Experte sieht Alarmsignale

Es ist viel zu trocken: „Faktisch haben wir bereits eine Wasserkrise“

Ein ausgetrockneter Weiher in Ebing in Bayern zeigt tiefe Risse. Die lang anhaltende Trockenheit hat vielerorts bereits Folgen.

Ein ausgetrockneter Weiher in Ebing in Bayern zeigt tiefe Risse. Die lang anhaltende Trockenheit hat vielerorts bereits Folgen.

Hannover. Nicht nur die zunehmenden Hitzetage, auch die ausbleibenden Niederschläge werden zum immer größeren Problem. Gemeinden und Landkreise sehen sich aufgrund der zunehmenden Trockenheit gezwungen, Verbote zur Wasserentnahme zu erlassen, eine Meldung reiht sich an die nächste: Vor drei Wochen rief die hessische Gemeinde Grävenwiesbach den Trinkwassernotstand aus. Die Stadt Königstein im Taunus erklärte bereits im Mai, dass das Wasser knapp werde.

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Seit Juni untersagen auch der baden-württembergische Landkreis Böblingen, Potsdam in Brandenburg und der thüringische Landkreis Altenburger Land, Wasser aus Oberflächengewässern zu entnehmen. Am Montag meldete der SWR, dass der Wasserstand von Rhein, Main und Neckar immer weiter sinke. Seit Tagen können die Frachtschiffe nicht mehr voll beladen auf dem Rhein fahren. Sind dies die Vorboten eines weiteren trockenen Sommers oder bereits ein Alarmsignal, dass das Wasser in Deutschland knapp werden könnte?

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„Die Hitzewelle kann den Effekt des fehlenden Niederschlages verstärken“

„Die Wasser­entnahme­verbote der Kommunen sind keine präventiven Maßnahmen mehr, sondern ein eindeutiges Alarmsignal“, sagt Michael Stölzle, Hydrologe an der Universität Freiburg. „Sie zeigen, dass eine normale Wassernutzung während intensiver Trocken- und Hitzeperioden nicht mehr stattfinden kann.“

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Am Beispiel Baden-Württembergs zeige sich, dass die Jahres­niederschlags­bilanz gleich geblieben sei, die Niederschläge verschieben sich jedoch vermehrt vom Sommer in den Winter, so Stölzle. Problematisch sei, dass über viele Jahre aufgrund mehrerer trockener Sommer in Folge weniger Wasser versickerte. Je nach regionalen hydrogeologischen Gegebenheiten bleibe der Grundwasserspiegel länger abgesenkt. „Hinter uns liegt eine lange niederschlagsfreie Periode, in der es kaum geregnet hat. Hinzu kommt, dass die Hitzewelle den Effekt des fehlenden Niederschlages verstärken kann“, so Stölzle.

Dieser März war der vierttrockenste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen

Bereits dieses Frühjahr begann mit einem deutlich zu trockenen März, teilt das Bundesumweltamt mit. Der März sei nach dem in den Jahren 1929, 1953 und 2012 der vierttrockenste seit Beginn der Wetter­aufzeichnungen 1881 gewesen. Mitte April begann in Brandenburg bereits der Wasserverband Strausberg-Erkner damit, den Wasserverbrauch von Privathaushalten zu deckeln. Zuziehende dürfen dort pro Tag und Person nicht mehr als 105 Liter verbrauchen. Das ist deutlich weniger als der bisherige Durchschnitt von 175 Litern. Auch im Juni fielen im deutschlandweiten Mittel 25 Prozent zu wenig Niederschlag.

„Faktisch haben wir bereits eine Wasserkrise, weil wir nicht mehr nachhaltig Wasser entnehmen können“, sagt Stölzle. Nachhaltig bedeute, dass sich die Wasserentnahme und die Neubildung von Grundwasser die Waage halten. Doch derzeit würden mehr Mengen entnommen als sich neu bilden. Manche Grundwasserspeicher hätten eine lange Regenerationszeit nach schweren Dürreereignissen. Maßnahmen seien dann langfristig zu sehen – „beispielsweise durch weniger Versiegelung mehr Wasser dauerhaft versickern zu lassen“.

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Ein Anhaltspunkt dafür, wie es um die Wasserversorgung steht, ist die Bodenfeuchte – einen Überblick darüber gibt der Bodenfeuchteviewer des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Im Mittelpunkt steht hierbei nicht der Dürregrad, sondern wie viel Wasser im Boden gespeichert und für Pflanzen nutzbar ist. Der Fachbegriff hierfür ist die nutzbare Feldkapazität (nFK), die in Prozent angegeben wird. Niedrige nFK-Werte bedeuten dabei nicht, dass kein Wasser mehr in der Erde enthalten ist – sondern nur, dass die Feuchtigkeit so gering ist, dass die Pflanzen es nicht mehr schaffen, dieses aus der Erde herauszuziehen. Der nFK-Wert gibt Auskunft darüber, wann ein Vertrocknen der Pflanzen droht. „Sinkt die nFK in den oberen 60 Zentimetern auf 40 bis 50 Prozent, geraten Pflanzen bereits in leichten Trockenstress. Ab 20 bis 30 Prozent nFK drohen stärkere Auswirkungen auf die Pflanzen, bei null Prozent ist der Welkpunkt erreicht“, sagt Andreas Brömser, Agrarmeteorologe beim DWD.

Aktuell ist die Lage besorgniserregend: „Im Oberboden zeigt sich fast in ganz Deutschland flächendeckend Trocken­stress, teilweise extremer Trocken­stress“, schreibt das Umweltbundesamt in einer aktuellen Veröffentlichung zum Thema Trockenheit. Die Folgen der Trockenheit hätten sich in den letzten Jahren vor allem auf die Erträge der Landwirtschaft und auf Straßenbäume ausgewirkt. 2018 führten hohe Temperaturen und geringe Niederschläge zu besonders starken Ernteausfällen in Norddeutschland, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Teilen von Bayern. Einen Mangel an Trinkwasser gibt es nach Angaben des Umweltbundeamtes zurzeit aber noch nicht.

Schneeschmelze aus den Schweizer Alpen ist wichtiger Zufluss für den Rhein

Als eine maßgebliche Ursache für die Entwicklung sieht Stölzle den Klimawandel: „Als eine Folge des Klimawandels haben wir neben längeren niederschlagsfreien Perioden auch häufiger extreme Niederschlagsmengen. Von diesem Wasser kommt aber, insbesondere bei bereits trockenen Böden, nichts im Grundwasser an“, so der Hydrologe. „Die Wasserstände gehen stark zurück. Die Pflanzen kommen als Konsequenz an immer weniger Wasser und transpirieren bei höheren Temperaturen stärker.“

Als Folge des Klimawandels sei beispielsweise auch die Schneedecke in den Alpen in diesem Jahr geringer als in den vergangenen Jahren. Die Schnee­schmelze in der Schweiz sei aber ein wichtiger Zufluss für den Rhein. Dort komme nun nicht mehr so viel Schmelzwasser an und führe so in diesen Wochen und womöglich auch den weiteren Sommer über zu extremem Niedrigwasser, so Stölzle.

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Daher sei es entscheidend, langfristig den CO₂-Ausstoß zu verringern – „eine sehr bedeutende Ursache für fast alle negativen Effekte“. Sowohl Extremwetter als auch Trockenheit würden in den nächsten Jahren weiter zunehmen, prognostiziert Stölzle. Daher müsse die Politik proaktiv handeln und mit mehr Vehemenz den CO₂-Ausstoß verringern, um die Folgen des Klimawandels abzumildern. Angefangen von der Energiewende und dem Ausbau erneuerbarer Energien bis hin zu Tempolimit und strukturellen Änderungen beim Verkehr müssten klimafreundliche Maßnahmen mit weit mehr Intensität umgesetzt werden, sagt der Experte.

Für den Umgang mit Wasserknappheit brauche es zudem eine Priorisierung beim Verbrauch, eine effektive Nutzung sowie bessere Modelle, die anzeigen, wo es kritisch werde.

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