2021: Es könnte besser werden ...

Hannover. Es war in einer besonders dunklen Stunde dieser Pandemie. Anfang April fragte ein Reporter des italienischen Fernsehens eine junge Frau auf einer Straße in Bergamo, wie sie sich die Zukunft vorstellte. Die Italienerin zögerte nicht lange. Der Corona-Spuk, sagte sie, sei sicher bald vorbei. „Dann gibt es eine Explosion des Lebens. Im Sommer werden wir auf den Straßen tanzen.“

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Eine Explosion des Lebens? Darauf wartet die Welt bis heute.

Dann gibt es eine Explosion des Lebens. Im Sommer werden wir auf den Straßen tanzen.

Eine junge Italienerin Anfang April im italienischen Fernsehen.

Ja, rückblickend war der Sommer 2020 vielleicht entspannter als das Frühjahr davor und der Winter danach. Auf der Straße aber mochte auch im Sommer 2020 niemand tanzen.

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Pessimismus in Zeiten von Corona

Manche Erwartung an ein schnelles Ende der Corona-Pandemie war verfrüht. Und so starten die Deutschen nicht nur mit gemischten Gefühlen ins Jahr 2021, sondern auch mit einer gehörigen Portion Pessimismus.

Beunruhigend sind die Befunde, die die Demoskopen aus der „Generation Mitte“, der 30- bis 59-Jährigen, vorlegen. Hier sei der gewohnte Zukunftsoptimismus in der Corona-Pandemie „erdrutschartig verschwunden“. Diese Altersgruppe sei in ein Stimmungstief gerutscht, urteilen die Meinungsforscher vom Allensbach Institut.

Die „Generation Mitte“ gilt als Säule der Gesellschaft. Hier wird das Geld verdient, hier werden die Steuern gezahlt. Wer unter 60 Jahre alt ist, sollte die gesundheitlichen Folgen von Corona eigentlich nicht so sehr fürchten. Umso stärker aber schlagen in der „Generation Mitte“ die ökonomischen und auch psychologischen Folgen der Pandemie durch.

Am Schlimmsten fanden die Befragten in der Allensbach-Studie, dass für sie ein Ende des Corona-Spuks nicht absehbar sei: 70 Prozent nannten es „unerträglich“, dass es keine verlässliche Perspektive gebe – das wiege deutlich schwerer als die Einschränkungen im Alltag.

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Eine Krise ohne schnelle Lösung

Die Pandemie trifft bei den Leistungsträgern der Gesellschaft auf eine Generation, die gemeinhin ohne große ideologische Vorgaben mit Herausforderungen umgeht und die vor allem krisenerprobt ist. Ob Finanzkrise oder Flüchtlingskrise – der Ausnahmezustand in der Politik war schon fast normal. Für alle Krisen aber gab es zuletzt pragmatische und vor allem relativ schnelle Lösungen. Bei Corona ist das anders.

Die Großeltern und vielleicht auch die Mütter und Väter der „Generation Mitte“ kennen noch längere entbehrungsreiche Zeiten. Die heute 30- bis 59-Jährigen erfahren einen solchen Zustand mit Corona gerade zum ersten Mal. Für sie wird die Pandemie zu einer harten Geduldsprobe. Denn die „Explosion des Lebens“, die die junge Italienerin im vergangenen Frühjahr voraussagte, wird es wohl auch im Jahr 2021 nicht geben. Es gibt nicht den einen großen Knall, den einen entscheidenden Beschluss, der die Bedrohung durch das Virus aus der Welt schaffen wird.

Der Weg zurück zur Normalität führt über die Marathondistanz. Doch es spricht vieles dafür, dass wir im neuen Jahr dem Ziel zumindest ein großes Stück näherkommen.

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Beginn der Impfungen

Der entscheidende Schritt wurde zum Ende des vergangenen Jahres mit dem Start der Impfungen gemacht. Es ist eine medizinische Sensation, dass es nicht einmal zwölf Monate gedauert hat, bis ein wirksamer Impfstoff gegen Corona entwickelt wurde. Und es ist ein Signal mit einer unglaublich hohen psychologischen Bedeutung, dass noch vor dem Jahrestag des Ausrufens der Pandemie in vielen Ländern mit dem Impfen begonnen werden konnte. Das „Licht am Ende des Tunnels“, wie es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nennt, wird sichtbar.

Ein Medikament, das Corona wirkungsvoll bekämpft, dürfte es in absehbarer Zeit nicht geben. Das Impfen ist daher die einzige wirklich erfolgversprechende Möglichkeit, dieses Virus auszurotten und den ewigen Wechsel zwischen Lockdown und Lockerung zu beenden.

Ja, auch das Impfen braucht seine Zeit – und, ja, es wird sicher noch viele Monate dauern, bis die „Generation Mitte“ beim rettenden Piks an der Reihe ist. Vielleicht ist es sogar erst gegen Ende des Jahres soweit. Aber beim Marathon ist es hilfreich, auch einzelne Wegmarken als Erfolg zu feiern. Wenn alle ihre Lektion aus dem Katastrophenjahr 2020 gelernt haben, dann gehen wir jetzt etwas demütiger an den Start und dosieren unsere Erwartungen auf ein realistisches Maß.

Ein Neustart in der Krise

Erst nach einem harten Winter, so viel ist klar, wird sich die Lage etwas entspannen. Noch vor dem Frühjahr aber wird es zentrale politische Entscheidungen geben müssen: Wie gelingt es, immer neue Unterbrechungen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens zu verhindern? Können wir weiter auf Sicht durch die Krise steuern oder brauchen wir doch eine umfassende Strategie?

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Eine große Gruppe von Wissenschaftlern fordert zum Jahreswechsel, das Leben in ganz Europa so weit und so lange herunterzufahren, bis die Infektionen auf ein Minimum gesunken sind. Das wäre tatsächlich so etwas wie ein Neustart in der Krise. Aber es ist kaum vorstellbar, dass die Politik die Kraft zu dieser Entscheidung findet. Und dass ein solch radikaler Schritt in ganz Europa die Akzeptanz in einer schon reichlich zermürbten Bevölkerung finden würde.

Es bleibt also vorerst bei der Hoffnung auf den Stimmungsumschwung im Frühjahr und Sommer. Je mehr Menschen über 80 Jahre und je mehr Bewohner von Seniorenheimen geimpft sind, desto beherrschbarer dürfte die Lage auf den Intensivstationen in den Kliniken werden.

Können wir also in diesen Sommerferien wieder ganz normal verreisen? Gibt es wieder Entspannung an Mittelmeerstränden, Städtetrips in ganz Europa oder gar spannende Entdeckungen an fernen Zielen? Selbst die Reisebranche, die vor dem Kollaps steht, mag das im Augenblick nicht versprechen. Manches spricht aber dafür, dass alle Beteiligten aus dem vergangenen Sommer gelernt haben und Möglichkeiten eröffnen werden, unbeschwert Urlaub zu machen.

Was, wenn Drosten recht behält?

Was aber ist, wenn der Virologe Christian Drosten recht behält und sich im Sommer im hohen Maß die Jungen infizieren? Sie könnten von der Sorge befreit sein, die Eltern oder Großeltern anzustecken, sie sind aber besonders mobil und damit auch anfällig für das Virus. Was ist also, wenn im Sommer aus den Intensivstationen eine Häufung von schweren Verläufen bei jungen Leuten gemeldet wird? Das Virus wird uns immer wieder vor neue Herausforderungen stellen. Wird Corona neue, vielleicht noch gefährlichere Mutationen ausbilden? Können Geimpfte weiter Überträger der Krankheit sein? Gibt es doch noch schwere Nebenwirkungen der Impfung?

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Die Politik wird weiter mit allen Mitteln reagieren müssen – auch wenn diese für einen freiheitlichen demokratischen Staat eigentlich eine Zumutung sind. Und sie wird sich mehr erklären müssen, wenn die Akzeptanz für immer neue Corona-Regeln in der Bevölkerung nicht weiter schwinden soll. Die Rahmenbedingungen für die Debatte wird sich deutlich verändern: 2021 ist ein Superwahljahr.

Das Superwahljahr 2021

Neben allein sechs Landtagswahlen wird im September der Bundestag neu gewählt. Ein solches Wahljahr ist vielleicht die beste Antwort auf jene Leute, die glauben, dass Deutschland entweder von fremden Mächten oder von Virologen beherrscht wird. Ob aber ein Wahlkampf in Pandemiezeiten wirklich beherrschbar bleibt, wird eine der spannenden politischen Fragen in diesem Jahr sein.

Zwar gibt es auch in Deutschland eine zunehmende Polarisierung in den Debatten. Von jener dramatischen Spaltung der Gesellschaft, die bei der US-Wahl offen zu Tage getreten ist, bleibt Deutschland aber bislang verschont. Die AfD will alles daran setzten, dies im Wahlkampf zu ändern. Nicht nur die „Generation Mitte“ ist gefordert, dagegenzuhalten.

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Dann könnte der Wahlkampf auch zu einer Rückkehr der Politik im positiven Sinne führen: Weg von einer Auflistung von Fallzahlen und Inzidenzen, hin zu der Frage, wie unser Gesundheitswesen gestaltet werden muss, um eine Pandemie besser zu überstehen. Mit Kliniken, die eben keine Gewinne erwirtschaften müssen. Und mit Pflegerinnen und Pflegern, die für ihren schweren Job eben mehr als nur einen höflichen Applaus bekommen.

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