Schuldspruch nach 40 Jahren

Wenn ein Journalist die Arbeit der Polizei macht

Die 16-teilige Serie mit dem Titel „The Teacher‘s Pet“ („Die Lieblingsschülerin“) sammelte etliche Zeugenaussagen und Beweise, die die Polizei bei ihren Ermittlungen übersehen hatte (Symbolfoto).

Die 16-teilige Serie mit dem Titel „The Teacher‘s Pet“ („Die Lieblingsschülerin“) sammelte etliche Zeugenaussagen und Beweise, die die Polizei bei ihren Ermittlungen übersehen hatte (Symbolfoto).

Sydney. Seit Lynette Dawson vor 40 Jahren wie vom Erdboden verschwunden ist, zeigten viele immer wieder mit dem Finger auf ihren Ehemann. Obwohl nie eine Leiche oder eine Mordwaffe gefunden wurde, waren sich Familienmitglieder, Nachbarn, Freunde, Journalisten und ganz normale Bürger sicher: Die damals 33-jährige Mutter zweier Kinder wurde von ihrem Ehemann ermordet. Fast 40 Jahre blieb Chris Dawson jedoch auf freiem Fuß, bis er im Dezember 2018 plötzlich verhaftet wurde. Damals war der ehemalige professionelle Rugby-League-Spieler und Highschoollehrer 70 Jahre alt. Die Anklage lautete Mord an seiner Frau Lynette. Dawson selbst hat immer behauptet, dass er nicht an Lynettes Verschwinden beteiligt war.

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Diese Woche hat ein australischer Richter den inzwischen 74-Jährigen nun schuldig gesprochen. Er sei „zweifelsfrei“ davon überzeugt, dass es „die einzige rationale Schlussfolgerung“ sei, dass Lynette Dawson am oder um den 8. Januar 1982 gestorben sei und Chris Dawson dies verursacht habe. Dawson wurde in Untersuchungshaft genommen, ein Strafmaß wird zu einem späteren Zeitpunkt festgelegt.

Enormes Interesse in der Bevölkerung

Häusliche Gewalt ist leider keine Seltenheit in Australien. Im Durchschnitt stirbt jede Woche eine Frau in Australien auf gewaltsame Art und Weise, und die Täter sind meist Partner oder Ex-Partner. Nur selten gibt es Namen oder Fotos zu der traurigen Statistik. Dass Lynette Dawsons Fall auch 40 Jahre nach ihrem Verschwinden noch so prominent in den Medien und der Erinnerung der Bevölkerung ist, hat mit einem Podcast aus dem Jahr 2018 zu tun. Denn dieser machte den Fall weltweit berühmt: Die 16-teilige Serie mit dem Titel „The Teacher‘s Pet“ („Die Lieblingsschülerin“) sammelte etliche Zeugenaussagen und Beweise, die die Polizei bei ihren Ermittlungen übersehen hatte. Sie zog ihre Hörer aber wohl auch deswegen in den Bann, da bei dem Fall eine eher skandalöse Liebesaffäre mit im Spiel war.

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Lynette Dawson war zwischen dem 8. und 9. Januar 1982 in ihrem Haus in Sydney verschwunden. Ihr Ehemann meldete sie kurz danach als vermisst. Wenig später zog seine jugendliche Geliebte, die im Prozess als „JC“ bezeichnet wurde, in sein Haus. Die beiden heirateten später und hatten neben den Kindern aus Dawsons erster Ehe mit Lynette noch ein gemeinsames Kind. Als sich das Paar Jahre später jedoch trennte, gab „JC“ bei der Polizei an, dass sie glaube, ihr ehemaliger Ehemann habe Lynette ermordet. Die Polizei ermittelte bereits wieder, als besagter Podcast den Fall über Nacht auf die Weltbühne katapultierte: Rund 60 Millionen hörten sich den Real-Life-Krimi an, der das Verschwinden von Lynette Dawson nachskizzierte und dabei ihren Ehemann schwer belastete. So groß war das Interesse, das das Gericht keine Geschworenen mit einbezog, da davon ausgegangen werden musste, dass die Schöffen durch die große Medienaufmerksamkeit voreingenommen gewesen wären.

Keine Leiche, keine Waffe und trotzdem ein Täter

Die Anklage lautete, Dawson habe seine Frau Lynette ermordet, damit er eine ungestörte Beziehung zu „JC“ haben konnte. Letztere hatte der Lehrer kennengelernt, als sie gerade mal 16 Jahre alt und in der elften Klasse war. „JC“ war der Babysitter seiner Kinder gewesen und Lynette hatte bereits vermutet, dass das junge Mädchen und ihr Mann ein Verhältnis begonnen hatten. Doch Dawsons Verteidigerin argumentierte, dass es weder eine Waffe noch forensische oder wissenschaftliche Beweise für einen Mord gebe. Auch die Leiche von Lynette Dawson war nie gefunden worden. Trotzdem formulierte der Richter in seiner Urteilsverkündung diese Woche, dass er „zweifelsfrei“ davon überzeugt sei, dass Dawson der Täter sei. Als Begründung gab er die Lügen an, die Dawson seiner Meinung nach erzählt hatte.

„Was diesen Fall so interessant macht, ist, dass ein Journalist von ‚The Australian‘, Hedley Thomas, sich mit seinen eigenen Ermittlungen beschäftigt hat“, schrieb Rick Sarre, ein emeritierter Professor für Recht und Strafjustiz der University of South Australia, in einem Fachbeitrag für das akademische Magazin „The Conversation“. Thomas habe die polizeilichen Ermittlungen schwerst kritisiert und seine eigenen Beweise vorgelegt, die seiner Meinung nach eindeutig auf Dawsons Schuld hindeuteten. Um den Prozess nicht zu beeinträchtigen und potenzielle Zeugen der Staatsanwaltschaft nicht zu beeinflussen, wurde der Podcast 2019 schließlich offline genommen. Man fürchtete, dass Dawson kein faires Verfahren erhalten würde.

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Ein Sieg für den investigativen Journalismus?

Doch wie fair konnte das Verfahren nach dem Podcast und der enormen Medienaufmerksamkeit überhaupt noch werden? Beispielsweise wurden laut Sarre Gespräche, die Thomas aufgezeichnet hatte, im Prozess als Beweismittel aufgeführt. Letzteres waren journalistische Interviews, in denen die befragten Personen nicht die üblichen formellen Warnungen bezüglich ihrer Verwendung erhalten hatten, wie der Jurist erklärte. Außerdem hätten sich Polizisten, die an den Ermittlungen beteiligt waren, mit dem Journalisten zum Mittagessen getroffen – ein Vorgehen, das eher verpönt ist, nachdem die Polizei keine eigene Meinung über die Schuld oder Unschuld eines Angeklagten abgeben sollte.

„Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Journalist für eine Person kämpft, von der er glaubt, dass sie zu Unrecht verurteilt wurde“, schrieb Sarre. Es sei aber höchst ungewöhnlich, dass ein Journalist jemanden zu diesem Ausmaße beschuldige, dass die Fortsetzung eines Prozesses aufs Spiel gesetzt werden könnte, da kein faires Verfahren mehr möglich ist. Letzteres hatte die Verteidigung tatsächlich auch argumentiert, war damit jedoch nicht durchgekommen. In Sarres Augen ist der Schuldspruch letztendlich zu einem „klaren Sieg für hartnäckigen investigativen Journalismus“ geworden. Denn ohne den Podcast wäre vieles im Verborgenen geblieben.

Trotzdem ist das letzte Kapitel in dem australischen Krimi noch nicht geschrieben. Dawsons Anwälte haben nach dem Schuldspruch ihres Mandanten sofort Berufung eingelegt. Dabei wird die Rolle der Medien und die dortige Vorverurteilung Dawsons sicher erneut zur Sprache kommen.

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