Experten schätzen Risiko als gering ein

Der russische Machthaber Wladimir Putin droht mit Atomwaffen – blufft er?

Der russische Machthaber Wladimir Putin Ende September bei einer Veranstaltung in der russischen Hauptstadt Moskau.

Der russische Machthaber Wladimir Putin Ende September bei einer Veranstaltung in der russischen Hauptstadt Moskau.

Macht Wladimir Putin seine Atomdrohungen wahr? Für Kreml-Beobachter gibt es derzeit kaum eine drängendere – und schwierigere – Frage. Aktuell halten sie das Risiko offenbar noch eher für gering und sehen keine Hinweise auf einen unmittelbar bevorstehenden Nuklearwaffen-Einsatz Russlands.

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Dennoch werden die Ankündigungen des russischen Präsidenten, sein Land mit „allen verfügbaren Mitteln“ zu verteidigen, sehr ernst genommen. Putins Äußerung vom Freitag, die USA hätten mit dem Abwurf von Atomwaffen im Zweiten Weltkrieg einen Präzedenzfall geschaffen, erhöhte die Besorgnis weiter. Das Weiße Haus warnte für den Fall eines Nuklear-Einsatzes vor „katastrophalen Konsequenzen für Russland“.

Schwer zu erkennen, ob Putin blufft

Ob das Putin bremsen kann, weiß niemand. Nervöse Kreml-Beobachter räumen ein, dass unklar ist, was im Präsidenten vorgeht, ob er rational handelt und gut informiert ist. Und schließlich hat der ehemalige KGB-Agent in der Vergangenheit immer wieder einen Hang zum Risiko an den Tag gelegt. Selbst für westliche Geheimdienste mit Spionagesatelliten ist schwer zu erkennen, ob Putin blufft oder wirklich vorhat, das Atom-Tabu zu brechen.

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„Wir sehen in der US-Geheimdienst-Community heute keine praktischen Hinweise darauf, dass er sich einem tatsächlichen Einsatz nähert, dass es eine unmittelbare Bedrohung für den Einsatz taktischer Atomwaffen gibt“, sagte der Direktor des US-Geheimdienstes CIA, William Burns, dem Sender CBS News. „Was wir tun müssen, ist die Sache sehr ernst zu nehmen und nach Zeichen für tatsächliche Vorbereitungen Ausschau zu halten.“

Was die Experten zweifeln lässt, ist unter anderem die Tatsache, dass der Einsatz von Atomwaffen Russland kaum helfen dürfte, die militärischen Verluste in der Ukraine wettzumachen. Die Ukraine setzt keine Panzer oder Truppen in hoher Dichte ein, und die Gefechte spielen sich oft in kleinen Ortschaften ab. Was könnte also eine Atombombe aus russischer Sicht bringen?

Beobachter setzen auf eine abschreckende Wirkung des Nuklearwaffen-Tabus

„Atomwaffen sind kein Zauberstab“, sagt der Atomexperte Andrey Baklitskiy vom UN-Institut für Abrüstungsforschung. „Sie sind nichts, das man einfach einsetzt und damit alle Probleme löst.“

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Beobachter setzen auf eine abschreckende Wirkung des Nuklearwaffen-Tabus. Die katastrophalen Folgen der US-Atombombenabwürfe über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki im August 1945 waren ein starkes Argument gegen einen wiederholten Einsatz solcher Waffen. Bei den Angriffen wurden 210.000 Menschen getötet.

Selenskyj wehrt sich gegen Friedensplan von Musk

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat auf den Friedensplan des US-Milliardärs Elon Musk reagiert, der diese vorher auf Twitter veröffentlicht hatte.

Seitdem hat kein Land mehr eine Nuklearwaffe eingesetzt. Aus Sicht von Experten dürfte es selbst Putin schwerfallen, als erster Staatschef seit US-Präsident Harry Truman zu einer Atomwaffe zu greifen. „Es ist immer noch ein Tabu in Russland, diese Schwelle zu überschreiten“, sagt die Russland-Expertin Dara Massicot von der Denkfabrik Rand Corp. Baklitskiy spricht von „einer der größten Entscheidungen in der Geschichte der Erde“.

Taktische Atomwaffen sind nicht einsatzbereit

Die Reaktionen könnten zu einer weltweiten Ächtung Putins führen. „Ein Brechen des Atom-Tabus würde mindestens eine vollständige diplomatische und wirtschaftliche Isolation Russlands nach sich ziehen“, sagt der Verteidigungs- und Sicherheitsexperte Sidharth Kaushal vom Londoner Royal United Services Institute.

Langstrecken-Atomwaffen, die Russland in einem direkten Konflikt mit den USA verwenden könnte, sind einsatzbereit. Auf die sogenannten taktischen Waffen mit kürzerer Reichweite - für einen möglichen Einsatz in der Ukraine – trifft das nach Angaben von Beobachtern aber nicht zu, denn diese seien eingelagert.

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Nukleares Säbelrasseln könnte Russland Zeit verschaffen

Waffen offen aus dem Lager zu holen, könnte indes auch eine Taktik Putins sein, um ohne einen tatsächlichen Einsatz den Druck zu erhöhen. Er könnte erwarten, dass US-Satelliten die Aktivität beobachten, und womöglich hoffen, dass das nukleare Säbelrasseln westliche Mächte dazu bringt, ihre Unterstützung für die Ukraine zurückzufahren. Das könnte Russland Zeit für die Ausbildung der 300.000 zusätzlichen Soldaten verschaffen, die aktuell mobilisiert werden.

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Zuvor rechnen die Analysten allerdings mit anderen Eskalationen, darunter verstärkten russischen Angriffen in der Ukraine mit nicht-atomaren Waffen. „Ich erwarte keinen Blitz aus heiterem Himmel“, sagt Nikolai Sokov vom Vienna Center for Disarmament and Non-Proliferation.

Expertin Massicot: Putin scheint entschlossen, nach seinen eigenen Bedingungen zu gewinnen

Wenn die Ukraine aber weiter militärische Erfolge verbuchen kann, befürchten die Expertinnen und Experten, dass Putin aus eigener Sicht die nicht-atomaren Optionen ausgehen könnten. Mit der Annexion neuer Gebiete und der Mobilisation reiße der russische Präsident „gerade viele Brücken hinter sich ein“, sagt Expertin Massicot. „Das deutet darauf hin, dass er entschlossen ist, nach seinen eigenen Bedingungen zu gewinnen. Ich bin sehr besorgt darüber, wo uns das am Ende hinführen wird – einschließlich einer Art nuklearer Entscheidung.“

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RND/AP

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