Aus Angst vor der Wahrheit

Falsche Informationen, neue Rückschläge: Scheitert Putins Krieg an den eigenen Beratern?

Ist der russische Präsident Wladimir Putin falsch beraten?

Ist der russische Präsident Wladimir Putin falsch beraten?

Mehr als fünf Wochen nach nach Beginn des russischen Angriffs halten die Kämpfe in vielen Teilen der Ukraine weiter an. Aus den Vororten der ukrainischen Hauptstadt Kiew haben sich die russischen Streitkräfte nur zu einem kleinen Teil zurückgezogen, wie das renommierte „Institute for the Study of War“ in seiner Analyse schreibt. Trotzdem gingen die Kämpfe laut den ukrainischen Behörden weiter. Der britische Geheimdienstchef Jeremy Fleming sprach am Donnerstag von massiven Problemen innerhalb der russischen Armee. Demoralisierte Soldaten weigerten sich, Befehle auszuführen, und sabotierten ihre eigene Ausrüstung. Für Fleming ist klar, dass Russlands Präsident Wladimir Putin die Lage völlig falsch eingeschätzt habe. Die Berater hätten Putin mit falschen Informationen versorgt. Wie konnte es so weit kommen?

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„Es spricht alles dafür, dass Putin von seinen Beratern falsch informiert wurde“, schätzt Thomas Jäger im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) die Situation ein. Er ist Professor für Internationale Politik und Außenpolitik an der Universität zu Köln und inzwischen überzeugt: „Seine Berater trauen sich ihm nur das zu sagen, was er auch hören will.“

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Wie hoch der Druck im Kreml sei, habe man schon daran gesehen, dass Putin im Fernsehen selbst seinen Geheimdienstchef wie einen Schuljungen behandelt habe. Dass Russland eine Diktatur ist und sich im Krieg befindet, verstärke jetzt aus Sicht des Politikwissenschaftlers den Druck auf die Berater. In einer Demokratie könnte man sich viel gefahrloser trauen, Rückschläge zuzugeben. „In Russland müssen die Berater bei schlechten Botschaften mit Konsequenzen rechnen, zum Beispiel mit dem Karriereende.“

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Ex-Nato-General: „So dämlich kann eine Truppe gar nicht sein“

Die vielen Rückschläge der russischen Armee könnten auch einer der Gründe dafür sein, dass der russische Verteidigungsminister und der Generalstabschef nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen wurden, so der Nato-General a. D. Hans-Lothar Domröse. „Es ist ein totales Versagen der Militärs und das deutet darauf hin, dass bereits vor Kriegsbeginn nicht umfassend und gründlich gearbeitet wurde“, sagte er dem RND. „Es fehlt an Aufklärung, einem Bild der Lage und einem Operationsplan.“

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Seit dem Beginn der Belagerung Mariupols durch die russische Armee sind einem Sprecher des Bürgermeisters zufolge 5000 Menschen ums Leben gekommen.

Die Kommunikation zwischen dem Kreml und den Militärs sei offenbar so gestört, dass die Generälen gar nicht wussten, dass sie von einem Manöver in einen Krieg übergehen sollen. „Das deutet alles darauf hin, dass der Kriegsplan so geheim war, dass noch nicht einmal die Kämpfer darüber Bescheid wissen sollten, und das erklärt dann auch die schlechte Performance.“ Wie Jäger hat auch Domröse den Eindruck, dass Putin von vorneherein ein falsches Bild von der Situation gehabt haben muss. „So dämlich kann eine Truppe gar nicht sein.“

Der Kölner Politikwissenschaftler wundert sich über dieses falsche Lagebild. „Es scheint, als ob Putins Weltbild so starr ist, dass er keine widersprechenden Informationen zulässt“, sagte Jäger. Als ehemaliger Agent des sowjetischen Geheimdienstes KGB dürfte Putin aber genau wissen, wie Geheimdienste mit Informationen spielen – auch gegenüber dem eigenen Staatschef. „Präsidenten anderer Länder haben sich deshalb die Analysen ihrer Geheimdienste immer doppelt vorlegen lassen, mit zwei unterschiedlichen Interpretationen der Geschehnisse“, erklärte Jäger.

Falsch informierter Putin wäre „hochgefährlich“

Dass Putin auch heute, fünf Woche nach Beginn des Krieges, noch falsch über das Geschehen in der Ukraine informiert wird, glaubt der Experte aber nicht. „Ich gehe davon aus, dass er jetzt häufig CNN und auch deutsche TV-Sender schaut“, so Jäger. Putins Sprecher Dmitri Peskow hatte im vergangenen Jahr bereits erzählt, dass der Präsident mit deutschem TV-Programm mehrmals in der Woche seine Sprachkenntnisse trainiere. Im Gegensatz zu seinen Landsleuten unterliege Putin auch nicht den Beschränkungen, keine ausländischen Medien nutzen zu dürfen. „Wenn Putin selbst jetzt noch falsche Informationen erhält, wäre das nur durch eine völlige Abschottung zu erklären“, so die Einschätzung Jägers. „Das wäre für den weiteren Verlauf des Krieges hochgefährlich, weil für Putin dann keine realistische Einschätzung der Lage möglich ist.“

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Dass westliche Geheimdienste brisante Informationen aus dem Kreml veröffentlichten, hat in den vergangenen Wochen zugenommen. Schon vor Beginn des Kriegs hatten die Geheimdienste öffentlich vor den nächsten Schritten Russlands gewarnt. „Mit dieser Veröffentlichung der Geheimdienste geben sie vor, genau über den Kreml Bescheid zu wissen“, erklärt Jäger die Strategie. Man wolle Russland verdeutlichen, ganz genau zu wissen, was im innersten Zirkel des Kremls gedacht und geplant werde. Die veröffentlichten Informationen stuft Jäger als plausibel ein.

Kremlsprecher Peskow wies die Geheimdienstberichte zurück, wonach Putin falsch informiert worden sei. „Sie verstehen einfach nicht, was im Kreml passiert“, sagte Peskow am Donnerstag und fügte hinzu: „Sie verstehen Präsident Putin nicht.“

Putin steht in Russland unter Druck. 2024 ist die nächste Präsidentschaftswahl und Putin muss Erfolge in der Ukraine vorweisen. „Die Ukraine muss ihm daher etwas geben, damit Putin gesichtswahrend den Krieg beenden kann“, gibt Jäger zu bedenken. Dies könnten die Gebiete im Süden und Osten der Ukraine sein.

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