Drei Suchaktionen mit „Happy End“

Wie die Lektionen aus dem Fall Maddie McCann Leben retten

Ein Vermisstenplakat mit der Aufschrift „Please help find our Madeleine“ an einer Litfaßsäule in Amsterdam (Archivbild).

Ein Vermisstenplakat mit der Aufschrift „Please help find our Madeleine“ an einer Litfaßsäule in Amsterdam (Archivbild).

Als die australische Polizei im November die kleine Cleo Smith nach drei Wochen aus den Fängen ihres Entführers befreite, ging die Nachricht um die Welt. Am Freitag feierte Australiens Polizei dann erneut einen Erfolg: Sie rettete ein vierjähriges Kind, das sich beim Spielen im tasmanischen Busch verlaufen hatte. Zwei Tage war Shayla Phillips vermisst gewesen, bevor die 100 Personen starke Suchmannschaft sie mit ein paar blauen Flecken, Kratzern und Mückenstichen entdeckte. Im September war nach einer ähnlich groß angelegten Aktion ein dreijähriger autistischer Junge gerettet worden. Auch er war mehrere Tagen im Busch vermisst gewesen.

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Dass diese drei Suchaktionen ein „Happy End“ hatten, ist in Teilen den Lektionen zu verdanken, die die Polizei weltweit aus den Ermittlungen im Fall Madeleine McCann gewonnen hat. Madeleine, die am 12. Mai 19 Jahre alt werden würde, war als Dreijährige nachts aus ihrem Hotelzimmer verschwunden. Die weltweite Suche nach ihr hat – obwohl sie bisher erfolglos war – wichtige Erkenntnisse dafür gebracht, wie die Polizei heute nach vermissten Kindern sucht.

Markante Fotos, die im Gedächtnis bleiben

Laut Xanthe Mallett, einer forensischen Anthropologin und Kriminologin von der University of Newcastle in Australien, ist eine Lehre beispielsweise, früh ein ausdrucksstarkes Foto des Kindes zu veröffentlichen. Das bekannteste Foto von Madeleine McCann zeigte ihr süßes Gesicht – mit einem etwas unordentlichen Bob-Haarschnitt und den großen blaugrünen Augen mit einem markanten braunen Fleck auf der rechten Seite. „Jeder, der das Bild sah, fühlte sich mit Maddies Geschichte verbunden und wollte wissen, was als Nächstes passieren würde“, hieß es in einer Analyse des australischen Fernsehsenders ABC, in der auch die Expertin Mallett zu Wort kam. „Das Ergebnis ist, dass das Verschwinden von Madeleine McCann zu einem der am häufigsten gemeldeten Fälle von vermissten Personen in der Geschichte geworden ist.“

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Australiens Polizei wendete diese Strategie erfolgreich bei Cleo Smith oder der eben erst geretteten Shayla Phillips an. Auch der seit 2014 als vermisst geltende William Tyrrell, der als Dreijähriger aus dem Garten seiner Pflegefamilie verschwand, ist nach wie vor ein Haushaltsname in Australien, nachdem die Polizei ein markantes Foto mit ihm in einem Spiderman-Anzug veröffentlichte.

<b>Das „perfekte Opfer“</b>

Eine weitere Lektion aus dem Fall „Maddie“ war, das zu definieren, was Kriminologen ein „perfektes Opfer“ nennen. Laut Mallett ist dies jemand, der in den Augen der Öffentlichkeit völlig schuldlos an seiner Situation ist und deswegen ein Gefühl der Dringlichkeit besteht, ihn zu finden. Die Geschichte eines kleinen Mädchens, das im Urlaub aus ihrem Bett im Hotelzimmer gerissen wurde, oder wie im Fall der kleinen Cleo aus ihrem Zelt, oder die Geschichte eines Kindes, das beim Spielen im Garten oder auf der elterlichen Farm plötzlich abhanden gekommen ist, passen in dieses Schema. „Natürlich sind alle Opfer unschuldig, aber leider neigen wir dazu, diese Idee zu bewerten“, sagte Mallett. Denn oftmals würde es bei Opfern durchaus heißen: „Na ja, wissen Sie, sie haben etwas Riskantes getan.“ Das perfekte Opfer sei dagegen jemand, der buchstäblich ohne eigenes Verschulden verletzt wurde. Der Verlust eines Kindes sei etwas, mit dem wir uns alle identifizieren könnten. Er reiche tief in die menschliche Psyche und lege existenzielle Ängste um Sicherheit und Überleben offen. „Wenn einem Kind etwas zugestoßen ist, erschüttert das meiner Meinung nach jeden“, sagte Mallett der ABC.

Eine dritte Lektion, die Ermittler vom McCann-Fall lernten, ist, mehrere Ermittlungsstrategien zu verfolgen. Dies war im Fall der kleinen Maddie nicht wirklich geschehen. So wurde die Ferienwohnung nicht ordnungsgemäß als möglicher Tatort für die Beweissicherung abgeriegelt. Auch potenziell entscheidende Hinweise auf einen Mann, der das Resort mit einem schlafenden Kind verlassen hatte, wurden nicht schnell genug weiterverfolgt. Je mehr Zeit verstrich, umso mehr sanken die Chancen, das Kind lebend zu finden. Denn die meisten entführten Kinder werden innerhalb von sechs Stunden nach ihrem Verschwinden getötet, wie Mallett weiß.

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<b>Mehrgleisig fahren</b>

Vom McCann-Fall hätten die Polizeibeamten gelernt, stets mehrere Ermittlungen gleichzeitig durchzuführen. Dazu gehört, eine Entführung in Betracht zu ziehen, ein Missgeschick oder einen Unfall anzudenken – also beispielsweise, dass das Kind von selbst weggewandert ist und sich verlaufen hat – oder dass etwas in der Familie passiert ist. Mehrgleisig zu fahren sei auch deswegen so wichtig, meinte Mallett, da die ersten 48 Stunden entscheidend seien, um ein vermisstes Kind lebend zu finden.

Diese Strategie mehrerer Ermittlungen war laut Mallett beispielsweise hilfreich, um Cleo Smith zu finden. Gleichzeitig sei auch das sehr frühe Angebot einer großen Belohnung eine weitere clevere Initiative gewesen. Letztere habe geholfen, Cleos Schicksal in der Öffentlichkeit präsent zu halten.

Die erfolgreiche Aufklärung des Falles von Cleo Smith war letztendlich eine der größten Erfolgsgeschichten der australischen Polizei. Nachdem sie 18 lange Tage vermisst war, entdeckte die Polizei sie schließlich in einem Haus im westaustralischen Carnarvon. Zuvor hatte ein 100-köpfiges Team Tausende von Fotos, Überwachungsvideos, Zeugenaussagen und Hinweise aus der Gemeinde durchkämmt. „Wir haben buchstäblich nach der Nadel im Heuhaufen gesucht und sie gefunden“, sagte der zuständige Polizeikommissar im Nachhinein.

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