Punkerszene auf Sylt

Warum „Spider“ und „Psycho“ Lindners Hochzeit ruinieren wollen

„Spider“ (links), „Psycho“ (Mitte), Jochen (rechts) und ihre Freunde aus der Punkszene wollen Christian Lindners Hochzeit crashen. Unklar ist, wie ernst gemeint das ist.

„Spider“ (links), „Psycho“ (Mitte), Jochen (rechts) und ihre Freunde aus der Punkszene wollen Christian Lindners Hochzeit crashen. Unklar ist, wie ernst gemeint das ist.

Westerland. Vor dem Edeka-Markt am Wilhelminen-Brunnen in Westerland wird laut debattiert und gestikuliert. Und noch lauter wird es, als der Name Christian Lindner fällt. „Der will unser Geld kürzen“, echauffiert sich ein junger Mann, der sich „Spider“ nennt. Die pompöse Hochzeit, die der Finanzminister dieser Tage auf Sylt feiert, die wolle man ihm nun gehörig versauen.

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„Spider“, ausgestattet mit Gesichtstattoos, einem Nasenpiercing und einem Bierflaschenverschluss als Ohrring, ist „ein bisschen besoffen“, wie er sagt. Das Gleiche gilt für seine Freunde, die sich tagtäglich auf dem Platz vor dem Supermarkt versammeln. Seit rund acht Wochen macht sich die Punkszene dank der günstigen Anreise mithilfe des 9‑Euro-Tickets auf der beschaulichen Nordseeinsel Sylt breit, verärgert Anwohnerinnen, Anwohner und Geschäftsleute.

Auf Schlagzeilen hofft „Spider“ augenscheinlich auch dieses Mal – und kündigt gegenüber dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) schon mal das ganz große Chaos an. Freunde aus Bonn, Berlin und Hamm hätten sich angekündigt, sagt er. Man habe sich in Whatsapp-Gruppen verabredet und abgemacht, die Hochzeit des Finanzministers zu besuchen. Gemeinsam wolle man am heutigen Freitag sowohl zu Lindners Polterabend ziehen als auch zur geplanten kirchlichen Trauung am Samstag in der Dorfkirche St. Severin in Keitum.

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„Wir kriegen jede Party kaputt“

„Psycho“, ein Mann mit Käppi, Gesichtstattoos und Brille, ergänzt, man kriege „jede Party kaputt“, wenn man denn wolle – dass die Hochzeit von großem Sicherheitsaufgebot geschützt wird, beeindruckt den Punker wenig. Lindner habe sich einen Besuch verdient, ist sich die zwölfköpfige Gruppe vor dem Supermarkt einig. Für Ärger bei den Punks sorgen vor allem die angekündigten Sparpläne des Finanzministers.

Wie der „Spiegel“ berichtet, plant Lindner deutliche Kürzungen bei der Unterstützung von Langzeitarbeitslosen. Das wiederum geht laut dem Magazin aus dem Haushaltsentwurf für 2023 hervor. „Leistungen zur Eingliederung in Arbeit“ in der Grundsicherung von derzeit 4,8 Milliarden Euro sollen demnach auf 4,2 Milliarden Euro gekürzt werden. Die Kürzungen sollen vor allem „die Mittel für mehrjährige Förderungen“ betreffen. Das Bundesfinanz­ministerium weist die Darstellung des „Spiegels“ zurück.

Kritik an den Plänen kam aber umgehend aus der Opposition. Die Sozialpolitikerin der Linken, Katja Kipping, schrieb auf Twitter: „Kürzungen bei den Ärmsten, bei #HartzIV, bei Arbeitsmarktpolitik – und das angesichts eines Herbstes der #Energiearmut –, das geht so dermaßen gar nicht, Herr #Lindner. Da bleiben mir doch glatt die Glückwünsche zur #Lindnerhochzeit im Halse stecken.“

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Spaß an der Provokation

Genau so sehen es auch die Punks am Supermarkt auf Westerland. Dass die Sparpläne ausgerechnet die Ärmsten treffen sollen, wollen sie nicht akzeptieren. Und dass der Finanzminister dann auch noch eine Luxushochzeit auf der norddeutschen Luxusinsel feiert, bringt „Psycho“ und „Spider“ zur Weißglut.

Ein Punker namens Jochen stößt hinzu und verkündet eine schier unglaubliche Nachricht: Lindner selbst habe die Punks nun sogar eingeladen, mit ihm zu feiern. Was Jochen meint, ist ein Satireartikel des „Postillion“, der am 5. Juli veröffentlicht wurde. Die Überschrift des scherzhaften Textes lautet „Wie nett! Christian Lindner hat alle Punks, die kommen wollen, auf seine Hochzeit auf Sylt eingeladen“. Die Gruppe lacht und grölt. „Klar, die Einladung ist angenommen.“

Die ausgelassene Stimmung allerdings lässt an der Ernsthaftigkeit der Punkerpläne zweifeln. „Spider“, „Psycho“ und Jochen sprechen mit viel Ironie – und wissen offenbar ganz genau, was man Journalisten sagen muss, um Schlagzeilen zu provozieren. Man liebt augenscheinlich das Spiel mit der Provokation – und man liebt es, die Anwohnerinnen und Anwohner mit Horrorgeschichten in Angst und Schrecken zu versetzen. Die zahlreichen Medienberichte über das 9‑Euro-Ticket hätten auch befeuert, dass man überhaupt auf die Insel gereist sei, gibt „Spider“ zu. Ob es jemals zum angekündigten Hochzeitssturm kommen wird? Fraglich.

Polizei glaubt nicht an ein Chaos

Christian Kartheus von der Polizeidirektion Flensburg, die auch für die Insel Sylt zuständig ist, erklärt dem RND am Telefon, von der Punkszene gehe keinerlei Gefahr aus. Schon in den vergangenen Wochen habe sich die Lage auf Sylt spürbar beruhigt. Hin und wieder habe es mal Ruhestörungen gegeben, hin und wieder sei die Polizei ausgerückt – entsprechende Verfahren seien dafür aber nicht einmal mehr eingeleitet worden.

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Was genau die Polizei tut, um nun die Hochzeit des Finanzministers zu schützen, will Kartheus nicht verraten. Nur so viel: Bislang habe die Punkszene keinerlei Ärger gemacht – und man gehe auch nicht davon aus, dass das noch passieren wird.

Tatsächlich war es bei der standesamtlichen Trauung des Finanzministers am Donnerstagnachmittag in Keitum erstaunlich ruhig. Ein Fotograf der dpa hatte zuvor einen schlafenden Punker vor der Hochzeitslocation, dem Museum Sylt, fotografiert – bei der Trauung selbst war von störenden Punks aber weit und breit nichts zu sehen.

Laut „Spider“ hatte das einen einfachen Grund: „Wir hatten keine Lust, dahinzufahren, wir waren einfach zu besoffen.“

Ein Punker schlief am Donnerstag auf der Wiese vor dem Eingang zum Museum Sylt, in dem Finanzminister Lindner (FDP) standesamtlich getraut wurde.

Ein Punker schlief am Donnerstag auf der Wiese vor dem Eingang zum Museum Sylt, in dem Finanzminister Lindner (FDP) standesamtlich getraut wurde.

Keine Schaulustigen auf Hochzeitsfeiern

Auch sonst hielt sich das Polizeiaufgebot und das Interesse an der Hochzeit am Donnerstag in Grenzen. Zwar wollten bei der standesamtlichen Trauung zahlreiche Schaulustige, Journalisten und Journalistinnen einen Blick auf das prominente Paar erhaschen – am Abend allerdings konnten Lindner und seine Frau Franca Lehfeldt ganz ungestört feiern.

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Nach der Trauung war die Hochzeitsgesellschaft im Restaurant Vogelkoje eingekehrt, das, umgeben von einem Naturschutzgebiet, in der Nähe des Ortes Kampen liegt. Wer hier ungefragt mitfeiern wollte, hatte keine Chance: Die Einfahrt des Restaurants war von einem Polizeiwagen versperrt, einige weitere parkten in einer Seitenstraße, um die Feier zu schützen. Auf dem Parkplatz des Restaurants parkten einige teure Wagen mit Kennzeichen aus Hamburg, Berlin und Bottrop. Schaulustige oder Journalistinnen und Journalisten hielten sich am Abend von dem Restaurant aber fern. Gegen 20 Uhr zog der Polizeikonvoi schließlich ab.

Auch am Severin’s Resort im Ort Keitum ist am Donnerstagabend nichts davon zu spüren, dass auf der Insel eine prominente Hochzeit gefeiert wird. Im Luxushotel nächtigt laut Medienberichten dieser Tage die Hochzeitsgesellschaft des Paares. Am Donnerstagabend war das Gelände vor dem Hotel menschenleer, nicht einmal Sicherheitspersonal war zu sehen.

Teure Autos, aber keine Promis in Sicht: Der Parkplatz vor dem Luxushotel Severin’s.

Teure Autos, aber keine Promis in Sicht: Der Parkplatz vor dem Luxushotel Severin’s.

„TV total“-Moderator kündigt Ärger an

Gut möglich, dass es so beschaulich bleibt – vielleicht aber auch nicht. Neben den Punks hat auch „TV total“-Moderator Sebastian Puffpaff einen Besuch angekündigt. Der motiviert seit Wochen seine Zuschauerinnen und Zuschauer unter dem Hashtag #hochzeittotal, nach Sylt zu reisen. Der Moderator selbst hat, wie in seiner Sendung zu sehen war, zur Übernachtung einen Strandkorb direkt vor der Sansibar angemietet.

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Für „Spider“ und „Psycho“ und Jochen ist die Hochzeit des Finanzministers möglicherweise das letzte große Highlight auf der Insel der Schönen und Reichen. Nach dem Wochenende wolle man Sylt endgültig verlassen, kündigt „Spider“ an. „Es wird allmählich langweilig, außerdem ist es hier viel zu teuer.“

Gut möglich, dass sich die Sache mit der Provokation inzwischen auch ein bisschen abgenutzt hat. Der Betreiber des Supermarktes kommt aus seinem Geschäft. Er bittet die Gruppe freundlich, aber bestimmt, ein wenig leiser zu sein und von den Treppenstufen an einen anderen Ort zu wechseln. Die Punks kommen der Bitte umgehend nach. Scheint so, als hätten sich Punker und Anwohner inzwischen längst aneinander gewöhnt.

 

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