Börsenplus sorgt für Spekulationen

Lockert China bald seine strikte Null-Covid-Politik?

Arbeiter des Gesundheitswesens tragen klappbare Stühle auf dem Weg zu einem abgesperrten Wohnkomplex. China hält an seiner Null-Covid-Strategie mit Abriegelungen und anderen Beschränkungen fest – bislang.

Arbeiter des Gesundheitswesens tragen klappbare Stühle auf dem Weg zu einem abgesperrten Wohnkomplex. China hält an seiner Null-Covid-Strategie mit Abriegelungen und anderen Beschränkungen fest – bislang.

Peking. Seit Frühjahr stolperte Chinas Volkswirtschaft fast im Wochentakt von einer Hiobsbotschaft zur nächsten. Umso erstaunlicher ist nun die stolze Erholung der Märkte von Dienstag: Der Hongkonger Hang Seng Index ist um satte 5,2 Prozent gestiegen, die Aktien an der Börse in Shanghai schlossen immerhin mit einem Plus von 2,6 Prozent ab.

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Der Grund für die Euphorie ist dabei noch deutlich spektakulärer als die Tagesgewinne selbst: Etliche renommierte Experten teilten auf den sozialen Medien, dass Chinas Parteiführung über eine baldige Abkehr der rigiden Null-Covid-Politik debattieren würde. Henry Gao, Professor für Rechtswissenschaften an der Singapore Management University, wird auf seinem Twitter-Account konkret: „Wang Huning (Mitglied im ständigen Ausschuss des Politbüros, Anm. d. Red.) hielt am Wochenende ein Treffen mit Covid-Experten ab, um die Öffnung Chinas bis kommenden März zu erörtern.“ Eine Quelle lieferte Gao zwar nicht mit, doch er versicherte: Die offizielle Bestätigung werde schon bald erfolgen.

Noch keine Bestätigung aus Peking – aber auch kein Dementi

Im Pekinger Außenministerium gibt man sich bislang zumindest unwissend. „Mir ist die von Ihnen erwähnte Situation nicht bekannt“, antwortete Sprecher Zhao Lijian auf die Frage eines Journalisten, der sich über die Echtheit der Gerüchte erkundigen wollte. Bemerkenswert ist, dass Zhaos Stellungnahme keine explizite Widerlegung der Theorie ist.

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Nüchtern betrachtet wäre eine rasche Öffnung des Reichs der Mitte allerdings eine regelrechte Sensation. Schließlich hat Landesvorsitzender Xi Jinping erst kürzlich beim 20. Parteitag in Peking die pandemische Nulltoleranzpolitik weiter zementiert. Doch wer die Eröffnungsrede Xis genauer durchliest, stellt jedoch auch fest, dass sämtliche Referenzen zu Null Covid sehr vage gehalten sind und großen Spielraum für Interpretationen lassen. Es wird beispielsweise kein Zeitplan genannt, wie lange man an den Maßnahmen noch festhalten wolle.

Ökonomische Probleme durch den Lockdown immer größer

Und Fakt ist: Die ökonomischen Schmerzen der Lockdowns werden immer massiver. An der rekordhohen Jugendarbeitslosigkeit von 20 Prozent lässt sich dies ablesen, am massiven Ausverkauf chinesischer Aktien der letzten Monate oder aber auch am massiv eingebrochenen Binnenkonsum. Doch es reicht im Grunde, bloß mit offenen Augen durch Pekings Straßen zu ziehen: Viele der Shoppingmalls werden immer leerer, die Schlangen vor den PCR-Testzentren hingegen immer länger.

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Viele Experten, darunter auch Jörg Wuttke von der europäischen Handelskammer in Peking, gehen bislang nicht von einer Öffnung der chinesischen Grenzen vor Spätsommer 2023 aus. Denn ein gutes Dreivierteljahr würde in etwa eine erfolgreiche Impfkampagne dauern, die notwendig wäre, um die vulnerablen Bevölkerungsgruppen zu boostern. Bislang jedoch gibt es keinerlei Anzeichen für eine solch forcierte Impfkampagne, da sämtliche Ressourcen in die täglichen Massentests fließen.

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Noch keine Anzeichen für forcierte Impfkampagne

Doch natürlich könnte schlussendlich auch das Virus selbst die Entscheidung übernehmen: Denn trotz der raschen, zielgerichteten und radikalen Null-Covid-Maßnahmen breitet sich der Erreger derzeit an immer mehr Orten gleichzeitig aus. Wer die einzelnen Infektionsstränge auf der Landkarte anschaut, findet kaum mehr weiße Flecken, die covidfrei sind.

Wenn am Dienstag also die Behörden rund 2600 Fälle melden, mag dies auf den ersten Blick zwar nach wenig klingen. Doch es war tatsächlich Chinas größter Tagesanstieg von Infektionen seit knapp drei Monaten. Die Situation könnte jederzeit kippen.

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Und an jedem einzelnen Infektionsfall hängt derzeit ein endloser Rattenschwanz, wie der Fall von Disneyland Shanghai belegt: Nachdem eine Person, die den dortigen Vergnügungspark besucht hatte, später positiv auf das Virus testete, wurden umgehend 706 Erstkontakte und 141 Kontakte zweiten Grades in Quarantänezentren verfrachtet. Der Park musste ebenfalls schließen. Nachhaltig ist eine solche Strategie langfristig offensichtlich nicht.

Allianz-Manager ruft zur Investition in chinesische Tourismusaktien auf

Dass China möglicherweise rascher lockert als erwartet, ist dabei keine ganz neue Idee. Die globale Vermögensverwaltung des Allianz-Konzerns sorgte bereits Ende Oktober für Aufsehen, als ein leitender Manager in einem Interview mit Bloomberg öffentlich dazu aufrief, nun verstärkt in chinesische Tourismusaktien zu investieren. Schließlich glaube man an eine Öffnung des Landes bis zum nächsten Frühjahr. „Zu diesem Zeitpunkt ist dies immer noch eine konträre Entscheidung, da die Erwartungen des Markts für eine Wiedereröffnung sinken“, sagte der in Hongkong ansässige Allianz-Manager Anthony Wong: „Aber wir glauben, dass es irgendwann passieren wird, und hoffentlich innerhalb der nächsten sechs Monate.“

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Bereits wenige Tage zuvor berichtete ebenfalls Bloomberg unter Berufung auf Regierungskreise, dass China derzeit eine Verkürzung der derzeit zehntägigen Zwangsquarantäne für Einreisende aus dem Ausland debattieren würde. Es stünde im Raum, dass künftig nur mehr zwei Tage zentralisierte Quarantäne, gefolgt von fünf Tagen Heimisolation, notwendig sein werden.

Ob die nun am Dienstag zirkulierten Onlinegerüchte wahr sind, wird sich wohl erst in den nächsten Tagen oder gar Wochen zeigen. Doch allein die Tatsache, dass die Kurse basierend auf einer solch wackeligen Faktengrundlage derart in die Höhe schießen, macht mehr als deutlich, wie sehr die Anleger auf ein baldiges Ende der wirtschaftlichen Talfahrt Chinas hoffen.

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