Humboldt-Forum: Hadern mit der eigenen kolonialen Vergangenheit

Eine Delegation der Nachfahren von Luf will das Boot selbst begutachten.

Eine Delegation der Nachfahren von Luf will das Boot selbst begutachten.

Berlin. Das Luf-Boot steht vor einer dunklen, grauen Wand. Auf diese wurde eine Weltkarte gezeichnet, die das heutige Papua-Neuguinea und die Insel Luf zeigt. Von dort stammt das einstige Handelsboot. Fast zehn Meter hoch und knapp 16 Meter lang ist das Objekt. Es trägt bunte Verzierungen am Bug, hat zwei große, rechteckige Segel. 50 Menschen passen auf das Schiff – es ist mit das größte Objekt in der Ozeanien-Sammlung des Ethnologischen Museums. Heute steht es nicht mehr auf Luf, sondern im Berliner Humboldt-Forum.

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Steinmeier: „Geschichte von Unterwerfung, Plünderung, Raub und Mord“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am Montag den ersten Teil der ethnologischen Ausstellung im Humboldt-Forum eröffnet. Einflussreiche Menschen sind gekommen, um die Eröffnung einzuläuten: Kulturstaats­ministerin Monika Grütters (CDU), der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), die nigerianische Starautorin Chimamanda Ngozi Adichie und Dutzende Gäste aus der Kultur. Ein Orchester spielt eigens komponierte Stücke mit ausländischen Einflüssen.

Die Stimmung ist festlich, zugleich sehr ernst. „Wir wissen heute, dass die Herkunfts­geschichte vieler der Kunstwerke und Kultgegenstände aus Afrika, aus Asien, Lateinamerika, die in unseren Museen gezeigt werden, noch im Dunklen liegt“, sagt Steinmeier in seiner Rede. „Schlimmer noch, dass nicht wenige davon auch nicht rechtmäßig ‚erworben‘ wurden, dass dahinter eine Geschichte von Unterwerfung, Plünderung, Raub und Mord steht.“

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) während seiner Eröffnungsrede im Humboldt-Forum.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) während seiner Eröffnungsrede im Humboldt-Forum.

Das Luf-Boot ist nur ein Beispiel vieler Objekte, die während der Kolonialzeit nach Deutschland gelangten und nun zur Sammlung des Humboldt-Forums gehören. Manche wurden ertauscht, unter Wert gekauft, aber wohl auch brutal erbeutet. Kritikerinnen und Kritiker bemängeln, die blutige Kolonialgeschichte der Berliner Kultur sei bisher nicht genügend aufgearbeitet worden.

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der die Staatlichen Museen zu Berlin gehören, bekannte am Montag, Museen seien Teil des kolonialen Herrschaftssystem gewesen. Das Humboldt-Forum soll nun ein Ort für Dialog sein. Keine leichte Aufgabe für das Kulturprojekt von Bund und Land.

Das Humboldt-Forum wurde von 2012 bis 2020 am Ort des früheren Berliner Stadtschlosses in Berlin-Mitte errichtet. „Es ist das Zentrum der neuen Mitte unserer Hauptstadt: baulich, aber auch symbolisch“, so Steinmeier. An drei Seiten ist es dem historischen Bau nachempfunden, beinhaltet nun Ausstellungen, Cafés und Restaurants.

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Die Objekte des Ethnologischen Museums, die früher im Museum im Stadtteil Dahlem standen, finden im zweiten und im dritten Obergeschoss ihren Platz. „Museen, die nicht nur Artefakte präsentieren, die sich auch der Geschichte des Kolonialismus ernsthaft stellen, werden anders aussehen müssen als traditionelle Museen“, mahnt der Bundespräsident am Mittwoch.

Und tatsächlich: Wer sich in den neuen Ausstellungsräumen umsieht, merkt, wie sehr das Ethnologische Museum von seiner eigenen Geschichte eingeholt wird, wie sehr es damit hadert. An der Brutalität deutscher Kolonialisten kommt kein Besucher und keine Besucherin vorbei. Es gibt Lernorte, an denen über Kolonialismus in afrikanischen Ländern aufgeklärt wird, und zeitgenössische Kunstinstallationen über Nachfahren der Opfer. Kinderbücher über Antirassismus liegen aus, die Sichtweise indigener Menschen ist auf den Infotafeln dargestellt. Die Kolonialzeit wird nicht vernuschelt, sondern in den Mittelpunkt gestellt.

Masken und Holzfiguren sind in der ethnologischen Sammlung im Humboldt-Forum ausgestellt.

Masken und Holzfiguren sind in der ethnologischen Sammlung im Humboldt-Forum ausgestellt.

Nachfahren wollen Boot begutachten

Bisher konnte die Vergangenheit einiger Objekte nicht geklärt worden. Mithilfe welcher Methoden zum Beispiel das Luf-Boot in den Besitz von Kolonialisten kam, ist ebenfalls unklar. Ein wenig ist aber überliefert: So hatte der Unternehmer Eduard Hernsheim eine Handelsgesellschaft in der Kolonie Deutsch-Neuguinea geführt und das Schiff von Kaufmann Max Thiel 1903 gekauft. Ein Jahr später verkaufte Hernsheim es wiederum nach Berlin.

Laut dem Historiker Götz Aly hat das Deutsche Reich maßgeblich dazu beigetragen, die Bevölkerung Lufs und ihre Kultur auszulöschen. In seinem Buch „Das Prachtboot“ schreibt er, das Luf-Boot sei nicht einvernehmlich erworben worden. Doch wie genau sich Kaufmann Thiel das riesige Boot zu eigen machte, ist nicht bekannt.

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Eine Delegation der Nachfahren von Luf will das Objekt alsbald selbst begutachten und nachbauen. Das Luf-Boot bleibt, anders als die Benin-Bronzen aus dem heutigen Nigeria, in Berlin. Die deutsche Kolonial­vergangenheit soll im Humboldt-Forum untersucht werden. Steinmeier aber geht es auch um die Zukunft. So würden wir die tieferen Wurzeln des Alltags­rassismus nur dann überwinden können, „wenn wir die blinden Flecken unserer Erinnerung ausleuchten“.

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