Keine Stunde ohne Mord

Alltag in Baltimore: Jugendliche randalieren auf einem zerstörten Polizeiwagen.

Alltag in Baltimore: Jugendliche randalieren auf einem zerstörten Polizeiwagen.

Baltimore. In Baltimore herrscht Ausnahmezustand. Nahezu jeder Polizist hat täglich für zwölf Stunden zum Dienst zu erscheinen. Bis auf wenige Einsatzkräfte in den Zentralen sollen so viele Uniformierte auf den Straßen Präsenz zeigen wie nur irgendwie möglich. Auch die Beamten, die noch in der Ausbildung stecken oder kurz vor der Pensionierung stehen, haben sich an den Patrouillen zu beteiligen. „Wir müssen Flagge zeigen, um das Töten zu stoppen“, sagt Polizeichef Kevin Davis.

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Eine Welle der Gewalt erschüttert die Metropole unweit der US-Hauptstadt. Besonders erschütternd liest sich das Polizeiprotokoll vom vergangenen Montag.

20 Uhr: Ein männlicher Erwachsener wird erschossen neben seinem Fahrzeug gefunden. Die Identität des Opfers ist bisher unbekannt.

2.35 Uhr: Ein 28-Jähriger wird erschossen. Die Polizei geht von einem Konflikt zwischen Drogenhändlern aus.

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2.35 Uhr: Eine 37-Jährige wird während eines Nachbarschaftsstreits vor den Augen ihrer Kinder erschossen. Die Frau hatte zuvor die Polizei um Hilfe gerufen, da ihr Sohn von einer Bande bedroht wurde. Nachdem die Beamten vor Ort gewesen waren und sich wieder verabschiedet hatten, erschienen maskierte Männer vor dem Haus und ermordeten die Frau.

2.45 Uhr: Eine Polizeistreife entdeckt am Straßenrand einen sterbenden 27-Jährigen, der eine Schusswunde erlitten hat.

3.25 Uhr: Eine 21-Jährige und ein 26-Jähriger werden bei einer Schießerei getötet, zwei weitere Menschen verletzt.

Am frühen Dienstagmorgen gibt die Polizei angesichts der Vorfälle eine Pressekonferenz, 30 Minuten später werden die Beamten zu einer weiteren Schießerei gerufen. „Die Lage eskaliert“, sagt Polizeichef. Die Gründe seien hinlänglich bekannt: „Waffen, Banden und Drogen. Es ist schrecklich.“ In der Stadt, deren Einwohnerzahl in etwa mit der von Hannover oder Leipzig vergleichbar ist, wurden von Januar bis Juni 159 Menschen getötet. Im vergangenen Jahr waren es 318.

Weltweit in die Schlagzeilen geriet die einst so traditionsreiche Stadt 2015, als der Afroamerikaner Freddie Gray in Polizeigewahrsam durch Genickbruch starb. Es war ein Sommer der Unruhen und der schweren Kritik an der – weißen – Staatsgewalt. Doch dem Aufbegehren folgte die Depression. Im Stadtteil Sandtown lässt sich erahnen, warum die Krise nur unzureichend beschrieben ist, wenn die Rede von gewalttätigen weißen Polizisten und schwarzen Opfern ist: Unzählige Häuser stehen leer, die Arbeitslosigkeit ist erschreckend hoch, und gut besucht sind nur die Spirituosenläden. Die Polizisten, von denen etwa 40 Prozent Afroamerikaner sind, sehen sich in einem fast aussichtslosen Kampf.

Den Menschen fehlt eine Lobby

„Wir erleben eine soziale und wirtschaftliche Katastrophe“, sagt Edward Jackson. Der Dozent vom städtischen College ist Afroamerikaner, trug selbst über Jahrzehnte die Polizeiuniform und erlebte den Niedergang der Stadt hautnah mit: Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg zählte Baltimore zu den Industriehochburgen Amerikas. Vor allem die Stahlindustrie zog viele Arbeitskräfte aus dem ganzen Land an und ließ die Einwohnerzahl auf mehr als eine Million steigen. Doch in den Sechziger und Siebzigerjahren hielten viele Unternehmen der harten Konkurrenz aus Südostasien nicht länger stand. Und als in den Achtzigerjahren mit „Bethlehem Steel“ die letzte große Fabrik ihre Tore schloss, landeten Tausende Arbeiter auf der Straße. Auf Umschulungen oder preisgünstige Bildungsprogramme warteten sie vergeblich. „Diesen Menschen fehlt eine Lobby“, sagt Jackson. Dabei hätten gerade sie diese dringend nötig.

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Fast die Hälfte der Bewohner in den Armutsvierteln habe noch nicht einmal einen Highschoolabschluss. Und da die Ausstattung an den öffentlichen Schulen auch immer von der Spendenfreudigkeit der Eltern abhängig ist, seien die Lernbedingungen in Stadtteilen wie Sandtown eher schlecht. Es ist eine Spirale nach unten, meint Jackson: „Wer irgendwie kann, zieht weg. Und wer bleibt, der hat verloren.“

Von RND/Stefan Koch

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