„Mission überwiegend erfüllt“

Auszug aus der Downing Street: Das schwierige Erbe des Boris Johnson

Der Mann aus der Downing Street: Was bleibt aus der Amtszeit von Boris Johnson?

Der Mann aus der Downing Street: Was bleibt aus der Amtszeit von Boris Johnson?

London. Vor einigen Tagen fuhren Umzugswagen vor der Downing Street Nummer 10 vor, um die Habseligkeiten des Nochpremierministers Boris Johnson abzuholen. Dieser darf bis zu seinem endgültigen Auszug Anfang September jene Möbel mitnehmen, die er im Rahmen einer umstrittenen Renovierung seit 2020 selbst bezahlt hat – darunter auch goldene Tapeten im Wert von umgerechnet rund 980 Euro pro Rolle. Ein Nutzer auf Twitter scherzte, dass eine Organisation zum Schutz von Kulturgütern Interesse an dem Wandschmuck habe. Schließlich sei sie ein Beispiel für den „Narzissmus und die Wahnhaftigkeit der Eliten der 2020er-Jahre“.

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Tatsächlich steht die Tapete fast sinnbildlich für Johnson, seinen opulenten Lebensstil, dafür, dass er schon als Kind „König der Welt“ werden wollte. Noch kurz vor seinem Sturz Anfang Juli hatte er angekündigt, für weitere zehn Jahre im Amt zu bleiben. Zu einer Zeit, als er die konservative Partei durch seinen von Lügen, Halbwahrheiten und leeren Versprechungen geprägten Führungsstil längst nachhaltig geschädigt hatte. Zerstörtes Vertrauen in die Demokratie ist damit eines der Vermächtnisse eines Premierministers, der Großbritannien polarisiert wie kein Zweiter. Doch was bleibt von seiner nur drei Jahre dauernden Amtszeit?

Der Brexit-Premierminister

„Sein Vermächtnis ist der Brexit“, sagte Steven Fielding, Politologe an der University of Nottingham. „Das kann man ihm nicht nehmen.“

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Tatsächlich hat Johnson durch seine Unterstützung für die „Leave-Kampagne“ maßgeblich dazu beigetragen, dass eine Mehrheit der Briten im Jahr 2016 für den Austritt aus der EU stimmte. 2019 brachte er der konservativen Partei mit seinem Versprechen, den Brexit nach jahrelangen Streitereien und zähen Verhandlungen durchzuboxen, einen Erdrutschsieg ein und führte das Land im darauffolgenden Jahr aus der Europäischen Union. Offen bleibt laut Fielding, „ob dies gut oder schlecht ist“. Denn die Scheidung von der EU fühle sich noch lange nicht „erledigt“ an. Neue Zoll- und Regulierungsschranken behindern den Handel zwischen Großbritannien und den 27 EU-Staaten. Das von Johnson und anderen Befürwortern gegebene Versprechen, dass die Wirtschaft dynamischer wird, indem man belastende Regeln über Bord wirft, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil: Die Beziehung zur EU hat sich durch den Streit über das Nordirland-Protokoll weiter verschlechtert.

In die Geschichtsbücher wird Johnson auch als derjenige Premierminister eingehen, der während der Pandemie regiert hat und im April 2020 selbst schwer an Covid-19 erkrankte. Laut Victoria Honeyman, Politologin an der University of Leeds, liege die Bilanz der Pandemie in Großbritannien „im Auge des Betrachters“. So verzeichnete das Land einerseits die mit höchsten Todeszahlen in Europa, auch weil die Regierung zunächst zögerte, im Frühjahr 2020 einen ersten Lockdown zu verhängen. Gleichzeitig wird das britische Impfprogramm wegen seiner Effizienz von vielen Britinnen und Briten als großer Erfolg angesehen.

 News Themen der Woche KW28 220713 -- LONDON, July 13, 2022 -- British Prime Minister Boris Johnson leaves 10 Downing Street for Prime Minister s Questions in London, Britain, July 13, 2022. Boris Johnson resigned as British prime minister and the leader of the Conservative Party in a statement to the country on July 7. The new prime minister of the United Kingdom UK replacing incumbent Boris Johnson will be announced on September 5, said Graham Brady, chairman of the Conservative Party s backbench 1922 Committee, on Monday. Photo by /Xinhua BRITAIN-LONDON-BORIS JOHNSON-PMQ TimxIreland PUBLICATIONxNOTxINxCHN

Warum hängt das Land nach wie vor an Johnson?

In weniger als drei Wochen wird in Großbritannien der neue Premierminister gewählt. Zwei Kandidaten sind im Rennen um die Nachfolge von Boris Johnson – doch Euphorie lösen sie bei den Konservativen nicht aus. Wie ist die Stimmung im Land?

Plant Johnson ein Comeback?

Johnson selbst jedenfalls hat sein Urteil über seine eigene Amtszeit schon gefällt. Er sagte anlässlich seines letzten Auftritts im Parlament im Juli, dass er seine „Mission überwiegend erfüllt“ habe, rühmte sich noch einmal für die Unterstützung der Ukraine im Vorfeld und während des Krieges gegen Russland und schloss mit dem Satz: „Hasta la vista Baby“, „auf Wiedersehen“. Plant Johnson womöglich ein politisches Comeback? Rory Stewart, einst Abgeordneter der Tories, hält seine Rückkehr für möglich. Anhänger bekräftigten Johnson darin, wiederzukommen, sogar ein Misstrauensvotum gegen Liz Truss sei im Gespräch, die ihm wohl in der Downing Street nachfolgen wird. Nur wenige Wochen nach seinem Sturz macht sich offenbar Abschiedsschmerz breit, trotz allem.

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Jetzt aber muss Johnson wohl erst einmal Geld verdienen, um seine große Familie zu finanzieren. Schließlich hat er mit seiner dritten Frau Carrie zwei und aus seiner zweiten Ehe sowie einer Affäre fünf weitere Kinder. So verhandelt er offenbar mit Verlegern über ein Buch, welches auf seinen Erinnerungen an seine Zeit in der Downing Street basieren soll. Experten glauben, dass er darüber hinaus Reden halten wird. Verlangen könne er pro Auftritt umgerechnet wohl 290.000 Euro.

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