Hyperinflation zerreißt Argentinien

„Wir leben eigentlich nur noch von Tag zu Tag“

Gemüsehändler Hugo Martinez in seinem Laden in Buenos Aires: Er leidet wie viele argentinische Bürger stark unter der Inflation.

Gemüsehändler Hugo Martinez in seinem Laden in Buenos Aires: Er leidet wie viele argentinische Bürger stark unter der Inflation.

Buenos Aires. Wer überleben will, muss früh am Morgen aufstehen: Vater Damian und Sohn Ricardo ziehen sich eine dicke Wollmütze auf, dazu eine wärmende Fließjacke. „Es ist kalt in Buenos Aires zu dieser Jahreszeit“, sagt Damian im südamerikanischen Winter. „Und damit meine ich nicht nur das Wetter.“ Eigentlich hat die Familie ein kleines Umzugsunternehmen, doch das Geschäft läuft schlecht. Die Inflation hat das Land fest im Griff. Was die Deutschen seit ein paar Monaten kennenlernen, ist für die Argentinier Alltag: Inflation. Seit Jahren, nur viel schlimmer. „Wir leben eigentlich nur noch von einem zum anderen Tag“, sagt Damian. „Wir schauen, dass wir die Tageseinnahmen gleich umsetzen. Lebensmittel, Obst.“

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Den kleinen Umzugswagen nutzen sie am Abend für den Abtransport der Ware. Tagsüber ziehen sie zu Fuß durch die Straßen und sammeln Papier und Pappe ein. Mit dem Auto wäre das zu teuer. Das teure Benzin. „Für ein Kilo gibt es 28 Pesos“, sagt Damian. Das sind nach offiziellem Kurs ungefähr 20 Cent, nach inoffiziellem Kurs wären es etwa 40 Cent, doch die Familie hat keine Dollars oder Euros, die sie auf der Straße tauschen könnte, sondern ist dem brutalen Werteverlust des argentinischen Pesos ausgesetzt.

„Alles wird teurer. Der Sprit, der Strom, die Lebensmittel. Aber wir bekommen trotzdem nur 28 Pesos für ein Kilo Pappe. Ist sie feucht, ziehen sie etwas ab. Für uns ist also Regen richtig schlecht“, sagt Damian. Am Ende des Tages sind es zwölf Stunden, die sie auf den Straßen der Hauptstadt unterwegs waren. Wie Hunderte andere Müllsammler und Müllsammlerinnen, die ihre Karren mühsam über den Asphalt ziehen. Ein Kilo Brot kostet inzwischen etwa 400 Pesos – oder umgerechnet: 14 Kilo Pappe, die sie mühsam zusammensuchen müssen. Doch schon nächste Woche können es 500 Pesos für ein Brot sein.

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Manchmal reicht das Geld nur für Brot ohne Belag

Ein paar Straßen weiter bekommt Kioskbesitzerin Ana Maria die Konsequenzen der Inflation doppelt zu spüren. „Die Preise steigen, jeden Tag. Aber wir nehmen nicht mehr ein“, sagt die Mutter. „Meine Familie macht das krank. Einige haben gesundheitliche Probleme.“ Die Abgaben, die Steuern, die Lebenshaltungskosten, das alles ist eigentlich nur noch zu stemmen, wenn man sich mit anderen zusammentut. Viele ihrer Kundinnen und Kunden haben mindestens einen Zweitjob, um irgendwie über die Runden zu kommen. „Es geht um die einfache Frage: Reicht es noch für Käse oder Wurst zum Frühstück, oder gibt es nur noch Brot?“ Einige fangen bereits an zu tauschen, berichtet Maria: Kleidung oder Haushaltswaren gegen Lebensmittel.

Kioskbesitzerin Ana Maria im Ortsteil Parque Patricios.

Kioskbesitzerin Ana Maria im Ortsteil Parque Patricios.

Zwei Beispiele aus der Arbeiterschicht in Buenos Aires, die zeigen, wie sehr die Menschen in Argentinien unter der chronischen Inflation leiden. Allein im Juli 2022 lag die Inflationsrate in Argentinien bei 71 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Zum Vergleich: In Deutschland lag sie im gleichen Monat bei 7,5 Prozent.

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Der Wertverlust zerreißt das Land gesellschaftlich. Argentinien teilt sich in zwei Lager auf, deren charismatische Anführer unterschiedlicher nicht sein könnten und deren Züge nun aufeinander zu fahren. Der eine: Arbeiterführer, Sozialaktivist und stramm links: Juan Grabois. Wenn er die Armen zusammenruft, dann kommen leicht Tausende zusammen. Wie an diesem Morgen am „Puente Pueyrredon“. Einer der wichtigen Verbindungsbrücken zwischen dem Umland und der Stadt Buenos Aires. Grabois brüllt auf einem Pritschenwagen stehend ins Mikrofon: „Was kann man denn mit 1000 Pesos heute noch kaufen?“ Eine Frage, die sich Millionen Argentinier jeden Tag aufs Neue stellen.

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Grabois könnte in den nächsten Monaten und im anstehenden Präsidentschaftswahlkampf 2023 zu einer Schlüsselfigur werden. Der amtierende Präsident Alberto Fernandez gilt als einer der glücklosesten der letzten Jahrzehnte, musste zuletzt innerhalb von vier Wochen dreimal die Spitze des Wirtschaftsministeriums austauschen. Vizepräsidentin Cristina Kirchner, ein Alphatier der Linken, wird von der Staatsanwaltschaft beschuldigt, ein milliardenschweres Korruptionsnetzwerk anzuführen. Zwölf Jahre Haft stehen im Raum. Kirchner spricht von einer politischen Kampagne gegen sich und mobilisiert ihre Basis. Es kommt bisweilen zu ersten Straßenschlachten. Die Opposition wirft Kirchner vor, bewusst Gewalt zu provozieren, um am Ende Opfer präsentieren zu können. Grabois stellt sich hinter Kirchner und offen gegen Fernandez. Auch das macht das Regieren im Krisenstaat nicht einfacher.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums steht mit Javier Milei die derzeit wohl schillerndste Figur der argentinischen Politik. Er ist ein radikal Marktliberaler mit Rockmusikerattitüde. Und seine Thesen ziehen vor allem die argentinische Jugend in ihren Bann, die in der Dauerkrise verzweifelt eine Persönlichkeit sucht, die ihnen einen Ausweg aufzeigt. Die ihnen Hoffnung macht, dass es irgendwann mal vorbei ist mit der Inflation, der Korruption, der Aussichtslosigkeit, ein eigenes selbstbestimmtes Leben aufbauen und bezahlen zu können, wenn man keine reichen Eltern hat.

Peso hat kaum noch Wert

Milei ist Wirtschaftswissenschaftler, seine Popularität beruht auf seinen Experteneinschätzungen im Fernsehen. Meist drastisch, populistisch formuliert. Argentinien müsse den Dollar einführen, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. „Im Grunde bestimmt ja jetzt der Dollar doch schon unser Leben.“ Der Peso sei nur noch Abfall.

Milei will das Land ganz neu organisieren, den Staat radikal verschlanken. „Argentinien hat 165 Steuern und 70.000 Vorschriften. Das heißt eigentlich, wir sind Sklaven“, sagt Milei beim Interview in seinem Haus im Großraum Buenos Aires. „Sie können sehen, dass Irland, eines der ehemals ärmsten Länder in Europa, dank marktfreundlicher Reformen heute ein Pro-Kopf-BIP hat, das mehr als 10 Prozent höher ist als das der Vereinigten Staaten. Wenn Sie sich also der Freiheit öffnen, beginnen die Menschen damit, Möglichkeiten zu entdecken. Was Sie brauchen, sind die Institutionen des Kapitalismus und des freien Unternehmertums: Privateigentum, Markt ohne staatliche Eingriffe, freier Zugang zum Handel und Markt, soziale Kooperation und Arbeitsteilung.“ Für Milei bedeutet Marktliberalität Freiheit und Chancen. Und immer mehr Argentinier glauben ihm. In den Umfragen werden ihm gute Chancen eingeräumt, in die Stichwahl um das Präsidentenamt 2023 zu kommen.

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Ganz anders sieht das sein Gegenspieler Grabois: Er will auf staatlicher Ebene ein Mindesteinkommen durchsetzen, um den akut Betroffenen aus dem Elend zu helfen. „Ohne dieses Mindesteinkommen ist die Gesellschaft zutiefst ungerecht, sonst gibt es einen Sektor von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die keinen Schutz haben und dann fallen sie in Argentinien nicht in Armut zurück, sondern geraten in extreme Armut, in Bedürftigkeit“, sagt Grabois im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Finanziert werden soll der Vorschlag durch Umverteilung, im Prinzip durch eine Übergewinnsteuer: „Nehmen Sie das eine Prozent heraus, das die großen Unternehmen bilden, die immer in allen Krisen gewinnen. Und stellen Sie diese Mittel den ärmsten Sektoren der Gesellschaft zu Verfügung.“ Auch Grabois bekommt mehr und mehr Zulauf, wird zu einer Art Ikone der Verzweifelten und Abgehängten in Argentinien. Er spricht ihre Sprache, marschiert bei Demos in der ersten Reihe und schämt sich nicht, die Mächtigen aus dem eigenen Lager zu attackieren.

Reporter Tobias Käufer (links) im Gespräch mit Arbeiterführer Juan Grabois.

Reporter Tobias Käufer (links) im Gespräch mit Arbeiterführer Juan Grabois.

„Bislang ist allerdings noch gar nicht genau definiert, wie ein ‚Salario Universal‘ eigentlich ausgestaltet wird“, sagt der deutsche Wirtschaftsberater Carl Moses aus Buenos Aires. Das gäbe Raum für politische Spekulationen und Interpretationen. Mindestlohn, Grundeinkommen, Mindesteinkommen. So richtig ist das noch nicht klar umrissen, was Grabois will. Für einen Vier-Personen-Haushalt liegen die Kosten für die sogenannte „Canasta Basica Alimentaria“ bei 100.000 Pesos, rechnet Moses vor.

Bis zu dieser Summe müsste der Staat also das Einkommen aufstocken, damit der Lebensunterhalt der einkommensschwachen Familien gesichert ist. Wertstoffsammler Damian müsste dafür 3500 Kilo Pappe sammeln. Die „Canasta Basica Alimentaria“ ist die rechnerische Zusammenstellung eines Warenkorbs durchschnittlicher Güter und Dienstleistungen. Sie gilt als Gradmesser für die Lebenshaltungskosten. Und die kennt derzeit nur eine Richtung: steil nach oben.

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Während die Politiker streiten, ist Gemüsehändler Hugo im Ortsteil San Telmo mit der Alltagsrealität konfrontiert: „Die Leute konsumieren weniger“, sagt er inmitten von Gurken, Paprika und Kartoffeln. Weniger Konsum bedeutet für ihn weniger Umsatz, weniger Gewinn. Also sparen. Doch das geht eigentlich nicht. „Die Preise bei den Lieferanten steigen auch, also muss ich die Ware teurer einkaufen, also werden Obst und Gemüse teurer.“ Dafür werden die Armenspeisungen der Kirche immer voller. Ein paar Ecken weiter erzählt Ivana, wie sie das Leben meistert. Tagsüber geht sie putzen, meist vier, fünf Stunden. „Damit bezahle ich die Miete“, sagt die Frau im grünen Parker. „Dann stelle ich mich auf den Markt und verkaufe Kleidung.“ Meistens ist es Billigware, die geht am besten weg. Mit dem Erlös aus dem Verkauf zahlt sie die Nebenkosten der Werbung, das Schulgeld für den Sohn und kauft neue Waren ein. Verkauft sie ein Kleid, ist ein Stück Brot für den nächsten Tag drin. Sie arbeitet 12, 14 Stunden und weiß doch nicht, ob es am Ende reicht.

Argentinien ist in einer Spirale angekommen, aus der es scheinbar kaum einen Ausweg gibt. Die aktuelle Regierung Fernandez hatte bei ihrem Wahlsieg Ende 2019 versprochen, die Armut und den Hunger zu bekämpfen. Doch dann kam Corona und Fernandez machte sein Land komplett dicht. Trotzdem starben fast 130.000 Menschen und die Wirtschaft schmierte ab. Für das Fernandez-Lager trägt ein Milliardenkredit, den die Vorgängerregierung des konservativen Präsidenten Mauricio Macri aufnahm, Schuld an dem Debakel. Die Opposition wiederum wirft Fernandez vor, die Wirtschaft des Landes ruiniert zu haben. Im nächsten Jahr müssen die Argentinier darüber entscheiden, wem sie mehr glauben. Bis dahin müssen sie durchhalten. Irgendwie.

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