Ein Nachruf

Queen Elizabeth II. – die Königin der Rekorde

Queen Elizabeth II. Mitte der 50er Jahre.

Queen Elizabeth II. Mitte der 50er Jahre.

Es sind die großen Damen, die bis heute die britische Oberschicht prägen. Wenn sie einen Raum betreten, tun sie es ohne große Worte und ziehen doch unweigerlich alle Blicke auf sich. Sie wirken selbstbewusst, aber nicht überheblich; sympathisch, aber nicht übertrieben freundlich; distanziert, aber nicht fremd. Wenn sie in ein Gespräch eingreifen, was überaus selten vorkommt, dann verstummen die Anwesenden. Selbst wenn es nur um profane Dinge wie das Wetter oder ein Pferderennen geht. Die großen alten Damen des britischen Establishments, das sind Persönlichkeiten, mit denen sich jeder gern umgeben möchte.

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Königin Elizabeth II. war – obwohl mit einer Körpergröße von 1,63 Meter eigentlich eher klein – unbestritten das beste Beispiel für solch eine große Dame. Wo sie in ihrer zurückhaltenden Art auftrat, verstummten die Anwesenden, nicht nur aus Ehrfurcht vor ihrem Amt. Sie war Oberhaupt eines der politisch wichtigsten Staaten der Welt und Vorsitzende des Commonwealth, des Staatenbundes früherer britischer Kolonien. Vor allem aber war sie in den Augen vieler eines: die Mutter der Nation. Und dies gleich für viele, viele Generationen. Das lag vor allem an einer simplen Tatsache: Ein Großteil der Britinnen und Briten hat zu Lebzeiten nie einen anderen Monarchen erlebt als Queen Elizabeth II.

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Selbst Queen Victoria überholt

Am 6. Februar 1952 wurde Elizabeth über Nacht zur britischen Königin, nachdem ihr Vater König Georg VI. mit nur 56 Jahren einem Herzleiden erlag. Damals war sie selbst gerade einmal 25 Jahre alt. Seitdem regierte die Queen, zu dessen Lebzeiten stets begleitet vom Mann an ihrer Seite, Prinz Philip Mountbatten. Einer ohne den anderen schien kaum vorstellbar. Doch selbst als Philip im April 2021 starb, erlebte das Königreich einmal mehr die überaus professionelle Seite seiner Monarchin: Während die Nation noch in einer langen Phase der Trauer und Erinnerung an den Duke of Edinburgh steckte, ließ die Königin bereits erkennen: Auch sie trauert. Doch das Leben muss für sie weitergehen. Schon nach kurzer Zeit nahm sie wieder Termine wahr – wie in den vorangegangenen sieben Jahrzehnten ihrer Herrschaft.

Eine solch lange Phase an der Spitze des Vereinigten Königreichs hat es in der britischen, sogar in der internationalen Geschichte selten gegeben. Bereits im Jahr 2015 überholte Elizabeth in Hinblick auf die Amtsjahre Königin Victoria, die im Königreich bis heute verehrte Monarchin. Sie steht für die große Zeit der Briten als Weltmacht und saß 63 Jahre und 216 Tage auf dem Thron. Elizabeth II. schlug diesen Rekord, als sei es ein Leichtes gewesen.

Die Queen wurde nie amtsmüde, zumindest ließ sie es sich nicht anmerken. Gleichwohl kam auch ihr ihre lange Herrschaft irgendwann wie selbstverständlich vor. Die Kameras der BBC waren dabei, als sie 2007 bei einem Zusammentreffen mit dem damaligen britischen Premierminister Tony Blair über ihre bevorstehende Reise zum 400. Jahrestag der Ankunft der ersten britischen Siedler in den USA plauderte. „Für uns ist das ja nichts Neues“, sagte die Königin da ihrem Gegenüber. „Wir waren ja zum 350. Jahrestag auch schon dort.“ Als wäre es gestern gewesen.

Elizabeth II. erlebte Winston Churchill. Sie traf John F. Kennedy, Willy Brandt und die Beatles. Insgesamt 15 Premierministerinnen und Premierminister sah sie während ihrer Herrschaft in die Downing Street ziehen, darunter langjährige Amtsträger wie die konservative Politikerin Margaret Thatcher, die es allein auf elf Jahre im Amt brachte, und Tony Blair, der zehn Jahre in Downing Street lebte.

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Zuletzt empfing sie im September 2022 Liz Truss zum Amtsantritt auf Schloss Balmoral – „Mobilitätsprobleme“ waren nach offiziellen Angaben der Grund dafür, dass die Königin den Amtswechsel in Downing Street diesmal nicht vom Palast in London oder Windsor aus absegnete. Den einen dieser vielen Premiers habe sie mehr gemocht, den anderen weniger, war aus dem Palast immer mal wieder zu vernehmen. Nie aber hat man von der Königin selbst eine Vorliebe für einzelne Politikerinnen, Politiker oder gar ganze Parteien vernehmen können. Sie war, was sie auch von jedem anderen an ihrer Seite erwartete: durch und durch loyal – ihrem Amt, ihrem Land und ihrem Volk gegenüber.

Die Königin der leisen Auftritte

Elizabeth II. war der beste Beweis dafür, dass Führen entgegen landläufiger Ansicht nichts mit lautstarken Auftritten zu tun haben muss. Wenn ihr etwas mal nicht gefiel, merkten die Beteiligten dies bereits an ihrem Gesichtsausdruck: Düster konnte er werden, so als ob ihre Majestät gerade etwas Falsches gegessen hatte. Einmal erlebten Kameras sie so während der Highland Games in Schottland, als sie vergeblich versuchte, die Kappe ihres Lippenstifts zu schließen und dies nicht sofort gelang. Doch es dauerte nicht lang, und ihr Gesicht zeigte wieder jene professionelle Zufriedenheit, für die ihr Volk sie liebte.

Sie mag Hunde, Pferde, Männer und Frauen – und zwar in dieser Reihenfolge.

Graham Turner,

Queen-Biograf

Deutliche Worte sollen von Elizabeth selten zu hören gewesen sein, und wenn dann ausschließlich hinter verschlossenen Türen. Was keineswegs bedeutet, dass sie ein harmoniebedürftiger Mensch gewesen wäre. „Sie mag Hunde, Pferde, Männer und Frauen – und zwar in dieser Reihenfolge”, schrieb vor Jahren einer ihrer Biografen, Graham Turner. Es gab niemanden, der ihm widersprochen hätte, nicht mal aus dem Buckingham Palace.

Die Queen ist tot - Charles ist König

Viele Menschen weltweit hatten bis zuletzt gehofft, doch nun ist es Gewißheit: Die britische Königin Elizabeth II. ist tot.

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Elizabeth II., das wurde bereits in ihren jungen Jahren deutlich, legte eher weniger Wert auf Freundschaften; sie legte vielmehr Wert auf einen Fortbestand der Monarchie. Einer Monarchie, die mit ihren prunkvollen Auftritten – selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten – und mit ihren seit Jahrhunderten wiederkehrenden Bräuchen wie dem Zählen der palasteigenen Schwäne auf der Themse heute so anachronistisch wie nie wirkt. Welcher andere Staatschef würde noch auf die Idee kommen, tagtäglich Soldaten in Bärenfellmützen durch London zur Wachablösung laufen zu lassen?

LONDON, ENGLAND - AUGUST 31: Messages and photographs of Princess Diana are seen on the gate as fans of the Royal Family gather outside Kensington Palace to show their support on August 31, 2022 in London, England. Diana, Princess of Wales died on the night of August 31, 1997, when the car she was travelling in collided with the Pont de l'Alma tunnel in Paris, France. She was travelling with her partner Dodi Fayed who also died, as did the driver of the Mercedes Henri Paul.  (Photo by Leon Neal/Getty Images) *** BESTPIX ***

Fans ehren Prinzessin Diana an Todestag

Am 25. Jahrestag des Todes von Diana haben Anhänger der Prinzessin vor deren früherem Zuhause, dem Kensington-Palast in London, Blumen niedergelegt. Dort zu sehen waren weiße Chrysanthemen, die so arrangiert wurden, dass sie den Schriftzug „Princess Diana“ ergaben.

Der Tod Dianas

Bestand hatte das Haus Windsor dennoch – selbst in den sehr seltenen Phasen, die ernsthaft die Frage nach seinem Ende haben aufkommen lassen. Einen dieser Augenblicke erlebte Großbritannien im Sommer 1997 nach dem Tod von Prinzessin Diana. Queen Elizabeth II. wollte sich auch in diesem tragischen Fall streng an das Protokoll halten und weigerte sich über Tage, ihrer früheren Schwiegertochter ein Staatsbegräbnis zukommen zu lassen. Streng genommen war dies korrekt, gehörte Diana seit der Scheidung von Prinz Charles doch nicht mehr zum Königshaus. Längst wusste man, dass Elizabeth II. über die Eskapaden in der dramatischen Ehe der beiden alles andere als erfreut gewesen war und tief im Inneren wohl kaum den Wunsch verspürte, ihrer ungeliebten Ex-Schwiegertochter öffentlich eine Träne nachzuweinen. Sie verweilte beharrlich über Tage auf ihrem Sommersitz Balmoral in Schottland, während das Tor des Buckingham-Palastes in London zum Wallfahrtsort der trauernden Britinnen und Briten wurde und das Eingangstor in einem Meer aus Blumen versank.

Erst nach tagelangem Druck der Medien und auf Drängen der britischen Regierung entschied sich Elizabeth II. schließlich zu einem Kompromiss: Es gab eine Art Staatsbegräbnis, das nicht so genannt wurde. Geladen wurden überwiegend Künstler statt Staatschefs. Einen Moment, so schien es, war die britische Monarchie durch den tödlichen Unfall Dianas ins Wanken gekommen. Gekippt ist sie aber auch damals nicht. Mehr noch: Sie schien auf lange Sicht betrachtet gefestigter denn je.

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Das mag auch an einem Wandel liegen, den zum einen die Queen sich selbst, zu wesentlichen Teilen aber ihr Parlament in Westminster dem Königshaus insgesamt auferlegt hat. Hinter den Windsors verbirgt sich längst ein regelrechtes Wirtschaftsunternehmen. Zum Königshaus gehören zahlreiche Anwesen, neben dem Buckingham Palace in London auch Schloss Windsor, Sandringham Castle sowie Schloss Balmoral in Schottland. Das Crowne Estate, ein Sammelsurium an Immobilien, Land, Wäldern und anderen Anlagen wie der berühmten Ascot-Pferderennbahn, ist im Besitz der Krone und spielt Jahr für Jahr gut 250 Millionen Pfund in die Kassen des britischen Finanzministeriums. Im Gegenzug erhält das Königshaus lediglich 32 Millionen Pfund im Jahr für öffentliche und private Aufwendungen.

Kein Ende der Monarchie

Wohl nicht nur deswegen sind Rufe nach einem Ende der britischen Monarchie immer wieder schnell verhallt. Die Traumhochzeit von Prinz William und seiner Frau Kate haben Massen jubelnder Briten auf die Straßen getrieben – junge wie ältere. Stolz war nicht nur Queen Elizabeth II. über die drei Urenkel, die ihr diese Ehe bescherte – Prinz George, Prinzessin Charlotte und Prinz Louis. Das gesamte Vereinigte Königreich feierte jeden einzelnen Nachwuchs des Paares wie ihren eigenen.

Auch Elizabeths Sohn und Thronfolger Prinz Charles wurde im Laufe der Jahre selbst vom letzten Kritiker zugestanden, mit Camilla Parker Bowles endlich die Liebe seines Lebens gefunden zu haben. Mehr noch: Sein jahrzehntelanges Engagement für den Umwelt- und Klimaschutz wurde anfangs belächelt. Heute ist Charles damit selbst unter jungen Britinnen und Briten plötzlich auf eine Art „cool“ geworden. Schließlich predigte er vor Jahrzehnten das, wofür die Fridays-for-Future-Generation heute auf die Straßen geht. Bei der BBC trat er anlässlich eines Besuchs mal spontan als Wettermann vor die Kameras und spätestens mit seinem Auftritt bei einem Konzert zu Ehren des Platinjubiläums der Queen im Sommer 2022 glättete er sein bisweilen etwas steifes Image. Er begann seine Rede mit den Worten: „Your Majesty – Mummy!“ Trotz aller royalen Bräuche war Elizabeth in erster Linie immer noch eines: die Mutter von Charles und seinen Geschwistern. Umso größeren Anteil nahmen die Britinnen und Briten daran, als Charles beim Sommerurlaub der Queen auf Schloss Balmoral zuletzt täglich nach dem Rechten gesehen haben soll.

Das steckt hinter Williams und Kates Umzug

Prinz William und Herzogin Kate ziehen mit ihrer Familie in die Nähe der Queen-Residenz Schloss Windsor.

Wie professionell die Queen selbst in Familienangelegenheiten agierte, zeigte sich womöglich am besten im Umgang mit ihrem Enkel Harry: Es lässt sich bis heute für Außenstehende nur erahnen, was sie etwa von dessen Jugendeskapaden hielt – etwa jenen Bildern in der Boulevardpresse, die den jungen Harry 2005 leicht angetrunken in SS-Uniform mit einem Glas in der Hand bei einer Party zeigten. „Harry the Nazi“ titelte die „Sun“ damals neben einem fast seitengroßen Foto und die ganze Welt reagierte mit Empörung. Nie aber drang etwas über die Palastgrenzen hinaus, wie die Queen, die die Bombenanschläge der Nazis auf London noch selbst miterlebt hatte, die Lektüre aufnahm. Selbst auf Harrys späteren Abschied aus dem Königshaus und dessen Vorwürfe gegen die königliche Familie in einem Fernsehinterview mit US-Talkmasterin Oprah Winfrey ließ die Königin weitestgehend emotionsfrei verlauten: „Die ganze Familie ist traurig darüber, wie schwierig die vergangenen Jahre für Harry und Meghan gewesen sind.“

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Die „Firma“ findet Nachfolger

Für Elizabeth II. dürfte es die größte Genugtuung gewesen sein, um den Fortbestand des Königshauses zu wissen. Die „Firma“ wird das Haus Windsor in Palastkreisen genannt, und die Geschicke dieser Firma hatte die Queen in den vergangenen Jahren bereits in Teilen und Etappen auf ihre Nachfolger übertragen. Zuletzt rückte sie Charles verstärkt ins Rampenlicht, auch wenn dieser längst selbst das Rentenalter erreicht hatte. Doch Elizabeth wusste auch: Eine rechtzeitige Einbindung ihres Sohnes dürfte der beste Garant dafür sein, dass die „Firma“ auch weitere Generationen die Geschicke des Vereinigten Königreichs lenkt; dass die Tradition ihren Platz im Alltag der Britinnen und Briten behält. Einzelne große Auftritte absolvierte die Queen immer wieder selbst, etwa als sie im Sommer 2022 in London kurz vor der Eröffnung einer zu ihren Ehren Elizabeth Line genannten neuen U-Bahn-Linie nach Paddington fuhr. Doch immer wichtigere Tagesordnungspunkte übernahm Charles – etwa die jüngste Parlamentseröffnung.

Für eine ganze Weile werden sich die Britinnen und Briten, wird sich die ganze Welt, nun an ein England ohne eine Königin gewöhnen müssen. Ihr Konterfei wird noch eine Weile fortleben, auf Münzen, Geldscheinen und Briefmarken. Doch Großbritanniens Monarchie wird nun wieder von einem König bestimmt. Vergessen wird Elizabeth ganz sicher nicht, und nicht nur, weil ihr Alltag bereits zu Lebzeiten Stoff für eine erfolgreiche Netflix-Serie wurde, „The Crown“.

Elizabeth II. mag ihren Thron für immer verlassen haben. Ihr Lebenswerk aber wird ihre Nation noch sehr lange begleiten. Es scheint sicher: Neben dem viktorianischen und georgianischen Zeitalter und etlichen weiteren nach Monarchen bezeichneten Epochen dürfte eine weitere in die Geschichtsbücher einziehen: das elizabethanische Zeitalter. Die Nachkriegszeit und der Kalte Krieg prägten es, der Niedergang ihres Königreichs von einer Weltmacht zu einem modernen europäischen Staat. Vor allem aber eines: der Transformationsprozess in eine neue Form der Monarchie – mit medialer Wirkung und Vorbildfunktion.

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