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16 Jahre Merkel, ein Vulkanausbruch und die Geschichte eines Interviews

Trafen Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem neuen Büro: die RND-Journalistinnen Kristina Dunz (l.) und Eva Quadbeck.

Liebe Leserin, lieber Leser,

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als Angela Merkel am Nachmittag des 8. Dezember 2021 nach 16 Jahren „ihr“ Kanzleramt verließ, hatte sie es eilig. Die Amtsübergabe an Olaf Scholz dauerte nur halb so lange wie angekündigt. Die 67-Jährige hielt ihre Abschiedsrede kurz und ohne jedes Pathos.

Einer der scheinbar harmlosen Sätze war dieser: „Wer sich einmal ins Kanzleramt bewegt, der weiß, was Politik bedeutet, nämlich, dass man morgens, wenn man aufsteht und hier zum Dienst geht, nicht weiß, was bis zum Abend passieren wird.“

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Man weiß auch nicht, wann man überhaupt wieder nach Hause kommt, welche Erschütterung man aushalten oder wie hart man Entscheidungen treffen muss. Oder, ob man am Abend womöglich einem Rücktritt nahesteht.

Wir wollten seither immer wissen, wie Angela Merkel am Morgen des 9. Dezember aufgewacht ist. Mit dem Schrecken, vermeintlich verschlafen zu haben? Mit der Erleichterung, die tonnenschwere Verantwortung für mehr als 80 Millionen Menschen selbstbestimmt und geordnet abgegeben zu haben? Oder einfach nur mit dem Gefühl: Jetzt bin ich frei. Und wie schaut sie auf ihr neues Leben, wie auf Putins Krieg gegen die Ukraine und ihre eigene Politik gegenüber Russland?

Erlebnisreiche Dienstreise

In den 16 Jahren ihrer Kanzlerschaft haben Eva Quadbeck und ich unzählige Texte über Merkel geschrieben und sie auf vielen ihrer Auslandsreisen begleitet. 2010 war Merkels langjährige Büroleiterin Beate Baumann auf einer Dienstreise in die USA dabei. Das war jene Reise, bei der wir nicht auf direktem Weg nach Berlin zurückkamen, weil der Vulkan Eyjafjallajökull in Island ausgebrochen war und die Aschewolke den direkten Rückflug vernebelte.

Wir mussten nach Lissabon, weiter nach Rom, von dort in der Fahrzeugkolonne nach Bozen. Als dann auch noch der Reifen am Bus der Journalisten platzte, blieb Merkel in ihrer Limousine auf dem Pannenstreifen stehen und wartete. Frau Baumann rief: „Keiner wird zurückgelassen!“

Sie ist eine der sehr wenigen Menschen, auf die sich Angela Merkel zu 100 Prozent verlässt. Ein politischer Seismograph. Ihr vertraut Merkel blind. Wir hatten schon vor Merkels Abschied aus dem Kanzleramt ein Gespräch mit ihr in der Zeit danach angefragt und seither immer mal wieder an die Bitte erinnert. Am 9. Juni kam von Frau Baumann das Ja zum ersten „klassischen“ Interview seit Merkels Rückzug aus dem Kanzleramt.

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Am vergangenen Mittwoch waren wir in Merkels neuem Büro. Wie sie sich dort eingerichtet hat mit Affenbrotbaum und Schachfiguren können Sie hier lesen (+). Wir trafen auf die einst mächtigste Frau der Welt, die zum Ende ihrer Kanzlerschaft zutiefst erschöpft war und uns nun sichtlich erholt gegenüberstand.

Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel (Mitte) gemeinsam mit Kristina Dunz (l.) und Eva Quadbeck in Merkels neuem Büro.

Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel (Mitte) gemeinsam mit Kristina Dunz (l.) und Eva Quadbeck in Merkels neuem Büro.

Ihr in der Bundesrepublik bisher einmaliger selbstbestimmter und geordneter Übergang zu einem Nachfolger gibt ihr eine spürbare innere Zufriedenheit. Sie genießt es zu leben, wie sie es in 30 Jahren Politik nicht getan hat: Den Tag so zu verbringen, wie sie es will. Nicht wie es ein übervoller Terminkalender, nationale und internationale Zwänge erfordern.

In ihrer gesamten Kanzlerschaft hat sich Merkel nur einmal entschuldigt. Für das Wirrwarr um die Osterruhe in Corona-Zeiten. Dabei wird es wohl bleiben. Für ihre Russland-Politik wird sie sich nicht entschuldigen. Aber sie erklärt in unserem Interview, warum sie was entschieden hat – etwa die umstrittene Ostseepipeline Nordstream 2 bauen zu lassen.

Erstmals haben wir eine Angela Merkel erlebt, die nicht ungeduldig wurde, obwohl die vereinbarte Gesprächszeit schon überschritten war. Sie hatte einen Zeitpuffer bis zum nächsten Termin. Das neue Leben als Kanzlerin a.D.

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Und jetzt wissen wir auch, mit welchem Gefühl Merkel am 9. Dezember 2021 aufgewacht ist: „Jetzt bin ich frei.“ (+)

 

Bittere Wahrheit

Die Ukrainer sind bereit, für die europäische Perspektive zu sterben.

Ursula von der Leyen,

EU-Kommissionspräsidentin

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen

Den dramatischen Appell in kurzen klaren Sätzen konnte Ursula von der Leyen schon immer gut – auch damals in ihren wechselnden Ämtern als Bundesministerin. Mit diesem Ausspruch versucht sie allen 27 EU-Mitgliedstaaten einzuhämmern, dass der Status Beitrittskandidat zur EU für die Ukraine eine Existenzfrage ist. Von der Leyen muss nicht mehr alle überzeugen. Mit SPD-Kanzler Olaf Scholz zieht die CDU-Politikerin in dieser Frage schon länger an einem Strang. Dass sich aber alle EU-Mitgliedsstaaten beim Gipfel Ende der Woche darauf einlassen, die Ukraine tatsächlich zum Beitrittskandidaten zu küren, ist längst noch nicht ausgemacht.

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Wie unsere Leserinnen und Leser auf die Lage schauen

An dieser Stelle geben wir Ihnen das Wort:

Zur Reise von Kanzler Scholz in die Ukraine schreibt Mark Jehner aus Frankfurt:

„Wie fest stehen Scholz, Draghi und Macron zur Ukraine? Der Kreml wird wohl so lange Krieg führen, bis er ihn nicht mehr bezahlen kann oder bis ein militärisches Gleichgewicht durch Waffen aus dem Westen ihn aufhält. Deutschland und die EU sollten jetzt für beides sorgen und gleichzeitig auf Moskaus Grundproblem eingehen. Statt von den Menschen in der Ukraine grausame Kompromisse mit dem Aggressor zu fordern, müssen die Nato-Staaten ihrerseits Putins zentralen Vorwurf mit ihm verhandeln, sie würden Russland bedrohen. Nichts ist dafür so egal wie die Frage, ob solche Vorwürfe haltlos sind oder nicht. Je weniger man dem Autokraten vertrauen kann und je dringender man seinen Krieg stoppen muss, desto weniger führt ein Weg an einer neuen Verständigung mit dem Kreml über die Sicherheit in Europa vorbei.“

Scholz, Macron und Draghi fordern EU-Kandidatenstatus für Ukraine

Deutschland, Frankreich und Italien empfehlen einen EU-Kandidatenstaus für die Ukraine und Moldau.

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Zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts über Merkels Einmischung in die Thüringenwahl 2020 meint Karl Hahn aus Bad Salzungen:

„Laut Egon Bahr ist das Wahrzeichen einer echten Demokratie, dass Spielregeln bei Wahlen eingehalten werden. Man muss das Ergebnis auch dann akzeptieren, wenn es nicht zum eigenen Vorteil ausfällt. Eine Wahl ist also auch dann demokratisch, so der ehemalige Berater von Willy Brandt, wenn das Volk die radikale Hamas wählt. Gewählt ist gewählt. Im Jahre 2020 wurde der FDP-Politiker Kemmerich mit den Stimmen der FDP, CDU und AfD zum Thüringer Ministerpräsidenten gewählt.

Auf Betreiben der Bundeskanzlerin Frau Dr. Merkel trat er kurz darauf ab. ‚Das Ergebnis der Wahl muss rückgängig gemacht werden‘, erklärte sie öffentlich. Was wäre passiert, wenn man das Ergebnis der Wahl akzeptiert hätte – ein kurzes heilloses Durcheinander. Kemmerich wäre zwischen CDU und AfD zerrieben worden. Es hätte aber ein demokratisches Ende gefunden. Eigentlich hätte es einen Aufschrei aller Demokraten geben müssen: ‚Wehret den Anfängen‘, gab es aber nicht. Nur, wenn Orban oder Trump so gehandelt hätten, wäre es der Fall gewesen.“

Ex-Kanzlerin Merkel „respektiert“ Karlsruher Urteil zu AfD-Rechten

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hatte zuvor geurteilt, Merkel habe gegen den Grundsatz der Chancengleichheit der Parteien verstoßen.

Zu den versprochenen Waffenlieferungen von Kanzler Scholz an die Ukraine schreibt Wolf Grütter aus Hannover:

„Heftig ist der Bundeskanzler in der Vergangenheit immer wieder kritisiert worden wegen Ankündigung der Lieferung von schweren Waffen an die Ukraine, denen aber Wochen später noch keine Taten gefolgt sind. Jetzt überrascht der Kanzler im Bundestag mit der nächsten Ankündigung: Er will das Flugabwehrsystem Iris-T an die Ukraine liefern, das die Bundeswehr selber noch nicht besitzt. Geliefert werden muss von der Industrie, aber wann, darüber schwieg der Kanzler wie gewohnt. Ob im Oktober dieses Flugabwehrsystem aber seine Einsatzorte in der Ukraine überhaupt noch erreichen kann, ist angesichts der aktuellen gezielten russischen Angriffe auf ukrainische Bahntrassen allerdings mehr als fraglich. Auch Eva Quadbeck ist offenbar nicht voll überzeugt von den ‚Neuen Tönen vom Kanzler‘, denn sie stellt akribisch gegenüber, welche wesentlichen Punkte Scholz im Bundestag verschwieg!

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Das Autorenteam dieses Newsletters meldet sich am Dienstag wieder. Dann berichtet mein Kollege Markus Decker. Bis dahin!

Herzlich

Ihre Kristina Dunz

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