Bundestag: Wie „ein jüdisches Mädel“ aus Baden an den Holocaust erinnert

Inge Auerbacher, Überlebende des Holocaust, wird im Anschluss an ihrer Rede im Bundestag von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier umarmt.

Inge Auerbacher, Überlebende des Holocaust, wird im Anschluss an ihrer Rede im Bundestag von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier umarmt.

Berlin. Am Ende ihrer Rede sank die Holocaustüberlebende dem israelischen Parlamentspräsidenten in die Arme. Nachdem dieser gesprochen hatte, wiederholte sich die Szene – nur umgekehrt. Inge Auerbacher und Mickey Levy waren die zentralen Akteure des Holocaustgedenkens am Donnerstag im Bundestag, das der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 77 Jahren gewidmet war.

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Zunächst sprach Bundestagspräsidentin Bärbel Bas. Sie erinnerte an die Wannseekonferenz und die dort beschlossene „Endlösung der Judenfrage“, der sechs Millionen Juden zum Opfer fielen. „Die Wannseekonferenz steht für einen Staat, in dem Unrecht zu Recht wurde“, sagte die SPD-Politikerin.

„Der Antisemitismus ist da“

Sie kam aber nicht minder klar auf das Heute zu sprechen. „Der Antisemitismus ist da“, sagte Bas. „Er findet sich nicht nur am äußersten Rand. Er ist ein Problem unserer Gesellschaft, der ganzen Gesellschaft.“ Und dieser Antisemitismus sei nicht hinnehmbar – „egal, wie er sich äußert, egal, wo er herkommt“. So offenbart eine aktuelle Studie, dass jeder dritte junge Mensch in Deutschland antisemitisch denkt – und jeder fünfte Erwachsene.

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Eine, die anders als viele Opfer noch lebt, ist die besagte Inge Auerbacher. Sie ist in ihren eigenen Worten „ein jüdisches Mädel“ aus dem badischen Dorf Kippenheim und kam mit sieben Jahren in das Konzentrationslager Theresienstadt. Die 87-Jährige, die bald nach Kriegsende mit ihren Eltern nach New York emigrierte, erwähnte ihren Vater, der im Ersten Weltkrieg kämpfte, dafür mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde – und dennoch der Verfolgung durch die Nationalsozialisten nicht entging.

Sie schilderte auch die eigene Diskriminierung in der Schule – und die Deportation nach Theresienstadt, wo „ein faul riechender Abfallhaufen“ zum Spielplatz wurde. „Die wichtigsten Worte für uns waren: Brot, Suppe, Kartoffeln“, sagte Auerbacher.

Sie verlor 20 Familienangehörige durch die Nazis, litt nach drei Jahren Theresienstadt vier Jahre lang an Tuberkulose, „durfte nie ein Brautkleid tragen“, blieb kinderlos – und sagte nach 38-jähriger Tätigkeit als Chemikerin trotz alledem: „Ich bin glücklich, die Kinder der Welt sind meine.“ Die Krankheit des Antisemitismus allerdings müsse „so schnell wie möglich geheilt werden“.

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Schließlich war Mickey Levy an der Reihe, Präsident der Knesset und „stolz, den einzigen jüdisch-demokratischen Staat zu vertreten“. Er sprach von „sechs Millionen Geschichten von Leben, die hätten sein können“, und lobte Deutschland und Israel. Zwar existierten „Wunden, für die es nie Heilung geben wird“. Doch beiden Nationen sei es „gelungen, sich aus dem nationalhistorischen Trauma zu erheben“.

„Grenzen des Bösen gedehnt“

Den Reichstag nannte der israelische Gast den „Ort, wo die Menschheit die Grenzen des Bösen gedehnt hat“, und fuhr fort: „Und nun erfahren wir hier, in den Mauern dieses Hauses – stummer Zeuge aus Stahl und Stein – wieder die Zerbrechlichkeit der Demokratie, und wir werden wieder an die Pflicht erinnert, sie zu schützen.“

Levy sagte noch: „Die Mahnung des Holocaust lautet: Nie wieder!“ Am Schluss begann er zu weinen.

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