„Bilanz des Schreckens“: Missbrauchsgutachten belastet Papst Benedikt schwer - Hunderte Opfer

München. Eine neue Studie zu sexuellem Missbrauch im katholischen Erzbistum München und Freising listet mindestens 497 Opfer auf. 60 Prozent der Fälle hatten Kinder zwischen 8 und 14 Jahren zum Opfer. Dabei handele es sich überwiegend um männliche Kinder und Jugendliche im Zeitraum zwischen 1945 und 2019, teilte die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) am Donnerstag in München mit. Sie hatte das Gutachten im Auftrag der Erzdiözese erstellt.

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Livestream: Kardinal Marx äußert sich zum Missbrauchsskandal

Mindestens 235 mutmaßliche Täter gab es laut der Studie - darunter 173 Priester und 9 Diakone. 40 Kleriker seien ungeachtet dessen wieder in der Seelsorge tätig gewesen beziehungsweise dies sei geduldet worden. Bei 18 davon erfolgte dies sogar nach „einschlägiger Verurteilung“. Insgesamt seien bei 43 Klerikern „gebotene Maßnahmen mit Sanktionscharakter“ unterblieben. Allerdings sei dies nur das sogenannte Hellfeld. Es sei von einer deutlich größeren Dunkelziffer auszugehen, sagte Martin Pusch von der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW).

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Der emeritierter Papst Benedikt XVI. wird im Gutachten besonders in vier Fällen belastet. Zwei Fälle betreffen von staatlichen Gerichten verurteilte Missbrauchstäter, die als Priester weiter in der Seelsorge tätig sein durften aus der Amtszeit Benedikts als Erzbischof von München zwischen 1977 und 1981, wie der Rechtsanwalt Martin Pusch am Donnerstag bei der Vorstellung des Gutachtens in München mitteilte.

Marx mit Fehlverhalten in Umgang mit zwei Verdachtsfällen

Kritiker werfen Ratzinger schon seit geraumer Zeit Fehlverhalten vor - konkret beim Umgang mit einem Priester aus Nordrhein-Westfalen. Der Mann soll vielfach Jungen missbraucht haben und wurde zur Amtszeit Ratzingers aus NRW nach Bayern versetzt, wo er rechtskräftig wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde und immer wieder rückfällig geworden sein soll.

Allein dieser Fall macht 370 Seiten des insgesamt mehr als 1700 Seiten starken, vom heutigen Erzbischof Kardinal Reinhard Marx in Auftrag gegebenen Gutachtens aus. Marx selbst halten die Anwälte Fehlverhalten im Umgang mit zwei Verdachtsfällen von sexuellem Missbrauch vor. Es gehe dabei um Meldungen an die Glaubenskongregation in Rom. Marx war bei der Vorstellung nicht anwesend.

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Auch Ratzingers direktem Nachfolger als Münchner Erzbischof, Kardinal Friedrich Wetter, wirft das Gutachten, das den Zeitraum zwischen 1945 und 2019 untersucht hat, Fehlverhalten in 21 Fällen vor. Wetter habe die Fälle zwar nicht bestritten, ein Fehlverhalten seinerseits aber schon, sagte Pusch. Sein Kollege, der Anwalt Ulrich Wastl, sprach von einer „Bilanz des Schreckens“.

Katsch: Kirche kein Rechtsstaat, sondern eine „Monarchie“

Auch in jüngster Zeit habe kein „Paradigmenwechsel“ mit dem Fokus auf die Betroffenen stattgefunden, sagte Pusch. „Bis in die jüngste Vergangenheit und teils auch heute noch begegnen Geschädigte Hürden.“ Ein aktives Zugehen auf die Opfer gebe es nicht. Die „Wahrnehmung der Geschädigtenbelange“ sei „auch nach 2010 unzulänglich“. Pusch sieht ein „generelles Geheimhaltungsinteresse“ und den „Wunsch, die Institution Kirche zu schützen“.

Der Sprecher der Betroffenenvereinigung „Eckiger Tisch“, Matthias Katsch, fordert eine internationale Aufarbeitung kirchlicher Missbrauchsfälle. Im phoenix-Interview erklärte er, auch in Frankreich, Großbritannien und den USA würden derzeit viele solcher Vergehen untersucht. Man müsse daher den Vatikan in den Blick nehmen - denn die Kirche sei kein Rechtsstaat, sondern eine „Monarchie“, in der es an Verantwortung mangle, so Katsch. Der Papst setze sich über seine eigenen Gesetze hinweg, entscheide über das, was untersucht werde und über die Konsequenzen für die Täter. Eine internationale Untersuchung sei daher dringend notwendig.

Eigentlich sollte das 1.600 Seiten starke Gutachten bereits im vergangenen Jahr erscheinen, die Veröffentlichung wurde aber wegen neuer Erkenntnisse auf Januar verschoben. Der Münchner Erzbischof Marx will sich am Donnerstagnachmittag erstmals zu der Vorstellung äußern.

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RND/fw/epd/dpa

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