, fast meditative Beschäftigung.

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