„Miss Hamburg“ Julia Kremer: „Was ist schon Schönheit?“

Julia Kremer

Julia Kremer ist Miss Hamburg 2021.

Hamburg. Bei Instagram freute sich Julia Kremer richtig. „Ich bin unter den Top 16 bei Miss Germany, und ich finde kaum die passenden Worte zu beschreiben, was das für mich bedeutet“, schrieb die 31-jährige Influencerin auf ihrem Account. Am Mittwoch war sie zur „Miss Hamburg 2021“ gewählt worden. Nun tritt sie im Februar für die Hansestadt zur „Miss Germany“-Wahl an. „Wir setzen hier gerade ein ganz großes Zeichnen für Gleichberechtigung, Vielfalt und Empowerment“, schrieb sie weiter. „Und ich bin unendlich dankbar, ein Teil davon zu sein.“ Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht sie über Schönheitsbegriffe, die Diskriminierung übergewichtiger Menschen und wie sie lernte, „ein gutes Team mit meinem Körper zu sein“.

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Frau Kremer, bei der „Miss Germany“-Wahl wird jetzt nicht mehr die peinlich genaue Einhaltung alter Gardemaße gefordert. Schönheit ist mehr als 90-60-90 – sondern auch Ausstrahlung, Persönlichkeit.

Es geht in diesem Jahr um Empowering Authentic Women – es geht um die Stimme und den Einsatz, den wir Frauen zeigen. Der Wettbewerb unterstützt uns Frauen dabei, uns gegenseitig die Hand zu reichen, voneinander zu lernen und mehr Sichtbarkeit für Tabuthemen zu schaffen. Das finde ich großartig – und freue mich sehr, dabei zu sein.

Der Sprecher der „Miss Germany“-Wahl sagte, Sie seien durch Ihren Einsatz für Body Positivity aufgefallen. Was genau versteht man darunter?

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Meinen Blog „Schön Wild“ gibt es seit 2012. Seitdem es ihn gibt, setze ich mich für die Sichtbarkeit von kurvigen Frauen ein. Egal welche Kleidergröße man trägt – jeder Mensch hat es verdient, respektiert zu werden. Dieses Jahr haben meine Bloggerkollegin Verena Prechtl und ich #RespectMySize gestartet – eine Kampagne gegen Diskriminierung und Vorurteile und für mehr Vielfalt. Ich freue mich riesig, dass ich auf diesem Weg Menschen zum Umdenken anregen darf.

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Wie finden Sie es, Teil der neuen Miss-Kategorie zu sein – eine Plus-Size-Miss?

Ich fände es schön, wenn es irgendwann gar nicht mehr nötig wäre, einer Frau mit einem kurvigen Körper dieses Label aufzudrücken. Aktuell braucht es das noch, weil wir gerade in einer Zeit leben, in der wir umdenken und dazulernen.

Ihre Wahl ist eine Botschaft an eine in Mode, Filmen, Serien unterrepräsentierte Mehrheit der Frauen im Land – man darf sich schön finden, auch wenn man nicht dem jahrzehntelang propagierten Ideal entspricht.

Über 60 Prozent der Frauen tragen Kleidergröße 42 oder mehr. Sowohl Plus-Size- als auch Mid-Size-Frauen sind absolut unterrepräsentiert in den Medien, im Film und in der Werbung. Darauf möchte ich aufmerksam machen. Es braucht diverse Identifikationsfiguren, um Diskriminierung, daraus resultierende Traumata sowie Essstörungen oder andere weitreichende psychische Auswirkungen einzudämmen. Und es braucht Aufklärung. Was ist schon schön? Im ersten Schritt sollten wir lernen, uns selbst so anzunehmen, wie wir sind. Der Weg zur Selbstliebe folgt danach. Und ja, ich finde, auch nicht-„norm“-schöne Menschen haben es verdient, gesehen zu werden. Unsere Welt ist so vielfältig, und genau das sollten wir viel mehr feiern. Ich wünsche mir, dass jeder Mensch so sein darf, wie er ist, egal welche Statur er oder sie hat, welche Hautfarbe die Person hat, wen die Person liebt, ob sie eine Behinderung hat oder nicht, welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlt. Ich wünsche mir Empathie und Respekt füreinander.

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Sie werden zitiert mit dem Satz „Ich möchte das Vorbild sein, das mir in der Jugend gefehlt hat“. Wie war Ihre Jugend denn?

In meiner Jugend und Kindheit – und auch noch heute – erfahre ich und erfahren viele andere dicke Menschen jeden Tag Diskriminierung. Das hatte bei mir zu einem Trauma und einer Essstörung geführt, weswegen ich eine Traumatherapie gemacht habe und endlich wieder lerne, ein gutes Team mit meinem Körper zu sein. Ich möchte, dass das ganz vielen anderen Kindern und Jugendlichen erspart bleibt, und dass sie schon von klein auf lernen, ihre eigenen Stärken zu sehen, dass sie selbstbewusst werden und sich selbst lieben.

Was wäre anders für Sie gewesen – mit einem solchen Vorbild? Wären Kränkungen dann an Ihnen abgeprallt?

Ich vermute mal, dass wir in dieser Gesellschaft deutlich weniger strukturell fettfeindlich wären. Mein Sportlehrer hätte mich nicht gemobbt und weggesehen, als ich diskriminiert worden bin. So hätte ich ein gutes Verhältnis zu meinem Körper aufbauen können. Der Teufelskreis ist ganz oft der gleiche: Während unserer Kampagne #RespectMySize habe ich so viele Geschichten gehört und sie waren alle gleich. Wir brauchen in dieser Gesellschaft neue Sehgewohnheiten – in den Medien, im Film und in der Werbung, damit Diversität die Norm ist und kein Sonderfall. Und damit Diskriminierung keine Chance mehr hat.

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Haben Sie Angst, dass Ihr Sieg möglicherweise verpufft angesichts der Corona-Situation im Land?

Nein, ganz im Gegenteil. Diese Situation hat es erst möglich gemacht, dass dieses Thema Gehör findet. Seit so vielen Jahren setzen wir Plus-Size-Blogger ein, und erst in diesem Jahr schaffen wir es aus unserer Bubble. Ich schätze daran, dass viele von uns die Zeit hatten, sich zu reflektieren und weil das alte System, wie wir es immer kannten, aus den Fugen geraten ist. Das schafft Platz für Themen wie diese.

Glauben Sie, dass das Ideal der Schönheit mit der veränderten Ausrichtung des Miss-Wettbewerbs in Zukunft differenzierter sein wird? Dass man Schönheit entdecken wird, wo man sie bisher nicht gesucht hat?

Was ist schon Schönheit? Das sollte jeder für sich noch einmal reflektieren. Und vor allem: Wie wichtig ist Schönheit? Junge Mädchen bekommen von klein auf gesagt, dass sie schön (= dünn) sein müssen, um geliebt zu werden, einen Mann zu finden, einen Job zu finden, glücklich zu sein. Ich durfte in den letzten Jahren lernen, dass ich all das erreichen kann, auch wenn ich gesellschaftlich nicht als schön wahrgenommen werde. Ich warte nicht mehr darauf, dem gesellschaftlichen Ideal zu entsprechen, um mein Leben zu leben.

Sie sind als Content Creatorin tätig. Was ist Ihr Ansatz?

Als Content Creatorin mache ich genau das, was ich bei Miss Germany auch vertrete. Ich schenke meiner Community Mut, ich spreche offen mit ihnen über vermeintliche Tabuthemen wie Essstörungen, Therapie, Diskriminierung und zeige ihnen, wie wichtig es ist, sich selbst zu reflektieren, bewusst am eigenen Selbstbewusstsein zu arbeiten und zu lernen, seinen Körper so anzunehmen, wie er ist. Ich habe einen Curvy-Fitnesskurs entwickelt, der Frauen einen sicheren Raum bietet und zeigt, dass Bewegung Spaß macht. Gerade nach den diskriminierenden Erfahrungen beim Schulsport hat der Körper unbewusst gelernt, dass Sport eine Gefahr darstellt. Und darüber kläre ich auf und zeige, wie man aus diesem Teufelskreis ausbricht.

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Das Internet ist ein Ort der Aggressivität. Gibt es auch da Anfeindungen, Verletzungen?

Dadurch, dass Instagram aus vielen kleinen Bubbles besteht, in dem jeder sieht, was er abonniert hat, habe ich das Glück, auf viele Menschen zu treffen die mich unterstützen. Sobald ein Beitrag oder Interview von mir in den Medien erscheint, sieht man, wie normal Diskriminierung gegen dicke Menschen ist – und das sollte es nicht sein.

Dürfte ich – wenn Sie das jetzt nicht als sexistisch empfinden – nach Ihren Maßen fragen?

Wir sind hier bei „New Miss Germany“. Es gibt keinen Bikiniwalk mehr, also sind meine Maße irrelevant. Lassen sie uns lieber darüber sprechen, was ich zu sagen habe, wo meine Stärken sind und wofür ich mich einsetze.

Hat Ihnen diese neue Ausrichtung des Wettbewerbs den Mut gegeben, sich zu bewerben?

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Ja, das neue Konzept hat mir Mut gemacht. Ich freue mich sehr, dass der 24-jährige Max Klemmer zusammen mit dem Rest der Miss-Germany-Corporation das Konzept überdacht hat und den Wettbewerb verändert hat. Heute gibt es #EmpoweringAuthenticWomen statt Bikiniwalk. Ich freue mich unglaublich, es unter die Top 16 geschafft zu haben und ich bin gespannt, wie weit die Reise noch geht. Für mich ist Max Klemmer ein wahnsinnig inspirierendes Vorbild für Männer – er unterstützt Frauen dabei, sich gegenseitig zu unterstützen.




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