„Stehen schlechter da als zu anderen Zeiten der Pandemie“

Im Datenblindflug in die nächste Corona-Welle?

PCR-Tests werden in einem Labor bearbeitet.

PCR-Tests werden in einem Labor bearbeitet.

Deutschland fehlen nach Auffassung der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) aussagekräftige Daten, um besser durch die drohende Corona-Welle im Herbst zu kommen und neue Maßnahmen zu rechtfertigen. „Die Datenlage bleibt weiter nicht ausreichend, um die Pandemie so einschätzen zu können, dass sich teilweise harte Beschränkungen im Privat- und Wirtschaftsleben begründen lassen“, sagte der DKG-Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Wir haben kaum Daten über Reinfektionen und noch nicht einmal die Impfquote können wir korrekt darstellen, obwohl jeder Geimpfte einen ganzen Stapel Formulare ausfüllen musste.“

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„Die Datenlage ist nicht besser geworden, sondern durch das Ende von systematischen Tests etwa in Schulen und die zunehmende Selbsttestung zuhause schlechter.“

Hajo Zeeb,

Epidemiologe am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie

Allen voran bei der Corona-Inzidenz gibt es laut Fachleuten eine große Datenlücke. Sie bildet zwar den Trend ab, nicht aber die echte Häufigkeit der Infektionen, kritisiert der Epidemiologe Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie. „Da sich viele gar nicht mehr testen lassen, verschärft sich das Problem der ungenauen Datenlage“, so Zeeb im Gespräch mit dem RND. „Wir stehen schlechter da als zu anderen Zeiten der Pandemie, in denen wir mehr systematisch getestet haben.“

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Das räumt auch Johannes Nießen ein, Vorsitzender des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD). „Es besteht zum Beispiel eine sehr hohe Dunkelziffer an Infektionen, weil Bürgerinnen und Bürger nach einem positiven Selbsttest oft keinen PCR-Test mehr machen und nur diese gehen in die Erfassung ein“, sagte Nießen dem RND. Er schlägt vor, das Corona-Abwassermonitoring auszubauen. „Darüber lassen sich auch Infektionstrends entdecken, die wir wegen Meldelücken sonst übersehen.“

Seit Februar läuft ein Pilotprojekt in 20 Städten, in denen Abwasser auf Coronavirus-Reste untersucht wird. In der Stadt Köln lag beispielsweise die Inzidenz laut RKI Anfang Juli bei 800. Die Hochrechnung der Coronavirus-Rückstände im Abwasser ergab aber einen fast doppelt so hohen Wert von 1500. „Da uns die Abwassertests ein gutes Lagebild liefern, müssen wir das System kurzfristig flächendeckend ausweiten“, forderte der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen. „Die Abwassertests sind kostengünstig, sehr sensibel und liefern uns früh Aufschlüsse über das Infektionsgeschehen und insbesondere neue Virusvarianten.“ Er sprach sich dafür aus, die Ergebnisse auch in den Indikatorenmix einfließen zu lassen, der bei Entscheidungen über Corona-Maßnahmen zukünftig herangezogen werden soll. „Um im Herbst die Corona-Welle eindämmen zu können, muss der Indikatorenmix bis zum Ende der Sommerpause feststehen.“

Ausfall von Klinikpersonal: Sorge vor Corona-Sommerwelle wächst in Krankenhäusern

Manche Notaufnahmen sind bereits zeitweise geschlossen. Die Corona-Sommerwelle führt zu erheblichen Personalausfällen, auch in den Kliniken.

Dahmen bemängelt, dass viele Daten zur Beurteilung der Pandemie weiterhin fehlen würden. Es gebe kein flächendeckendes System, um die Belastung der Notaufnahmen im Blick zu behalten oder bei regionalen Überlastungen von Normalstationen die verfügbaren Betten in anderen Kliniken zu sehen. Probleme gebe es auch dabei, Personalausfälle in Kliniken im Blick zu behalten. „Besonders Engpässe im Bereich der Pflege können die Kliniken in den kommenden Monaten an die Belastungsgrenze bringen.“ Allerdings sollen demnächst alle Krankenhäuser tagesaktuell die Zahl der Infizierten melden, um eine echte Hospitalisierungsrate zu erhalten.

Nießen hält es ebenfalls für notwendig, die Situation in Notaufnahmen, Neuaufnahmen auf Intensivstationen und freien Krankenhausbetten in einzelnen Regionen täglich zu erfassen. Dies sollte sich jedoch nicht auf Patienten mit Covid-19 beschränken, sondern auch Influenza- und RSV-Viren beinhalten.

Viele Daten, die bereits vorliegen, werden laut Epidemiologe Zeeb aber gar nicht zur Pandemiebeurteilung genutzt. „Dass viele Krankenhausdaten liegen bleiben und nicht weiterverarbeitet werden, ist eine vertane Chance“, so der Epidemiologe. Sie könnten seiner Einschätzung nach deutlich besser genutzt werden, um die Entwicklung der Pandemie und die Notwendigkeit weiterer Maßnahmen abzuschätzen.

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Die Krankenhäuser hatten bereits mehrfach angeboten, Abrechnungsdaten mit fast allen relevanten Informationen zu infizierten Patientinnen und Patienten in Echtzeit zur Verfügung stellen zu können. Doch laut DKG-Chef Gaß habe es vonseiten der Politik kein Interesse gegeben. Epidemiologe Zeeb sieht hier ein großes Potenzial: „Wenn es einen klaren Auftrag an das RKI geben würde, die Daten der Krankenhäuser auszuwerten und mit anderen Daten zusammenzufügen, könnten wir besser durch die nächste Corona-Welle kommen.“ Anhand der Ergebnisse könne man sehr schnell erkennen, wann Infektionen ansteigen, wo sich besonders viele Menschen anstecken, ob bestimmte Gruppen betroffen sind und in welchen Bereichen die Politik eingreifen muss.

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„Entscheidung zwischen Patient und Arzt“

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Die Krankenhäuser monieren, dass sie auch im dritten Jahr der Pandemie viele Daten händisch aus ihrem System in das zentrale Meldesystem Demis eingeben müssen. „Das ist unzumutbar und wird sich an vielen Stellen auch als untauglich erweisen“, kritisiert Gaß. Auch die Gesundheitsämter nutzen Demis, um zum Beispiel Benachrichtigungen aus Laboren über positive PCR-Tests zu erhalten. Steigen im Herbst jedoch die Fallzahlen, fürchten die Gesundheitsämter ein Déjà-vu: „Eine erneute Überlastung der Gesundheitsämter wegen steigender Infektionszahlen ist möglich“, betont Nießen.

„Die analoge Kontaktverfolgung ist bei vielen Corona-Fällen im Herbst nicht mehr möglich.“

Janosch Dahmen,

Grünen-Gesundheitspolitiker

Um das zu verhindern, will Gesundheitspolitiker Dahmen eine digitale Lösung zur Kontaktverfolgung erarbeiten, und zwar über die Corona-Warn-App. „Wir müssen über den Sommer die Voraussetzungen schaffen, dass wir im Herbst eine digitale Kontaktverfolgung verlässlich so ermöglichen können“, sagte Dahmen dem RND.

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