Gewalt und Proteste in der Krise – wir müssen solidarisch bleiben

Berlin. Ein lauer Abend an einem deutschen Kleinstadt-Bahnhof. Ein paar junge Männer begrüßen sich, erst angedeutet mit dem Ellenbogen, dann grinsen sie breit, klatschen sich ab und umarmen sich. Männlichkeitsrituale als Widerstandsgeste. Dann lästern sie über den Charité-Virologen Christian Drosten. “Hoffentlich erwischt es den bald”, sagt einer. Die anderen grinsen.

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Drosten erhält Morddrohungen, wird für Pleiten, persönliches Leid und Überdruss verantwortlich gemacht. Die Wissenschaft ist für einige – neben der Politik – zur Wurzel allen Übels geworden.

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Und die Medien werden regelmäßig zum Ziel von Gewalt: Am Mittwochabend gab es wieder einen Angriff auf ein Kamerateam, diesmal trat ein Demonstrant einer Kundgebung vor dem Reichstagsgebäude einen ARD-Tontechniker. Polizisten überwältigten den Mann. Die umstehende, bisher friedliche Menge war nicht etwa schockiert von der plötzlichen Gewalt aus ihren Reihen, sondern beschimpfte die Beamten.

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Wie kann es sein, dass Verschwörungsfantasien und Hassbotschaften plötzlich wieder bis in die Mitte der Gesellschaft hinein wirken, obwohl doch alle Entscheidungen den Verantwortlichen unendlich schwer fallen müssen, weil man über das neue Virus so wenig weiß?

Woran liegt es, dass Politik und Medien immer wieder neu abwägen – in der Bevölkerung aber die Zu- oder Abneigung zum Mund-Nasenschutz zu einer regelrechten Glaubensfrage auswächst? Es liegt genau daran. Weil es zu kompliziert ist, was wir gerade erleben.

Die “traurigste Krise”, hat der Schriftsteller Daniel Kehlmann die Corona-Pandemie genannt, weil sie unsichtbar beginnt. Sichtbar sind nur die Abstandsmarkierungen vor den Geschäften, die Masken in den Gesichtern und die Polizei.

Überfordert von der unsichtbaren Macht, die den Alltag lahmlegt, suchen Menschen nach Erklärungen. Alles ist besser, als zu Hause stumm auf das Ende des Albtraums zu warten. Besser wäre, es gäbe einen Schuldigen.

Währenddessen probt Deutschland eine neue Normalität. Straßen und Bahnen füllen sich wieder, bald öffnen auch die Kneipen. Die Leere in den Städten ist vorbei. Man muss sich aneinander vorbeiquetschen – und sollte doch Abstand halten. Muss Maske tragen, obwohl es stört.

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Und die Aggressivität steigt: Warum muss der sich neben mich setzen? Warum hat die keine Maske auf? Warum schreit da vorne schon wieder einer?

Die Polizei rückt an, weil sich einer im Supermarkt weigert, seine Maske zu tragen. Die Polizei schreibt täglich Anzeigen wegen “Verstößen gegen die Corona-Verordnung”, Dutzende in jeder Stadt. Und immer öfter stehen die Beamtinnen und Beamten Gruppen von Menschen gegenüber, die die Aufforderungen, Abstand zu halten, einfach an sich abprallen lassen.

Mehr als 100 Kundgebungen am Wochenende

Am Wochenende könnten mehr als 100 Kundgebungen stattfinden, so viele werden in den sozialen Netzwerken beworben. Die meisten dieser Demonstrationen werden nicht angemeldet sein. Das Spektrum wird von ganz links bis ganz rechts gehen. Man wird gegen den Staat und seine Vertreter auftreten und sich einig sein, dass Angela Merkel, Bill Gates und “den globalen Eliten” nicht zu trauen ist.

Neu ist wenig davon. Eine ähnliche Querfront von ganz links bis ganz rechts bildete sich bei den Montagsdemonstrationen 2014/2015. Und die asylfeindlichen Demos ab 2015 bewirkten eine ähnliche Spaltung der Gesellschaft.

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Wie damals ist die Politik im Krisenmodus

Doch 2020 wirken die sozialen Netzwerke noch viel schneller als Durchlauferhitzer. Während sich Gruppen wie Pegida im Netz erst etablieren mussten, sind Verschwörungsfantasten wie Ken Jebsen, Xavier Naidoo und Attila Hildmann jetzt schon extrem followerstark.

Drei Millionen Menschen schauen Jebsens Video auf Youtube, in dem er den US-Milliardär Gates zum Schuldigen machen will. Das dockt an alte Verschwörungserzählungen der globalen Elite an, deswegen funktioniert es so gut. Und das teilweise fahrlässige bis übereifrige Einschränken von Grundfreiheiten in den vergangenen Wochen schlägt jetzt zurück.

Unmut und Aggression verbreiten sich zurzeit schneller als das Virus. Dieser Sommer kann alles verspielen: den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der am Anfang der Krise so gelobt wurde. Und die Fortschritte beim Kampf gegen die Pandemie. Wir müssen solidarisch bleiben.

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