Missbrauchskomplex Wermelskirchen

Ermittlerin über Auswertung von kinderpornografischem Material: „Was wir sehen, ist schlimm“

Die Ermittlungsgruppe BAO Liste kämpft seit Ende 2021 gegen Kinderpornografie und sexuellen Missbrauch (Symbolbild).

Die Ermittlungsgruppe BAO Liste kämpft seit Ende 2021 gegen Kinderpornografie und sexuellen Missbrauch (Symbolbild).

32 Terrabyte an Datenmaterial, rund 3,5 Millionen Bilder und 1,5 Millionen Videos, hat die Kölner Polizei im Missbrauchskomplex Wermelskirchen sichergestellt. NRW-Innenminister Herbert Reul sagte bei einer Pressekonferenz: „Die Berge an Daten sind so groß, dass man sie mit normaler händischer Arbeit nicht mehr bewältigen kann.“ Die Polizeioberkommissarin Viktoria Siebert ist eine Ermittlerin in dem Team, das mit der Auswertung genau dieser Daten betraut ist. Wie geht man bei der Sichtung einer derart großen Menge kinderpornografischen Materials vor? Und wie findet man seinen eigenen Umgang damit?

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Ermittlerin Viktoria Siebert von der Kölner Polizei.

Ermittlerin Viktoria Siebert von der Kölner Polizei.

Polizeioberkommissarin wertet täglich Daten aus

Die Polizeioberkommissarin sei hauptsächlich mit der Auswertung von Datenträgern mit Video-, Bild- und Tonaufnahmen beauftragt. Bei einer so großen Datenmenge, wie sie im Fall des 44-Jährigen aus Wermelskirchen sichergestellt wurde, sei es zunächst schwierig, einen Anfang zu finden. „Wir schauen dann, wo es welche Hinweise gibt, bei denen wir anfangen können zu arbeiten. Wenn schon erste Ermittlungseinsätze sind, gibt es bestimmte Prioritäten, nach denen wir das Material sichten“, sagt Siebert dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Das sind ganz viele Puzzleteile, die sich dann über Wochen zusammensetzen.“ Dabei kämen auch technische Hilfsmittel wie bestimmte Computerprogramme zum Einsatz. „Die digitale Hilfe ist dabei eine absolute Unterstützung. Die Ausstattung, die wir hier haben, ist unerlässlich.“

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Neben Viktoria Siebert sind noch zwei weitere Kollegen mit der Materialauswertung für die BAO Liste betraut. Der Hauptverdächtige hatte detaillierte Listen für seine Ordnerstruktur auf dem Computer angefertigt, aus dem sich auch der Name der Ermittlungsgruppe BAO Liste (Besondere Aufbauorganisation Liste) ableitet. Das Team arbeite laut Siebert seit Ende letzten Jahres an dem Fall. Wie viel Material die Kommissarin insgesamt ausgewertet hat, könne sie jedoch nur schwer einschätzen. „Ich kann aber sagen, es ist eine Menge.“

„Es ist schlimm, das braucht man nicht zu beschönigen“

Doch wie geht man mit den Ermittlungen in so einem Fall um? „Für mich ist es tatsächlich noch Neuland, weil ich ganz neu dazu gestoßen bin und mich erst einfinden musste“, erklärt Siebert. „Wenn man Videos und Bilddateien sichtet, weiß man leider, dass man das, was man da sieht, nicht mehr rückgängig machen kann.“ Dann helfe es, sich auf die eigene Aufgabe zu konzentrieren. „Man findet dann einen Fokus, indem man alle Hinweise, die sich in Bild-, Videomaterial und Chatverläufen finden lassen, so spitzfindig wie möglich dokumentiert, damit man hinterher möglicherweise eine Identifizierung hat“, sagt die Ermittlerin dem RND. „Nichtsdestotrotz ist das, was wir sehen, schlimm. Das braucht man auch nicht zu beschönigen.“

Kindesmissbrauch im Raum Köln: Ermittlungen in mehr als 70 Fällen

Haupttatverdächtig ist ein verheirateter 44-jähriger aus Wermelskirchen. Ermittlungen gegen weitere 72 Tatverdächtige in 14 Bundesländern wurden aufgenommen.

Daher sei der Zusammenhalt unter den Kollegen und Kolleginnen besonders wichtig, betont Siebert. „Wir reden viel, wir kommunizieren viel. Wenn wir zum Beispiel etwas sehen, wo wir denken: ‚Oh, das ist aber krass‘, dann gucken wir uns das noch mal gemeinsam an.“ Dennoch gebe es auch immer wieder lustige Momente im Ermittlungsteam. „„Es mag sich etwas makaber anhören, wenn ich sage, wir haben Spaß auf der Arbeit, aber es funktioniert sehr gut – in unserem Team, das zwischenmenschlich toll funktioniert, wird auch gelacht. Das schafft Abstand, das ist wichtig.“

„Wir sind Menschen mit Gefühlen und Emotionen“

Um dennoch auch nach der Arbeit Abstand zu den Eindrücken des Tages zu gewinnen, spielen das soziale Umfeld, sportliche Betätigung oder andere Hobbys laut Siebert eine wichtige Rolle. „Ich kann zu Hause sehr gut abschalten, weil ich ein sehr stabiles soziales Umfeld habe, was neben den guten Arbeitskollegen sehr wichtig ist.“ Dennoch gebe es auch Tage, an denen es der Kommissarin nicht so leicht fällt abzuschalten. „Es ist nicht so, dass man die Tür hinter sich zumacht, nach Hause geht und alles vergisst. Wir sind immer noch Menschen, die Gefühle und Emotionen haben. Es gibt auch Tage, wenn beispielsweise eine Identifizierung stattgefunden hat, wo man dann etwas Zeit für sich benötigt. Auch weil man sehr nah an den geschädigten Kindern ist, wenn man das Material auswertet.“

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Die Polizei Köln biete ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen daher auch psychologische Unterstützung an: „Wir haben eine ganz tolle Supervisorin bei uns im Haus“, so Siebert. „Wir haben auch Gruppensupervisionen mit Kollegen, wo das Teamgefüge gestärkt wird, indem man Spiele spielt oder über Thematiken, die einen beschäftigen, spricht.“

Darüber hinaus könne aber auch individuelle Hilfe in Anspruch genommen werden. „Es gibt natürlich auch die Möglichkeit, wenn noch weitere professionelle Hilfe benötigt werden sollte, die Ermittlerinnen und Ermittler oder Auswerter und Auswerterinnen weiterzuleiten“, so Carsten Rust, Sprecher des Polizeipräsidiums Köln.

Auswertung ist freiwillig

Nicht jeder und jede ist für diesen Aufgabenbereich gemacht. In der Vergangenheit sei es durchaus vorgekommen, dass Teammitglieder ausgestiegen sind. „Deswegen werden wir schon vorher mit dem Material vertraut, ob man das sehen kann, ohne seelische oder psychische Schäden davonzutragen. Da wird niemand ins kalte Wasser geworfen, sondern da wird sehr viel Rücksicht genommen“, betonte Siebert im Gespräch mit dem RND. Die Arbeit in der BAO Liste haben alle Mitarbeitenden freiwillig übernommen. Sobald die persönliche Belastung zu groß wird, könne man jederzeit aussteigen und in seinem ursprünglichen Bereich weiterarbeiten, erklärt Rust.

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Bei der Auswertung hätten alle Beteiligten ein größeres Ziel vor Augen: „Unser gemeinsames Ziel ist es, die Beschuldigten da draußen zu fassen und die Geschädigten zu schützen“, so die Polizeikommissarin. „Hier arbeiten Menschen, die das auch gerne machen.“

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